Niemand kann leugnen, daß unsere turbulente Gegenwart auch ihre kleinen Vorzüge besitzt: inmitten ihres mühseligen Alltags schenkt sie uns bisweilen die Freude eines Wiedersehens – Dinge und Menschen blicken uns an, die wir kaum noch suchten, niemals aber noch einmal zu finden glaubten. – In der Hamburger "Auslese" im Eppendorfer Gemeindehaus sahen wir Henny Pölten wieder. Henny Porten, unvergeßlich in der jungen Geschichte des deutschen Films.

Eine leichte Unsicherheit lag über ihren ersten Sätzen; eine Unsicherheit, die im Publikum auch – dann noch wirkte, als sie auf der Bühne längst überwunden war. Lag es daran, daß wir Henny Porten anders in der Erinnerung hatten, als das nämlich, was ihr früher den Namen "unsere" Henny Porten eintrug – jene Mischung von echtem Volkston und Trivialität? Eine Mischung, die oftmals bedenklich nahe am Banalen lag, ohne doch ganz mit ihm zu verschmelzen...

Nun versuchte Frau Porten sich 19 die Rolle der immer noch scharmanten "Frau Selby" hineinzuspielen, der andererseits zwei erwachsene Söhne nicht gerade das Zeugnis allzu großer Jugendlichkeit ausstellen. Sie tat es nicht ungeschickt, hin und her pendelnd zwischen etwas mäßiger Koketterie der immer noch jüngeren Frau und der Resignation einer älteren Dame. Aber es geriet ihr nicht recht überzeugend. Doch das mag auch an der Komödie "Die erste Frau Solby" gelegen haben, ein durchaus belanglose Stück, als dessen Urheber der Engländer St. John Ervine zeichnet. Die Regie hätte da auch manches glücklicher besetzen können, vor allem die "zweite Frau Selby", die zwar in der jungen begabten Marianne Wischmann eine temperamentvolle, aber keineswegs immer glaubhafte Darstellerin gefunden hätte.

Trotz allem – Henny Pölten stand auf der Bühne, dieselbe, die vielleicht nicht einmal mehr die Mehrzahl der Hainburger Premieren-Besucher im Stummfilm (denn damals galt sie mit Recht am meisten) gesehen hat – nur "gesehen", derweil ein Klavierspieler das aufheulende Instrument malträtierte. Es ist ein weiter Weg von damals bis heute. Die berühmte Acta Nielsen scheint ihn an der Kasse eines Vorstadtkinos von Kopenhagen beenden zu sollen – Benny Porten aber wäre eine bessere Rolle in einem besseren Stück zu wünschen!

P. H.