Gestörter Automatismus – die Krankheit von heute

Von Paul Fechter

Fremdwörter sind manchmal Unglückssadie; zuweilen kann man sie jedoch nicht entbehren. So in diesem Fall bei dem Versuch, einem der häufigsten Zeitphänomene von heute mit der Leuchte des Intellekts ein wenig beizukommen. Es geht um den Automatismus.

Es werden heute unzählige Briefe geschrieben, viel mehr als vor dem Kriege. In jedem dieser Briefe wird zehnmal mehr gestolpert als früher, werden Schreibfehler gemacht, die vor 1945. noch gar nicht erfunden waren. Man schreibt ein Wort, ein ganz einfaches, selbstverständliches: auf einmal malt man den Anfangsbuchstaben oder ein. anderes Zeichen aus der Mitte des nächsten hinein. Die sonst unbemerkt, aber fehlerlos funktionierende Kontrolle des Unbewußten, der Automatismus setzt aus. Man muß mühsam auf sein Bewußtsein achtgeben. Es hilft aber auch nicht viel; die Macht der Störungen ist stärker und läßt immer neue lächerliche oder sinnlose Wortverdrehungen, zuweilen sogar groteske Ungeheuer entstehen.

Wenn man achtgibt, wird man feststellen, daß einem das gleiche beim Sprechen passiert. Daß zuweilen die Wörter für die einfachster Begriffe fehlen, in tiefen Löchern verschwunden sind und allem Bemühen, sie heraufzuholen, ein Schnippchen schlagen – dieser Vorgang ist schon Gewohnheit und fällt selbst bei Vertretern der jüngeren Generationen nicht mehr auf. Aber daß man sich auch beim langsamen Sprechen verhaspelt, daß man wie beim Schreiben bereits Elemente des nächsten erst geplanten Worts in das gerade ausgesprochene hineinnimmt, oder daß man kommende Silben mit den gerade gebrauchten vermischt, daß man ungewollte Schüttelreimwirkungen hervorbringt, über die Kippenberg vor Neid erblassen könnte – das ist ein Ergebnis der jüngeren Gegenwart. Ebenso die Tatsache, daß man in der zweiten Hälfte des Satzes die erste bereits vergessen hat und die waghalsigsten Anakoluthe zutage fördert. Für Sprachforscher und Sprachpsychologen wie Shaws Professor Higgins im "Pygmalion" ist heute gute Zeit – weit über den bloßen Spaß am phonetischen Lokalisieren der Einzelnen hinaus.

Auch dieses ist nur Vorspiel der sonst bescheiden im Verborgenen wirkende Automatismus, die unbemerkt geübte Helferrolle des Unbewußten, die mehr und mehr ausgefallen ist, machen sich nicht nur im Bereich des Sprachlichen bemerkbar. Man will eine Tasse ergreifen, deren Seltenheitswert einem seit langem eingehämmert worden ist; man stößt zur eigenen Überraschung mit unerwarteter Energieladung der Hand gegen das zerbrechliche Objekt, und die leider nur erst im Atom entthronte klassische Physik nimmt sich mitleidlos ihr Recht: die kostbare Tasse zerschellt am Fußboden, und man kann Scherben und Entschuldigungen zugleich suchen gehen. Die einfachste und zutreffendste findet keinen Glauben. Das Unbewußte regelt nicht mehr pflichtgemäß den Energieverbrauch bei einer Bewegung, und die Ersatzkontrolle des Intellekts, der an das dauernde Eingeschaltetwerden noch nicht gewöhnt ist, versagt ebenfalls. Wasman jahrzehntelang automatisch richtig machte, klappt plötzlich nicht mehr. Es klappt in der Realität sowenig wie im Bereich der Sprache: Die Zeiten sind nicht umsonst verrückt gewesen und sind es noch. Irgend etwas im Haushalt der Seele hat sich verschoben und uns dabei die interessantesten Einblicke in die Innenausstattung unserer sogenannten Persönlichkeit freigegeben ...

Das Unbewußte ist seit Schopenhauer und Eduard von Hartmann, Freud und Jung das beliebteste Stück vom weiten Ackerland der Innenwelt geworden. Es ist der große Komposthaufen der Jahrtausende, die auf ihm das ganze Familienerbe ohne Rest mit all seinem Gerümpel an Erlebtem und Erworbenem geduldig zu wieder halbwegs brauchbarem Humus der Seele zu Verwandeln suchen; es ist zugleich die große Truhe des Individuums, in der wir das in der Kindheit mühsam, der eingeborenen Trägheit zum Trotz wirklich Erlernte und Erworbene unterbringen und aufheben. Aber das Unbewußte als Komposthaufen hat seine unangenehmen Seiten: Geschichte, die wieder Gegenwart wird, ist nicht immer sympathisch. In der Truhe des Individuums dagegen bekommt das Unbewußte eine Funktion, ohne deren Wirken, das Leben des einzelnen im Grunde nicht realisierbar wird. Dort liegt unbewußt, aber bisher jederzeit verwendbar und sich automatisch von selbst aktivierend, was er vor allem an Fähigkeiten erwarb (Kenntnisse sind weniger wichtig und ersetzbar). Hier ruht sein Können: sein Sprechen-, sein Schreiben-, sein Zeichnenkönnen, alles ein für allemal Erworbene, hier ruht die Beherrschung seines Körpers, seiner Bewegungen und Tätgkeiten; hier ist der bisher ständig geladen gewesene Akkumulator des Automatismus, ohne den er den Ablauf seines Lebens nicht in Gang erhalten kann. Hier liegen die Fundamente seiner Existenz als Mensch, die Grundlagen seiner Person, ja seiner Persönlichkeit. Von hier aus bezieht er für sein geistiges wie für sein körperliches Leben die tragende Struktur und die ständige, unbemerkte Kontrolle in den tausend großen und kleinen Funktionen des Daseins, die er im Lauf seiner Entwicklungsjahre ausbildete und vertrauensvoll dem Geheimnis dieser Truhe anvertraute, ohne sich weiter um sie zu kümmern.