Von Jan Molitor

Er trug ein leuchtend gelbes Gewand und eine Decke; er besaß einen Sonnenschirm und eine Thabate. Er gab der Sekretärin die Hand und auch einem Maler, der in der Redaktion erschienen war, um Bilder vorzuzeigen, auf denen dieser nach dem Thema von Swifts furchtbarer Satire – geschlachtete Kinder dargestellt hatte, geschlachtete und an einen Fleischerhaken aufgehängte kleine Menschen. Auch diesem Maler, wie gesagt, gab er die Hand: "Good morning", sagte er und "Peace!" Mir zeigte er auf meinen Wunsch den Sonnenschirm: ein langes, schlankes Bambusrohr; eng schloß sich darum ein Kranz schwarzer, schmaler Hölzer, Entfaltete man den Schirm, so sah man, daß diese Hölzer das Skelett bildeten, welches bei europäischen Sonnen- oder Regendächern aus einem lächerlichen Drahtgestänge besteht. Bei diesem Schirm aber war es, wenn man ihn öffnete, als schlüge ein farbenprächtiger Pfau ein Rad. Zugleich aber stellte er das Sonnenzeichen Buddhas dar, und nahe beim Griff war in runden, zierlichen, burmesischen Buchstaben der Name des Handwerkers, des Künstlers aufgemalt, der diesen Gegenstand angefertigt hatte. Die Thabate aber, das andere Besitzstück des fremden Gastes war ein Eßgefäß, halb Krug, halb Vase. Nicht mehr, als was dieses Gefäß fassen kann, nimmt er als Nahrung täglich zu sich; häufig aber weniger. Ich vergaß, daß der Fremdling, der wie ein seltener exotischer Vogel – im Korridor auftauchte, eine Brille trug, ehe moderne, sachliche Hornbrille, In meiner Hand liegt seine Visitenkarte. Darauf stehen in fünf Reihen die geheimnisvollen runden Buchstaben, die wie eine Kette einzelner, winziger Schnörkel aussehen, sehr zierlich, sehr fremdartig. Aber der Besucher hat mit Tinte mitten in die Schnörkelreihen hinein einen Strich – gezogen. Vielleicht hat der Drucker da einen Fehler gemacht, und so weiß ich wenigstens, daß vor dem Strich ein Wort endet und danach ein neues anfängt. Auf der Rückseite der Karte steht: Reverend U Thunanda, Alt Sects Combined Buddhist Monks, Great Council of. Burms, Nr. 29, Yadashe Rand, Bahan Rangoon. Wer also will, kann an U Thunanda, der allerdings kein englischer Reverend, kein Priester ist, sondem ein buddhistischer, Mönch, ein Bikkhu, einen Brief schreiben, denn dies ist die Adresse, – Doch es eilt nicht. U Thailands will erst im Jahr 1956 wieder in seiner Heimat sein, zur 2500-Jahr-Feier der Gründung des Buddhismus. Er fügte hinzu: "Wenn ich solange leben ..."

Er ist jedoch noch ziemlich jung. Nicht--nur die kleine, schmale Gestalt verrät es, nicht nur sein klares, fröhliches Gesicht. Sondern man kann seine Jugend berechnen. "Ich werde ein Buch schreiben", sagte er, "und ich will mit der Geburt meiner Mutter beginnen. Sie kam in gleichen Jahr zur Welt, in dem die Engländer in meine Heimat kamen: 1885." Diese seine Mutter entstammt einer vornehmen burmesischen Familie, er aber hat vom Vater her auch deutsches, auch englisches Blut. Er sagte: "Burma ist mein Mutterland, Deutschland mein Vaterland": er hätte, vielleicht hinzufügen können, England sei sein "Onkelland", aber daß den Deutschen "Vaterland" soviel wie "Mutterland" bedeutet hat er sicherlich nicht gewußt, der Bikkhu U Thunanda aus Rangoon. Er ist fremd in diesem Land, ganz fremd.

– Als er über die Straßen Düsseldorfs und Hamburgs ging, der fremde, buddhistische Mönch in seinem gelben Gewand, mit seinem leuchtender. Sonnenschirm und seiner schön glasierter Thabate, liefen die Kinder herbei und riefen: "Guck mal – Gandhi ...!" Und der Mönch aus Burma lächelte. Obwohl er wußte, daß Gandhi als Hindu kein Buddhist war, lächelte er. Denn es freute ihn, aus Kindermund zu hören, daß man in Düsseldorf und in Hamburg den Namen des indischen Mahatma kannte, Denn der Mahatma war der Mann des Friedens, der Mann der sanften Gewalt der Gewaltlosigkeit. Dies möchte U Thunanda selber sein, genau dies; und deshalb hat er sich vor zwei Jahren aufgemacht und ist von Burma über Ceylon nach Europa gekommen. Er war in England, in Frankreich; er will in die Schweiz und möchte nach Wien, nach Prag, nach Ungarn und auch nach Rußland. Er hat Zeit, viel Zeit; er hat sogar ein wenig Geld. Er ist vor Jahren in eine englische Ölgesellschaft auf Burma eingetreten, hat dort, als clerk gearbeitet und gespart, jahrelang gespart. "I am not a moneymaker, I am a peacemaker ...’. sagte er in hartem, fremde Englisch. Er braucht so wenig Geld, buddhistischer Mönch, der er ist. Er kann auf dem Fußboden schlafen, kann hungern, tagelang. Aber von den Deutschen, deren Lebensmittelkarten er gesehen, sagt er, daß sie zu wenig äßen. Oft nicht einmal eine Thabate voll! Er freilich ist ein Mann der Kontemplation. Sie aber müssen arbeiten.

"Wie steht es in Rangoon aus?"

"Ganz so wie in Düsseldorf und in Hamburg – Trümmer ..."

Wenn mir dies gelänge, mochte ich gern zum Ausdruck bringen; daß U Thunanda, der Mönch aus Rangoon, sehr rührend wirkte. Will sagen das Sensationelle war es nicht, was mich berührte. So viele Menschen haben außergewöhnliche Reisen; gemacht: einer, ein Amerikaner, hat einmal einen Schubkarren quer durch die afrikanische Wüste geschoben, und ein. Berliner Droschkenkutscher, "Eiserner Gustav" genannt, ist mit seinem Klepper und seinem holprigen -Wagen "erster Jüte" nach Paris gefahren, um dort Sensation zu machen. Das Sensationelle ist es nicht. So ist gar kein Zweifel, daß es U Thunanda um alles andere als um eine Sensation zu tun war. Was ihn diese zehnjährige Reise antreten. ließ, war ein naiv-frommes, selbstloses, bescheidenes Wollen. Er geht zu den Menschen und redet sie an: "Frieden in dir!" – In Rangoon wurde er duldend in die Kämpfe hineingezogen; er kämpfte nicht, er, ein buddhistischer Mönch, der vorleben mußte, was im ersten Gelöbnis aller Buddhisten geschrieben steht: "Ich. entsage der Gewalt und gelobe, nichts Lebendes zu töten ..." Sie schlugen ihm ein Messer oder einen Säbel ins Gesicht: es ist eine tiefe, halbkreisrunde, Narbe geblieben. Und U Thunanda lag schon, eingescharrt zu werden, als die Nacht kam. Am Morgen stand er auf, blutüberströmt; er war noch ein wenig lebendig. Stand auf und – predigte fernerhin, was gerade so wenig aktuell war: Friede und Gewaltlosigkeit. Und dies zu predigen, ist er nun nach Europa gekommen ... Er hatte. eine seltsame stille Fröhlichkeit; ein Mensch ohne jede Angst. Wo im Gespräch ein kleiner Anlaß zum Lachen sich ergab, da lachte er. Und wo das nicht der Fall war, lächelte er wenigstens. Ein Mensch, allein, und arm, ein Mönch mit einer Thabate und einem Sonnenschirm, und doch freilich. Ein Priester, streng an seinen Buddha-Glauben gebunden und doch frei; und in seiner Freiheit entschlossen, den Frieden zu predigen, soweit seine schwachen Kräfte es vermochten. Das war es, was seine Erscheinung so rührend machte.