Von Herbert L. Schrader

Schutzpatron war der verewigte Max Planck, als zu Anfang dieses Jahres in Göttingen eine neue Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften gegründet wurde. Das Beiwort "zur Förderung der Wissenschaften" aber stammt von der großen Vorgängerin des neuen Instituts, nämlich von der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, die einst in der ganzen Welt hohen Ruhm genoß. Dies Beiwort also enthält die Verpflichtung, das große Werk naturwissenschaftlicher Forschung, das von Harnack 1911 begonnen wurde, fortzusetzen.

Seit 1943 teilt der "deutsche Gehirntrust", wie die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft von Amerikanern genannt wurde, das Schicksal der Bombenflüchtlinge und Evakuierten. Berlin hörte schon damals auf, Forschungszentrale zu sein, und einreißt Institute fanden in weniger gefährdeten Städten des Westens und Südwestens Unterkunft. Übrigens ist eine Konzentration dieser Forschungsstellen an einem Ort nicht unbedingt erforderlich. Schon vor dem Kriege unterhielt die Gesellschaft Institute in Müncheberg, Frankfurt am Main, Heidelberg, im Ruhrgebiet und in anderen Orten. Sie standen untereinander in enger Verbindung. Diese Verbindung indes wurde erschwert, als sich nach Kriegsende Grenzen quer durch Deutschland zogen. Nun mußten die verlagerten Institute zunächst engen Anschluß an nahgelegene Universitäten suchen. Vor allem Göttingen und Tübinden zeichneten sich als neue Sammelpunkte der Institute in ihrer Wahlheimat guten Nährboden für ihre Arbeit. So kam es, daß eine Rückkehr im Harnack-Haus zu Berlin-Dahlem im amerikanischen Sektor Berlins immer seltener erwogen wurde, weil er Unterbrechungen der Arbeit gebracht hätte. Schließlich deutete dann die Gründung der Max-Planck-Gesellschaft in der vereinigten britisch-amerikanischen Zone darauf hin, daß ein neuer Ortswechsel der Forschungsanstalten nicht mehr zu erwarten ist.

Die frühere Ärodynamische Versuchsanstalt in Göttingen mit dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Strömungsforschung hat den geschäftsführenden Vorstand der Gesellschaft aufgenommen. Der zum Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft gewählte Nobelpreisträger Otto Hahn hat dort seinen Sitz, wo in einem Seitenflügel des großen Gebäudes im Sommer 1946 das neue Institut für Physik eröffnet wurde, das als erstes statt Kaiser Wilhelms Namen den Max Plancks trug. Dieses Institut verdankt seine Entstehung ganz einfach der Tatsache, daß heute weltbekannte Berliner Physiker in Göttingen wirken. Die Nobelpreisträger Heisenberg und von Laue teilen sich die Leitung des Institutes, dessen Aufbau in bewunderungswürdigem Tempo vor sich ging. 1947 wurde die erste Zählrohr-Koinzidenz-Anlage zur Erforschung der kosmischen Ultrastrahlen in Betrieb genommen. Und eine Wilsorsche Nebelkammer soll in diesem Jahr für weitere Untersuchungen bereit stehen. – Dem in Göttingen alteingesessenen Institut für Strömungsforschung, das bis 1947 unter Leitung von Professor Dr. Ludwig Prandtl stand, wurde jetzt eine Sonderabteilung für Reibungsforschung angegliedert, während die Strömungsforschung, die früher für die Entwicklung der Luftfahrt wichtig war, sich in den letzten Jahren vor allem meteorologischen Problemen zugewandt hat, und zwar leistet das Institut gegenwärtig Vorarbeiten, die von der Wettervoraussage zur Weiterberechnung führen sollen.

Biophysikalischen Fragen, insbesondere der Heilwirkung radioaktiver Substanzen, widmet sich die in Göttingen neugegründete Medizinische Forschungsanstalt. Aus Berlin-Buch ist das Institut für Hinforschung mit Professor Kornmüller nach Göttingen gekommen, während die bekannten Müncheberger Züchtungsanstalten unter Professor Dr. Rudorf nach Voldagsen im Kreis Hameln übergesiedelt sind. Für Dr. Reinhold von Sengbusch, den Züchter der Süßlupine, wurde in Göttingen eine besondere Forschungsstelle eingerichtet. Der Gelehrte beabsichtigt, hier ein neues Nahrungsmittel für die menschliche Ernährung, die Ultrasüßlupine, zu entwickeln. In der Nähe Göttingens arbeiten das Gmelin-Institut für anorganische Chemie in Clausthal, das Fraunhofer Radio-Institut in Lindau bei Herzberg und das. Institut für Landwirtschaftliche Arbeitswissenschaft in Imbshausen bei Northeim.

In Wilhelmshaven wird von Professor Dr. Hämmerling und dem Heidelberger Zoologen Professor Dr. von Holst ein neues Institut für Meeresbiologie aufgebaut. Mit den Lebewesen des Süßwassers beschäftigt sich die Hydrobiologische Anstalt in Plön. Im Westen der britischen Zone gehören der Max-Planck-Gesellschaft unter anderem die Institute für Bastfaser-, Eisen- und Kohlenforschung an.

In der amerikanischen Zone erforscht das Kaiser-Wilhelm-Institut für Biophysik, eine Gründung Friedrich Dessauers, die Wirkung von Atomkernstrahlungen auf lebendes Gewebe. Denn das Zeitalter der Atomtechnik erfordert zum Schutz des Menschen die Entwicklung von wirksamen Strahlenfängern, die alle Atomkraftmaschinen von der Außenwelt abschirmen. Heute werden in Amerika noch dicke Mäntel aus Wasser, Paraffin und Blei um die Atomkrafterzeuger gelegt. Professor Rajewsky und seine Mitarbeiter in Frankfurt suchen jetzt nach leichteren und bequemeren Schutzeinrichtungen. – Im Heidelberger Institut für medizinische Forschung arbeitet Professor Dr. Richard Kuhn, der Entdecker jener chemischen Wirkstoffe, die als Gamone (Hochzeitsstoffe) und Termone (geschlechtsbestimmende Substanzen) bekannt geworden sind. Übrigens sind der Max-Planck-Gesellschaft bisher nur die Institute der britischen und amerikanischen Zonen angeschlossen. Es heißt jedoch, daß Forschungsanstalten in anderen Zonen, soweit sie von wissenschaftlicher Bedeutung sind, aufgenommen werden können.