Als die ersten Nachrichten über schwere Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Aufständischen aus Costa Rica kamen, konnte man sich eines Lächelns kaum erwehren. Denn die Armee Costa Ricas bestand aus 242 Polizisten, 82 Offizieren und 220 Musikern, die alle nicht etwa einem Kriegsminister – diesen Posten besitzt Costa Rica gar nicht – sondern dem Minister für öffentliche Sicherheit unterstehen.

Inzwischen hat die Lage jedoch wesentlich ernstere Aspekte bekommen. Die Lage in Costa Rica drohte sich zu einer mittelamerikanischen Krise zu entwickeln, und erst durch den Vertrag zwischen Regierung und Rebellen und den Rücktritt des Staatspräsidenten Teodoro Picado Michalski ist eine Entspannung eingetreten.

Als im Februar der Führer der konservativen Opposition Otilio Ulate Blanco, überraschenderweise zum Präsidenten gewählt wurde, beantragte sein Gegenkandidat, der frühere Präsident Rafael Calderon Guardia, die Wahl zu annullieren, da einige Terroristen Tausende nicht gewählten Stimmzettel verbrannt hätten. Während ein Wahltribunal Ulates Sieg bestätigte, erklärte der Kongreß das Ergebnis für ungültig. Die Konservativen drohten daraufhin mit Generalstreik, und als auch noch ein Attentat auf Ulate verweht und er außerdem wegen angeblicher Mitschuld am Tode zweier Zollwächter, die bei den ersten Unruhen erschossen worden waren, vorübergehend verhaftet wurde, kam es zu einer regelrechten Revolution.

So bedrängt, schloß Präsident Picado mit den Chef der kommunistischen "Populär Vanguard", Manuel Mora, einen Pakt; Mora bewaffnete seine 2000 Mitglieder – insgesamt verfügt er bei einer Bevölkerungszahl von 725 000 über etwa 8000 Anhänger – und stellte sie Picado zur Verfügung, der außerdem inzwischen in Nicaragua, Honduras und der Dominikanischen Republik um Hilfe gebeten hatte, während die Rebellen sich die Unterstützung Guatemalas und Panamas gesichert hatten. Die Gründe, aus denen Waffenhilfe gewährt wurde, waren sehr verschieden. So waren es, um ein Beispiel zu nennen, gewisse Geschäftsinteressen, die den eigentlichen Herren von Nicaragua, den Kriegsminister Anastasio Somoza, mit der Regierung Costa Ricas verbanden. Er hatte mit dem Gegenkandidaten Calderon ein Privatgeschäft, das gegen die Verfassungen beider Länder verstieß. Ein Sieg Ulates hätte dieses Geschäft unmöglich gemacht. Guatemala dagegen unterstützte die Rebellen in der Genugtuung, gegen seinen alten Feind So-.moza Stellung nehmen zu können. So kämpften auf beiden Seiten fremde Soldaten, Ingenieure, Waffen und Flugzeuge, die auf die Gegner dynamitgefüllte Benzinkanister warfen und "gute Erfolge erzielten", während der Rebellenführer, General José Figueres – in Lateinamerika wird man in solchen Fällen schnell General, selbst ohne Uniform – seine Landsleute aufforderte, mit Schlachtmessern und Macheten in den Kampf zu ziehen.

Die Rebellen waren stärker, und als sie vor der-Hauptstadt standen, mußte Picado, der das Diplomatische Korps um Vermittlung gebeten hatte, einen Vertrag unterzeichnen, der ihn sowie alle führenden Politiker und Militärs seiner Partei verpflichtete, das Land zu verlassen. Die Regierungsarmee kapitulierte bedingungslos. Im letzten Augenblick versuchte Somoza, von Nicaragua aus die Lage und seine Geschäftsinteressen zu retten. Er marschierte, offiziell aus "rein defensiven Gründen", in Costa Rica ein. Aber es war schon zu spät, und durch diese offizielle Intervention, die gegen den interamerikanischen Pakt verstößt, sahen sich die USA veranlaßt, in Managua zu protestieren, während die Bogota-Konferenz den Fall auf ihre Tagesordnung setzte. Wenn mittlerweile, auch die Lage in Costa Rica geklärt ist, können sich doch durch die Untersuchung der panamerikanischen Konferenz juristische Folgerungen für Mittelamerika ergeben, die erweisen werden, ob man wirklich gewillt ist, die Statuten des interamerikanischen Paktes über Nichteinmischung und friedliche Beilegung von Streitigkeiten bis zur letzten, Konsequenz durchzuführen. H. J. Netzer