Der Oberlandesgerichtspräsident in Celle hat vor einiger Zeit seinem Ministerium in Hännover über den Gesundheitszustand der? Justizangestellten in seinem Bezirk berichtet. Das ist eine erschütternde Statistik. Immer wieder heißt es da: erhebliches • Untergewicht, Schlaflosigkeit, Schwindelanfälle, Nachlassen der Arbeitskraft, Gedächtnisschwäche, ganz zu schweigen von Ödemen und – akuten Krankheiten. Im Bezirk, von Celle sind die Verhältnisse nicht schlimmer als in anderen Teilen Deutschlands; man muß daher annehmen, daß es Überall bei uns ähnlich aussieht, daß überall der Beruf des Richters, im Sinne dessen, was er zu erleiden hat, ein "Mangelberuf" ist. Es ist bei uns sehr viel, von "der Justiz" die Rede. Wir sprechen im Zeitalter der Maschine leider auch von menschlichen Einrichtungen wie von technischen Apparaturen, und dabei vergessen wir allzu leicht, daß es sich hier vor allem um Menschen handelt, daß der Mensch wichtiger ist als die bloße Organisation. Wir selbst sind es, die schon in unserem Sprachgebrauch das Persönliche hinter dem Unpersönlichen verschwinden lassen. Und dann klagen wir noch über das Unmenschliche unserer Zeit. Aber die Unmenschlichkeit besteht ja gerade in jener "Weltanschauung", für die die Einrichtung alles bedeutet und der Mensch kaum mehr ist als ein "Einrichtungsgegenstand".

Von Menschen hängt es ab, was "die Justiz" wert ist, von niemandem mehr als von den Richtern. Und der deutsche Amtsrichter oder Landrichter ist eben ein "Normalverbraucher", ein Mangelmensch. Er wird eher schlecht als recht bezahlt, sehr viel schlechter als jeder Bergmann, als jeder Deputat-Arbeiter. Die alten Klassenbegriffe sind hier, wie überall in Deutschland, außer Kraft gesetzt. In Schleswig-Holstein sind mehr als die Hälfte aller Richter Flüchtlinge. Der Richterstand in Deutschland ist Wahrhaftig heute kein Stand von "Besitzbürgern". Der Bericht aus Celle zeigt das zur Genüge.

Es gibt etwa 2600 Richter in der britischem Zone. Und in dieserZone ist seit Kriegsende bei den Richtern kein einziger Fall von Bestechung, von Korruption vorgekommen. Trotz völlig entwertetem Einkommen, trotz Hunger, trotz Überarbeitungdie Richter sind unbestechlich. Und ein Volk, das (Unbestechliche Richter besitzt, das dies im Grunde für zu selbstverständlich hält, um überhaupt davon zu sprechen, ist jedenfalls in seinem Niedergang noch nicht ganz unten angelangt. Auf diese Sauberkeit "der Justiz", die eben die Sauberkeit vieler einzelner dem Richterstande angehörender Menschen, ist, können wir uns verlassen. Man sollte dieses "Selbstverständliche" weder, vergessen noch unterschätzen. Wir leben in einer Zeit, in der das anerkannt werden muß, was sich, unter normalen Voraussetzungen "von selbst versteht".

Seit fünfzehn Jahren hat das deutsche Volk Lebensbedingungen zu ertragen, die alles andere als normal sind. Und es wäre sinnlos, zu leugnen, daß sich damit auch auf dem Gebiete der Moral einiges ändert. Unter dem Terror, der bis 1945 regierte, mußte man einen ungewöhnlichen, einen weit überdurchschnittlichen Mut besitzen, um Widerstand zu leisten. Und es versteht sich eben niemals von selbst, daß jedermann ein Held ist; es können immer nur wenige zu Helden werden. Unter dem Hunger, der seit 1945 regiert, ist unbedingte Ehrlichkeit und Sauberkeit eine ebenso überdurchschnittliche Forderung. Man darf die außergewöhnlichen Versuchungen und alles, was sich daraus ergibt, nicht ohne weiteres mit einem Mangel an Moral verwechseln. Diese Verwechslung hat in den letzten Jahren zu zahllosen Fehlwertungen geführt. Unbedingte Unbestechlichkeit des Beamten, der ohne eigenes Verschulden mit seiner Familie schwerster materielle Not leidet, ist keine "Selbstverständlichkeit". Die Normalforderungen der Moral haben heute oft einen pharisäischen Beigeschmack. Und deshalb verdient es dankbar hervorgehoben zu werden, daß 1600 Richter sich seit drei Jahren als ein ganzer Berufsstand der Uubestechlichen bewährt haben. Dieser Dank muß am so größer sein, da von keinem anderen Berufsstand soviel für das gesamte Rechtsbewußtsein unseres Volkes abhängt als gerade von den Richtern. Fr.