Vor einiger Zeit stark der Pädagoge Wilhelm Osbahr in seinem siebzigsten Lebensjahr. Ein außergewöhnliches Leben hatte sich vollendet.

Schon mit dreiundzwanzig Jahren war Wilhelm Osbahr Lehrer an einer Schule für Weiße und Mischlinge in Samoa. Danach leitete er jahrelang ein von ihm gegründetes Seminar für samoanische Häuptlingssöhne. Nach dem ersten Weltkrieg kehrte Osbahr mittellos aus der Gefangenschaft in seine Heimatstadt Lübeck zurück. Seinem Erzieherberuf konnte er sich nun wieder als Leiter des "Rauhen Hauses" widmen. Da ihm die räumlichen Verhältnisse dort nicht genügten, stellte ihm der Staat das Schloß und Gut Heiligenstedten in Holstein zur Verfügung. Verwahrloste und gefährdete Jugendliche aus Hamburg und der Provinz Schleswig-Holstein wurden ihm dorthin zugewiesen. Darüber hinaus war Heiligenstedten bald für Eltern oder Erzieher aus ganz Deutschland, die mit ihren pädagogischen Bemühungen gescheitert waren, die letzte Hoffnung.

Es ist unmöglich, in Kürze zu schildern, was Wilhelm Osbahr in Heiligenstedten geleistet hat. Über seine Methode sei nur Folgendes berichtet. Der Zögling arbeitete auf dem Gut, das sich mit Vieh- und Landwirtschaft fast ausschließlich selbst erhielt, in denkbar großer Freiheit. Obwohl es sich zum Teil um jugendliche Verbrecher handelte, die für gemeingefährlich gehalten wurden, waren weder Ketten noch Handschellen noch Stacheldraht in Heiligenstedten zu sehen. Hier lernten gefährdete und verwahrloste Jugendliche beiderlei Geschlechts – nicht selten zum erstenmal – gesunde und geregelte Verhältnisse kennen. Die Besorgung des Viehs zum Beispiel oder die Bestellung des Bodens oder die Reparatur der Geräte, die Hauswirtschaft, die Aufzucht des Geflügels, alles dies ergab mannigfaltige Möglichkeiten der persönlichen Entwicklung und unterschied sich grundsätzlich von jeglichem Arbeitslagerbetrieb. Geleitet wurden diese Jugendlichen von Erziehern. In dem Leiter der Anstalt aber hatten alle weniger einen Vorgesetzten, als vielmehr einen Berater und väterlichen Freund.

Wilhelm Osbahr war zum Bahnbrecher geworden. Seine Methode war ebenso eigenartig wie erfolgreich und beruhte auf dem Prinzip der Persönlichkeit. Kein Wunder, daß das "Dritte Reich" nichts Eiligeres zu tun hatte, als diesem Mann schleunigst jede öffentliche Tätigkeit zu untersagen. Pädagogen aus Holland, Dänemark, der Schweiz, Frankreich und England hatten sich freilich nicht für zu gut gehalten, sein Werk in Augenschein zu nehmen und zu studieren. In England war eine Anstalt gegründet worden, die auf seinen Ideen fußte. Der sich "sozialistisch" gebärdende nazistische Staat aber stempelte den durch Not oder verdorbene Umwelt irregeleiteten Jugendlichen zum "Volksschädling", der auszumerzen war.

Wilhelm Osbahr litt unter dieser Wendung der Dinge außerordentlich. Nicht nur war sein mit unendlicher Mühe geschaffenes. Lebenswerk zerstört; sein weltweiter Blick sah mit aller Schärfe die geistige und materielle Katastrophe voraus. So wurde er für alle, die ihn kannten, ein Zentrum des geistigen Widerstandes. Bis zu seinem Tode beschäftigten ihn die Probleme, die durch die Technik dem heutigen arbeitenden Menschen gestellt werden. In der Zeit, die ihm sein schweres Leiden zuletzt noch ließ, kehrte sein Geist immer wieder zu diesen Themen zurück.

Immer wieder sehen wir die Menschheit um die Freiheit, die Voraussetzung für alle wahre Kultur und Menschwerdung, ringen. Wilhelm Osbahr bewies, daß es eine persönliche Freiheit gibt, die nicht zerstört werden darf, sondern entwickelt und in gesunde Bahnen gelenkt werden kann. Darum, ist das Gedächtnis an diesen Erzieher heute mehr als je eine Mahnung, nicht zu ermüden im Bemühen um eine wahre menschliche Erziehung.