In dem altmodisch eingerichteten Ministerium in der Rue de la Loi 8 in Brüssel sitzt ein Mann, der eine große europäische Figur ist: Paul-Henri Spaak, zum dritten Male Premier und seit 1936 fast ununterbrochen Außenminister Belgiens, des Landes, das sich rühmen kann, von allen vom Kriege betroffenen Staaten Europas das wirtschaftlich stabilste zu sein. Spaak, der die erste UNO-Vollversammlung präsidierte, ist oft mit Churchill verglichen worden. Und in der Tat: nicht nur die massige Gestalt, das breite Gesicht mit der hohen Stirn und dem spöttischen Mund zeigen eine verblüffende Ähnlichkeit. Auch in der Brillanz der Rede, der vitalen Persönlichkeit. in seiner leidenschaftlichen Liebe zur Politik und seiner Vielseitigkeit gleicht er dem britischen Kriegspremier. Kein Wunder, wenn das Ansehen dieser "Numer eins des anti-sowjetischen Westblocks" in England höher steht als das irgendeines anderen kontinentalen Diplomaten,

Paul-Henri Spaak ist nach seiner Mutter; die als erste Frau in den Senat einzog, der zweite Sozialist in einer berühmten liberalen Familie des Landes. Er begann nach einem Jurastudium als radikaler Marxist. Und abermals drängt sich der Vergleich mit einem britischen Staatsmann auf, mit dem Schöpfer des nationalen Kabinetts und eigenwilligen Sozialisten James Ramsay MacDonald. Wie dessen, so ist auch Spaaks Karriere die Geschichte eines großen persönlichen Erfolges. Gleich MacDonald durchlief er die Phase der Entradikalisierung, haßt er jede Beschränkung der Freiheit und hat gelernt, seine Entscheidungen unabhängig von jeder Ideologie und jedem Dogma von Fall zu Fall zu treffen. Und also ist Spaaks Außenpolitik immer die seines Landes und nicht die seiner Partei gewesen.

Die Abkehr von Locarno und Belgiens strikte Neutralität bei Kriegsausbruch waren sein Werk. Seiner Politik des jeweils Möglichen, die ihm vor dem deutschen Überfall auf Belgien im Lager der westlichen Demokratien viele Feinde schaffte, ist er auch nach der Rückkehr aus dem Londoner Exil treu geblieben. Die Zollunion der Beneluxstaaten wurde verwirklicht. Zwei Jahre verwandte der erbitterte Streiter gegen das Vetorecht in der UNO darauf, die Befriedung der in zwei feindliche Lager gespaltenen Welt herzustellen. Dann sah er ein, daß eine Entscheidung nicht länger hinauszuzögern war. "Osteuropa ist fest organisiert", erklärte er, "ich sehe nicht ein, wieso es ein Verbrechen sein soll, in Westeuropa das gleiche zu tun." – Kurz darauf erblickte die Westeuropäische Union das Licht der Welt. Es ist kein Geheimnis, daß Spaak hierbei im Benelux-Dreigestirn und vielleicht nicht nur in ihm die führende Rolle spielte. Es war auch kaum ein Zufall, daß der Fünf-Mächte-Vertrag in Brüssel unterzeichnet wurde, und daß nicht Bevin oder Bidault, sondern Belgiens Premier nach Washington und Montreal reiste, um die entscheidende Frage einer militärischen Garantie zu besprechen.

Wenige Stimmen zwischen Weißem Haus und Kreml werden heute noch in dem Streit der Giganten gehört. Die des 49jährigen Rechtsanwalts aus Brüssel ist eine von ihnen. Sein Mandant ist längst nicht mehr nur Belgien. Es ist Westeuropa. Und sein neuestes Plädoyer gilt der "Atlantik-Union".

C. L.