Proteststreik deutscher Instanzen gegen die Militärregierung! Wird hier etwa für ein Grundrecht des deutschen Volkes nachdrücklich demonstriert, für eine große Sache, die uns alle gemeinsam angeht? Ach nein, gewiß nicht. Hier streiken vielmehr Deutsche für das "Recht", andere Deutsche schlechter behandeln zu dürfen, als die Besatzungsmacht es zulassen will. Ein Fall, von deutscher Zwietracht also. Nichts Erhebendes. Nein, wirklich nichts Erhebendes!

Es geht um Hamburgs nazistisch belastete Ärzte. Nicht um sehr bösartige Fälle; denn mit einer schlimmeren Kategorie als den sogenannten "Minderbelasteten" haben deutsche Stellen in der britischen Zone überhaupt nichts zu schaffen. Von "Hauptschuldigen" ist hier keineswegs die Rede, erst recht nicht von "Verbrechern gegen die Menschlichkeit". Nun, Hamburger Ärzten darf es in Zukunft nicht verwehrt werden, ihre Privatpraxis auszuüben. So hat es die britische Militärregierung abgeordnet. Sie hat damit ihren eigenen bisherigen Rechtsirrtum berichtigt. Denn die frühere britische Anweisung, wonach Ärzte, die nazistisch besonders aktiv waren, durch die zuständigen deutschen Ausschüsse von der Privatpraxis ausgeschlossen werden konnten, verstieß klar und deutlich gegen die der gesamten Entnazifizierung zugrundeliegende Kontrollrats-Direktive Nr. 24. Einem der suspendierten Hamburger Ärzte gelang es, sich in London Gehör zu verschaffen. Und daraufhin wurde der betreffende Absatz aus der Entnazifizierungs-Anweisung für Hamburg ganz einfach gestrichen.

Also ein durchaus klarer Fall. Die Hamburger Militärregierung hatte hier gar keine Wahl. Für die Besatzungsmächte lag der Sinn der Entnazifizierung von jeher darin, daß Nazis aus solchen Stellungen entfernt werden sollten, in denen sie als Nazis Schaden anrichten, könnten. Berufe, die nur fachlich besser oder schlechter, aber weder nazistisch noch antinazistisch ausgeübt werden können, Berufe, die keinerlei Möglichkeit bieten, einen "Willen zur Macht" zu betätigen, sollten gar nicht durch Kaltstellungen "gesäubert" werden. Und das gilt gerade für die ärztliche Privatpraxis. Man kann nämlich nicht in ihr, sondern nur neben ihr ein Nazi sein. Die Kaltstellung im Beruf war nicht als Rache oder Strafe gedacht, erst recht nicht als eine Maßnahme des Futterneides. Sie sollte dem Schutze der Allgemeinheit dienen.

Und nun kommen ausgerechnet die Deutschen und entwickeln am falschesten Orte Zivilcourage. Die Hamburger Ausschüsse des Gesundheitswesens haben ihre gesamte Entnazifizierungsarbeit eingestellt. Der Entnazifizierungsausschuß der Hamburger Bürgerschaft hat diesen Streik gebilligt. Er stellt für den Fall, daß die Militärregierung ihre Haltung nicht ändert, einen allgemeinen Entnazifizierungsstreik in ganz Hamburg in Aussicht. Hauptbegründung: die Entscheidung der Militärregierung werde dem Grundgedanken der Entnazifizierung absolut nicht gerecht und könne daher vom deutschen Standpunkt aus nicht anerkannt werden.

Was ist nun also der "deutsche" Grundgedanke? Offenbar nicht der, daß Kaltstellungen weder von Gefühlen der Rache noch des Futterneides diktiert sein dürfen. Offenbar nicht der, daß ein Beruf als ein Dienst an. der Allgemeinheit, nicht aber in erster Linie als eine Pfründe anzusehen ist. Heißt der "deutsche" Grundgedanke etwa: einem Nazi soll es nun möglichst schlecht ergehen, er soll für alle Zukunft möglichst weit "unten" sein? Ein vortrefflicher Augenarzt etwa soll nicht mehr seinen Mitmenschen helfen dürfen, denn dabei könnte er zuviel Geld verdienen. Er soll sich beim Trümmerräumen oder als Nachtwächter betätigen. Und das nennt man dann "Wiedergutmachung". Hier haben wir die materialistische Berufsauffassung. Hauptsache: was kriege ich? Und nicht etwa: was leiste ich?

Wer hat denn mit solchen Kaltstellungen ohne Zusammenhang mit Verfehlungen im Beruf begonnen? Niemand anders als die Nazis mit ihrer Judenpolitik. Sollen wir etwa diesem Nazibeispiel unter dem paradoxen Namen "Entnazifizierung" folgen? Keineswegs! Der Grundgedanke der Hamburger Ausschüsse kann durchaus nicht als "deutscher Standpunkt" anerkannt werden. Ach, wenn sie doch für immer und ewig ihre Arbeit einstellen wollten, diese Ausschüsse. Die Forderung auf eine Generalamnestie hätte viel eher das Recht, als deutscher Standpunkt zu gelten. Wir brauchen endlich Frieden unter Deutschen. Der Streik gegen die Besatzungsmacht unter der Parole "Deutsche gegen Deutsche" ist kein Weg zum Frieden. Fr.