Man sah ihm an: vieles. von dem, was in Europa, vor sich versteht – er nicht, – Sein Rezept ist einfach, viel zu einfach. Er tritt auf die Menschen zu und wünscht ihnen den Frieden und besucht die europäischen buddhistischen Gemeinden. Vielleicht ein großer Mann unter den Seinigen; wohl möglich. Kommt er doch aus Burma und Ceylon, das heißt aus Gebieten, wo die hohe Religion Buddhas rein und schlackenlos erhalten blieb, während in China und Tibet Zauber- und Dämonenglauben die alte leuchtende Form des Glaubens trübte! U Thunanda aber sieht die Verhältnisse in Europa nicht klar, insoweit nicht, als er nicht nur das Primat der Politik, sondern die Politik überhaupt leugnet, Und da ich ihn ansah bei seinem Besuch, glaubte ich plötzlich an die Wahrheit einer ganz anderen Geschichte, die ich bisher bezweifelt hatte und die aus einem englischen Internierungslager auf der Insel Man erzählt wurde. – Saßen da zwei Männer mit goldbraunen Gesichtern, und niemand verstand ihre Sprache. Bis jemand auftauchte, der sie verstand und selber ihreSprache sprach. Es waren Tibetaner, und sie erzählten: "Wir waren in unserem Lande und hüteten das Vieh. Und es kamen Männer, fingen uns und ließen uns Gräben bauen. Darein legten wir uns und hatten ein Gewehr. Und wieder kamen andere Männer: die hätten alle schwarze Kleidung an und taten mit uns das gleiche, und wieder lagen wir in Löchern und hatten ein Gewehr, und immer konnten wir noch nicht schießen, und es kamen wieder Männer, die hatten wieder gleiche Kleider, an. Und sie fingen uns. Nun sitzen wir hier ... Bitte, dürfen auch wir eine Frage stellen?" Und als dies bewilligt wurde, fragten sie, was in der englischen Übersetzung hieß: "What was all this shooting about?"Zu Deutsch: "Wozu all diese Schießerei?"

Wir meinen, daß es sehr einfach sei zu sagen; "Friede sei in dir!" Es ist schön, dies zu sagen, wunderschön. Und wer wollte das Wort nicht begierig aufnehmen? Wer möchte nicht den Frieden in seiner Seele wohnen lassen? Aber der Rat, so richtig er ist, er ist zu einfach. Und daher so rührend.

Die deutschen Buddhisten – sie haben alle geschossen im letzten Kriege, genau so wie den Christen. Nur Walter Persian, der Leiter der Buddhistischen Gemeinde Deutschlands, er hat den Kriegsdienst verweigert, es sei denn, man zöge ihn bei den Sanitätern ein. Man hat ihn nicht eingezogen; wahrscheinlich haben Freunde hinter den Kulissen ihm geholfen haben ihn kränk schreiben lassen, für nicht fähig, ein Gewehr zu tragen. Und dies war wohl der einige Ausweg, der es verhinderte, daß er nicht an die Wand gestellt wurde. Die anderen Buddhisten aber haben geschossen, genau, so wie die Christen, denen man – ihrer Religion des Friedens zum Trotz – erzählt hat, sie dürften, ja, sie müßten es. –

Auf diese Frage ging U Tourende nicht ein. "Nichts von Politik", war seine Rede. Und Walter Persian, der ihn begleitete, erzählte vom Volke der Tannu-Tuwa, das unter die sowjetischen Völker eingegliedert wurde. Als sie ihrer buddhistischen Religion halber verfolgt wurden, fingen alle Leute – Männer, Frauen, Kinder up die Wälder. Das ganze Volk! Und als die Verfolgung zu Ende war, kehrte das Volk zurück. und lebt seither dort friedlich. Erzählte er dies als Gleichnis?

"Wieviel Buddhisten, mag es in Europa geben?"

"In Frankreich 100, in England 750, in Deutschland aber 1500."

Und es scheint, daß gerade in Deutschland die Gemeinde der Buddhisten, die augenblicklich darum kämpft, als eine "Körperschaft des öffentlichen Rechts" anerkannt zu werden gleich, den Kirchen, ständig wächst. Und war sind es vornehmlich Deutsche geistiger, intellektueller Kreise, die sich dieser Religion zugewendet haben. Ästhetische, dann philosophische Anregungen haben, zunächst gewirkt. Und jetzt ist die Tatsache, daß unser europäisches Welt- und Glaubensbild so tief; getrübt ist, ausschlaggebend für viele: Sie kehren sich dem Buddhismus zu, Sie wenden sich ab von der europäischen Welt, sie fliehen zur Weisheit des Ostens. Sie wollen wieder Menschen sein.

U Thunanda hatte unter seinem goldgelben Gewand eine Kartentasche befestigt, eine dicke Ledertasche, wie sie bestürmte Soldaten, meistens Offiziere, im Kriege trugen. Dicht gefüllt war diese Tasche mit Papieren, Dokumenten, Erlaubnisscheinen, Certifikaten, Empfehlungen, Permits und Bescheinigungen, daß er zum Beispiel nach Deutschland reisen dürfe, aber nur für zehn Tage und keinen Tag länger. Was die europäische Bürokratie bieten konnte, das hatte sie diesem, schlichten Bikkhu aus Rangoon geboten. Er wußte kaum noch aus und ein. Papiere, Papiere... Er war ganz hilflos mit all den Unterschriften und Stempeln, und das war das Rührendste an ihm.