Petchaburi?" sagten alle Leute in Bangkok. "Sie müssen dort die ‚Grünen Grotten‘ besichtigen!" Petchaburi – "Stadt der Diamanten" – trug seinen Namen mit Recht: es war ein Juwel. Ich hatte es dort jahrelang – auch ohne Grüne Grotten – aushalten können. Es gab soviel zu sehen!

Schon die Fahrt von Bangkok, der Hauptstadt Thailands (wie Siam heute heißt), nach dem fruchtstrotzenden Süden hatte Bild um Bild aus dem ostasiatischen Fabelbuche entrollt. Die immergrünen Regenwälder, die Flammenbäume mit den scharlachroten Blüten, die tropischen Gärten, die "schwimmenden Dörfer", die goldschimmernde Pagode von Nakon Patom, dem buddhistischen Wallfahrtsort! Zartgrüne Reisfelder – spiegelnde Rechtecke, aus denen der junge Hülsenreis in schwebenden Büscheln aufragte. Nackte Siamesenknaben hockten starr wie Bronzen auf ernstblickenden Wasserbüffeln, den Charaktertieren der Reislandschaft. Hier und da stolzierte ein weißer Reiher einsam und feierlich über die spiegelnden Flächen. Dann kamen wieder die Wasserbüffel mit den lebenden Bronzen. Diese Büffel sind der kostbarste Besitz des siamesischen Farmers; und ihr Wohl und Wehe bildet den Hauptgegenstand der Familiengespräche. Furchtbare Rache trifft einen Büffeldieb. Vor einiger Zeit wurde auf einem Reisfeld bei Bangkok die Leiche eines Mannes gefunden, der einen Zettel am Hemd befestigt hatte. Darauf stand geschrieben: "Ich habe ihn getötet, weil er meinen einzigen Wasserbüffel stahl."

Petchaburi aber war der friedlichste Winkel der Erde – eine dörfliche Asiatenstadt mit Banianbäumen, mit einer Elefantenbrücke (ohne Elefanten), mit dem "Diamantenflusse", in dem noch niemals jemand Diamanten geangelt hat, und mit dem Sommerpalast jenes siamesischen Königs Mongkur, der vor einiger Zeit durch den amerikanischen Film "Anna and the King of Siam" eine Berühmtheit erlangte, die diesem gelehrten Buddhisten äußerst mißfallen dürfte. Hier, in Petchaburi, sagte meine Gastgeberin mit heiterem Lächeln: "Heut ist ein prächtiger Tag für die Grünen Grotten. Kru Saman wird Sie hinführen. Sie ist eine Lehrerin aus unserer Schule und spricht recht nett Englisch: ein nützliches Mädchen."

Kru (Lehrerin) Saman war eine merkwürdige Mischung aus Ost und West; das heißt, sie vereinigte die Spitzenleistungen beider Himmelsstriche in ihrer lächelnden kleinen Person. So trug sie auf ihrem Haupte eine Unmenge steif gedrehter Löckchen in Dauerwellenstil, während der Rest ihres Haares zu beiden Seiten hinter ihren Ohren herunterweinte, als ob die Besitzerin der ausländischen Dauerwellen kein Geld oder keine Lust mehr gehabt hatte, den Rest ihrer Mähne auf westliche Weise zu frisieren. Ferner war die Lehrerin Saman mit einer amerikanischen Sportbluse aus feinstem Batist angetan, die sogar einen flotten Schifferknoten aufwies. Der übrige Teil dieser bemerkenswerten jungen Dame war auf siamesische Weise bekleidet. Um ihre Tänzerinnentaille wand sich der landesübliche schwersilberne Kettengürtel, an dem Fräulein Samans sämtliche Schlüssel und ihr rührend, winziges Geldtäschchen befestigt waren. Auch trug sie als Rock den landesüblichen "Panung". Das Fräulein hatte streichholzdünne Ärmchen und Beine, glänzender schräge Edelsteinaugen, ein schelmisches Lächeln und die größten Füße der Welt, die in den ortsüblichen, chinesischen Sandalen steckten. Es waren wahre Siebenmeilenfüße aus einem deutschen Märchen, und ich zweifelte, ob ich mit diesen Füßen würde Schritt halten können. In der rechten Hand hielt die junge Dame einen etwas beschädigten Blumenstrauß, den sie halb hinter ihrem Rücken versteckt hielt. Es wirkte, als ob sie sich mit östlicher Vorsicht erst überzeugen wollte, ob ich ihrer Blumen .wert wäre. In der linken Hand schwenkte das Nützliche Mädchen einen lustig behalten Sonnenschirm aus chinesischem Ölpapier.

Nachdem sie Blumen und Schirm sicher deponiert hatte, verbeugte sich die Dame steif und zeremoniell, hob ihre schlanken Hände zum siamesischen Gruß, lächelte ausgiebig (und ein klein wenig ironisch) und mahnte höflich zum Aufbruch. So marschierten wir, vergnügt ins Grüne. Zwei kleine Jungen, frisch gekämmt, schlenderten in einiger Entfernung hinter uns her, einen Picknickkorb schwingend und beständig kichernd.

Der Weg zu den Grotten war mit bemerkenswerten Einzelheiten gepflastert. Da waren zunächst die "Geisterhäuschen" in jedem Garten der siamesischen Wohnstätten. Und Fräulein Saman erklärte mir, daß diese spielzeugähnlichen Gebilde, die auf einem langen Stein- oder Holzschaft sitzen, dem "Hausgeist" zu Ehren errichtet werden. Dieser Geist, "Phi" genannt, entscheidet über das Wohl und Wehe der Familie, deren Garten er bewohnt, und hat daher eine gewisse Ähnlichkeit mit dem chinesischen "Gott der Küche", dem der ehrwürdige Großvater die Papierlippen mit Honig bestreicht, damit er im Himmel Günstiges über die Familie aussage. Nur ist der siamesische Hausgeist nicht einmal in Pappe oder Holz vorhanden, sondern gänzlich unsichtbar, was ihn nicht hindert, die exakteste Aufmerksamkeit der Familie zu beanspruchen.

Mittlerweile war die Sonne hervorgekommen, und die Lehrerin Saman entfaltete sehr höflich und sehr langsam den Sonnenschirm, den sie trotz meines Protestes den ganzen Weg über meinem Haupte aufgespannt hielt. Dabei plauderte die junge Dame aufs eifrigste und erzählte mir in ihrem singenden Englisch eine Menge wissenswerter Glücklicherweise war das gute Kind von Natur eine Klatschbase und hatte im Laufe ihrer dreiundzwanzig Jahre hinter jede Bambuswand in Petchaburi gesehen. Als wir uns dem Hügel mit den unterirdischen Grotten näherten, wußte ich bereits, wer sich mit wem ver- oder entlobt hatte; wer das meiste Geld in Petchaburi und Umgegend besaß und wer Selbstmord aus Liebe begangen hatte (zwei Punkte, die jeden Siamesen faszinieren). Ich wußte, welcher (bitterböse) Chinese sich mit welchem (engelhaften) Siamesen beim Reiskauf verfeindet hatte; wer im Städtchen "einen zerbrochenen Eimer" hatte (kein Geld mehr besaß; in Siam rinnt das Geld durch die Löcher eines Eimers) und schließlich, was die Geister des Windes dem alten Reisbauern Prasert (dem reichsten Manne der Gegend) für ein böses Fieber angepustet hatten. Großmutter hatte bereits den "Dorfzauberer" geholt, aber der älteste Sohn der Familie hatte zwei buddhistische Mönche gebeten, Palitexte am Lager des Invaliden zu verlesen. Die Krankheit des alten Mannes käme besonders ungelegen – so sagte Fräulein Saman bedauernd –, da vorige Woche der Lieblingsbüffel der Familie gestorben war, obgleich die Mutter dem aus irgendeinem Grunde erzürnten "Phi" einen kleinen Opferbüffel aus Papier zum Abendessen ins Geisterhaus getragen hatte.