Der seit sechs Monaten bestehende "Kriegszustand" zwischen England und Hollywood ist aufgehoben worden. Im vergangenen Herbst belegte England – um die für wichtigere Zweck gebrauchten Dollars einzusparen – die Einfuhr neuer Spielfilme mit einer Steuer von 75 v. H. der Erlöse. Hollywood antwortete postwendend mit einer Liefersperre, so daß nur alte, bereits in England befindliche Filme weiterhin als Hollywoods Beitrag zur englischen Unterhaltung gezeigt werden konnten. Was das für den englischen Kinobesucher – bedeutete, illustriert am besten die Tatsache, daß Von zehn in England gezeigten Filmen nicht weniger als acht amerikanischer Herkunft sind,

Jetzt ist zwischen einem der geschicktesten Unterhändler der amerikanischen Wirtschaft, dem Vorsitzenden der Motion Picture Association, Eric Johnston, und dem englischen Handelsministerium ein neues Abkommen getroffen worden, das Hollywood den britischen Markt zurückgibt und gleichzeitig die englischen Dollarnöte berücksichtigt. Die prohibitive Steuer fällt fort, und an ihre Stelle tritt eine Transferbegrenzung für die amerikanischen Filmerlöse auf 17 Mill. $ jährlich für die nächsten vier Jahre. Da gegenwärtig aus den Erlösen der eben Hollywoodfilme in England (die nicht von der Steuer betroffen werden) rund 50 Mill. $ jährlich transferiert werden müssen und ein einseitig von England ausgesprochenes Transfer-Embargo einen weit über Hollywood hinausgreifenden Sturm der Entrüstung in den USA entfesseln würde, ergibt Sich tatsächlich für den Augenblick eine beträchtliche Dollareinsparung für England.

Allerdings muß England zusätzlich zu diesem Transfer auch die Einnahmen aus der Vorführung seiner Filme in den USA, über die es bisher frei verfügen konnte, künftig Hollywood überlassen. Doch diese Konzession ist für England im ein kleins Opfer, gemessen an den Ausstrahlungen, die es von diesem? "Filmkrieg" bereits spürte und noch mehr für die Zukunft zu befürchten hatte. Denn der Absatz englischer Filme in den USA ist weitgehend unter amerikanischer Kontrolle und kann von den Hollywood-Gewaltigen leicht gedrosselt werden. Jetzt aber ist Hollywood direkt an der Vorführung englischer Filme interessiert, weil die Dollareinnahmen daraus in seine Tasche fließen. Für England, hat dies den Vorteil, daß durch die Ausnutzung des amerikanischen Marktes die Rentabilität der englischen Filmindustrie verbessert wird und vielleicht auch die günstige Aufnahme englischer Qualitätsfilme in den USA deren Unterbringung in anderen Dollarländern erleichtern kannte. Fragwürdig ist dagegen, welche Rückwirkungen sich aus der Ansammlung von Hollywood-Guthaben in England auf die englische Filmindustrie – und auf die englische Wirtschaft überhaupt – ergeben können. Bei einem Transfer von 17 Mill. und einem amerikanischen Filmumsatz in England von vielleicht 70 Mill. $ jährlich ergibt sich in den vier Jahren des neuen Abkommens ein Hollywood-Guthaben von rund 200 Mill $, das sicherlich nicht, ungenutzt auf der Bank liegen wird. Die bereits beträchtliche amerikanische Beteiligung an der Filmindustrie und an großen Lichtspieltheater-Gruppen in England wird sich gewiß verstärken, wenn nicht gar zu einem unerwünscht hohen Grad der Überfremdung führen. Die Entlastung für den Augenblick wird also von England mit einem hohen, auf die Zukunft gezogenen Scheck erkauft, dessen Verwendung zwar der Kontrolle eines englisch-amerikanischen Komitee!/unter Beteiligung der britischen Regierung untersteht, in dessen Richtlinien jedoch u. a. "der Ansporn von Kunst und Wissenschaft" ausdrücklich festgelegt ist.

In der Zwangslage, in der sich England infolge der Dollarnot befindet, gab es wahrscheinlich keinen anderen Ausweg, wollte die englische Regierung nicht die Marshall-Hilfe für England heftigen Attacken der mächtigen Propagandamaschine Hollywoods aussetzen. Der neue Filmpackt, der diesen "Filmkrieg" beendet, ist direkt ein Schulbeispiel für die vielfältigen Überlegungen, die sich hinter, der so einfach scheinenden Frage "Filme oder Rohstoffe?" verbergen, Und darin liegt zugleich eine grundsätzliche Lehre für den Wiederaufbau des deutschen Außenhandels Es läßt sich nicht nach starren Regeln – noch dazu vielfach fremder Herkunft – eine gesunde Exportwirtschaft: als Teil einer deutschen Wirtschaftserholung konstruieren. Es bedarf vielmehr einer äußerst biegsamen, auf die Besonderheiten jedes Einzelfalles volle Rücksicht nehmenden Verhandlungsführung. An geeigneten, mit der Materie vertrauten deutschen Unterhändlern dürfte es dabei nicht fehlen. Gw.