In einem Buch von Bernhard Menne "Blood and Steel – the rise of the House of Krupp", dem die Nürnberger Anklagebehörde zahlreiche Informationen entnommen hat, heißt es in der Einleitung: "Es ist klar, daß die in diesen Seiten enthüllte Verbindung von Politik und Geschäft, von Stahl mit dem Schicksal der Nationen nicht als eine Besonderheit gerade der deutschen Geschichte oder Deutschlands gegenwärtiger Läge anzusehen ist. Möge überall da, wo der Name "Krupp" erscheint, der Franzose "Schneider", der Engländer "Vickers" und jedes andere Land seinen entsprechenden Firmennamen einsetzen." Es wäre denkbar, daß sich auch dem amerikanischen Militärgericht dieser Satz eingeprägt hatte, als es zu dem Entschluß kam, die Anklage gegen Alfred Krupp und Genossen unter Punkt 1 und 4 – Vorbereitung des Angriffskrieges und Teilnahme an einer Verschwörung zum Begehen von Kriegsverbrechen – abzuweisen. Wenn man, wie dies viele Amerikaner tun, an der Anschauung festhält, daß die Nürnberger Prozesse das Völkerrecht fortentwickeln, so wären hier aus einem Schuldspruch unabsehbare Verbindlichkeiten entstanden. Die amerikanischen Konzerne, die sich zurzeit mit der Herstellung von V-Waffen und Fliegenden Festungen, also reinen Angriffswaffen befassen, hätten die Arbeit umgehend einstellen, müssen. Die beiden verbleibenden Anklagekomplexe, "Plünderung" und "Sklavenarbeit", werfen ebenfalls völkerrechtliche Probleme von großer Tragweite auf. Wie Richter Jackson im IMT-Prozeß ausführte, entwickelt sich das Völkerrecht aus den Handlungen der Regierungen. Der Verteidiger Alfred. Krupps, Kranzbühler, fordert daher mit Recht, daß das Tribunal den Willen und die Bereitschaft haben muß, das Verhilten nicht nur der deutschen Regierung, das ja seit 1933, wenn nicht seit 1918 offen zutage liegt, zu prüfen, sondern auch das der anderen Regierungen. Denn nur so lassen sich Grundlagen für die Beurteilung der völkerrechtlichen Praxis schaffen, Auch der Nürnberger Hauptankläger General Taylor hat auf einem in Genf am 28. 7. 47 gehaltenen Vortrage darauf hingewiesen, daß die in den Kriegsverbrecherprozessen niedergelegten Prinzipien lächerlich werden müssen, solange das damit geschaffene internationale Strafrecht nur gegen die Angehörigen der Achsenmächte gebraucht wird.

Anläßlich der Einführung von allgemeinen politischen Dokumenten, der die Anklage heftig widersprach, hat nun die Verteidigung nachzuweisen gesucht, daß die Alliierten nach der Kapitulation Deutschlands die gleichen Richtlinien angewandt haben, wie Hitler nach der Niederwerfung Polens, daß damals wie heute die bestehende Regierung als nicht existent und damit die Haager Landkriegsordnung als nicht gültig erklärt wurden. Wenn also damals die Haager Landkriegsordnung hätte angewandt werden müssen und ihre Bestimmungen ungeachtet ihrer Außerkraftsetzung durch Hitler für deutsche Privatleute hätten bindend sein sollen, dann müsse sie auch heute in Deutschland angewandt werden, ungeachtet der Tatsache, daß hohe alliierte Autoritäten anderer Auffassung seien. Die Verteidigung macht mit diesem Beispiel geltend, daß den Krupp-Direktoren nicht zugemutet werden konnte, dem Völkerrecht gegenüber eine andere Haltung einzunehmen als ihre Regierung. Bedeutungsvoll in diesem Zusammenhang ist die Äußerung des englischen Rechtsgelehrten Sir Thomas Barclay, der im Oktober 1922 schrieb: "Schon im Januar 1916 machte sich die britische Regierung als erste durch die Liquidierung bestimmten feindlicher Interessen schuldig ... Hieraus ergab sich, daß das Privateigentum in den meisten Fällen ohne Entschädigung weggenommen wurde und in den anderen Fällen gegen eine lediglich nominelle Entschädigung."

Bereicherte sich nun Krupp tatsächlich an fremdem Eigentum? Die Verteidigung sucht nachzuweisen, daß die Firma Krupp in allen Fällen, wo sie etwas erworben hat, nicht nur so getan hat, als ob sie bezahle, sondern auch wirklich bezahlt hat. Wo die Firma anderseits vom Reich mit der Übernahme der Betriebsführung beauftragt worden war, hätte sie auch nichts zu zahlen gehabt, weil sie nichts erwarb. Bereits im Flick-Urteil ist festgestellt worden, daß die Tätigkeit eines industriellen Treuhänders oder Pächters nicht als "Plünderung" angesehen werden kann.

Das Flick-Urteil hat ferner festgestellt, daß das Sklavenarbeiterprogramm von der deutschen Regierung ausging und der Arbeitseinsatz innerhalb der deutschen Industrie durch die Reichsregierung durchgeführt wurde. Auch die Krupp-Anklage hat nicht nachweisen können, daß die Industrie, die unter stetem Produktionsdruck stand, sich der Zuweisung dieser Arbeitskräfte hätte entziehen können. So bleibt nur die Frage der Behandlung. Noch im Juli 1947 mußte die Anklage im Mitteilungsblatt für die politisch Verfolgten in Bayern ein Inserat einrücken, in dem sie alle in Kruppschen Betrieben Mißhandelten zur Meldung aufruft. Daß Mißhandlungen in Einzelfällen vorgekommen sind, ist bei einer so riesigen Belegschaft, wohl denkbar. Bereits im Flick-Prozeß jedoch mußte das Gericht zu dem gleichen Komplex feststellen, daß das Material der Anklage durch das Material der Verteidigung bei weitem überwogen wurde und daß Mißhandlungen und Vernachlässigungen niemals das Ergebnis einer zielbewußten Einstellung der Werksleitungen waren.

Nach Auffassung der Verteidigung ist es der Anklage nirgends gelungen, den Nachweis einer individuellen Schuld der einzelnen Angeklagten zu erbringen. Statt dessen wird behauptet, daß die Firma Krupp schlechthin eine verbrecherische Organisation war. Der Angeklagte Alfred Krupp soll sich gegen Vorwürfe rechtfertigen, die in eine Zeit fallen, wo er noch nicht einmal zehn Jahre alt war. Mit Recht bemerkt sein Anwalt Kranzbühler, daß hier der Sohn die "strafrechtliche Erbfolge" des nicht mehr vernehmungsfähigen Vaters habe antreten müssen. Tatsächlich wurde als Beweismaterial der Anklage auch ein Film eingeführt, der bestimmte Ausschnitte aus der Entwicklung der Firma Krupp von 1919–1944 zeigt. In der Regel handelt es sich um Besuche von Ausländern und Parteigrößen auf dem Werksgelände, um Stapelläufe und Geburtstagsfeiern des Seniorchefs. Auf den meisten dieser Bilder erscheint Alfred Krupp als Knabe, mit einem Kieler Anzug und Wadenstrümpfen bekleidet ... Im übrigen gilt für die Krupp-Direktoren wie für alle in Nürnberg angeklagten Industriellen eine Formulierung Kranzbühlers aus diesem Prozeß: "Vieles wird nur der verstehen können, der es selbst erlebt hat: die eigenartige Mischung zwischen echter Vaterlandsliebe und ungesundem Nationalismus, zwischen berechtigtem Selbstbewußtsein und gezüchteter Überheblichkeit, das Zusammenspiel zwischen freiwilliger Opferbereitschaft und terroristischem Zwang, das Ineinanderfließen von Glauben, Selbsttäuschung und Betrug." HGST