Von Henry Hemmer

Was dem Nachkriegs-Europa an Schönheit fehlt, gibt es zehn- und zwanzigfach an Erlebnisreichtum her. Früher zog einer, der Abenteuer erleben wollte, in die weite Welt. Heute ist selbst in den exotischsten Ländern das Leben nicht halb so abenteuerlich wie der Alltag zu Hause; und wer von draußen berichten will, muß erst überlegen, was von seinen Großtaten, die er als Tramp Und Trotter um den Globus geleistet hat, in dieser tollen Zeit noch bestehen kann...

Kann eine Schwarzfahrt durch die Rocky Mountains etwa, auf dem Dach oder zwischen den Puffern des Pulmanwagens, noch imponieren angesichts unserer über und über, selbst mit Frauen und Kindern behangenen Züge? Eine Nacht in einem verfallenen Chinesentempel erscheint eine gemütliche Angelegenheit, gemessen an unseren heutigen Übernachtungsmöglichkeiten, und das bisserl auf. Tramptouren (in einer satten Welt) ausgestandener Hunger ist kaum noch der Rede wert. Unter solchen Umständen wird man – mag man auch einst ziemlich wild in der Welt herumgewirbelt sein – lieber die Rolle eines Zuhörers übernehmen, und so lausche ich in einem abenteuerlichen deutschen Eisenbahncoupe gern den Erzählungen meiner Reisegefährten.

Welch melodramatische Grenzübertritte, und obendrein an Orten, wo eigentlich keine Grenze ist! Welch verwickelte, pfiffig eingefädelte, immer dem Magen zugute kommende Tauschgeschäfte! Welch fatale Rencontres mit der konfiskationsfreudigen Bahnpolizei. Ich hätte immer lauschen mögen, aber meine Coupégenossen, die mich schon kennen, drängen mich, meinerseits etwas zum besten zu geben; und so erzähle ich ihnen, um die Situation in die richtige Perspektive zu rücken, wie so eine Lumpazivagabundusfahrt in Amerika vonstatten ging.

Ein Spezialzug – so sage ich – eine Art Tramp-Expreß, nahm einmal uns Rowdies von Montreal mit in die abzuerntende Prärie. Der Zug fuhr Tag und Nacht, größere Ortschaften, ja, selbst die Hauptstadt ignorierend, und hielt nur selten einmal an einer einsamen Pumpe oder einem versteckten Kohlenlager, denn wir waren eine wüste, mörderisch fluchende, kunstvoll spuckende Gesellschaft, deren er sich zu schämen schien; und als wir einmal in der Nähe eines kleinen Nestes, wo wir unsere Vorräte ergänzen wollten, Halt machten, fanden wir die Rolläden herabgelassen und die Haustüren verschlossen – die Siedler hatten Angst vor uns. Nach drei Tagen – und vier Nächten aber, als wir Moosejaw in der goldenen Prärie erreichten, grüßten uns Vagabunden freundliche Blicke: wir waren willkommene Rekruten der Weizenarmee, und jeder fand ein Plätzchen ... Dann – und das ist die Pointe, die ich mir selbst erzähle – als die Tage der Ernte verstrichen, sah ich manch einen von uns über den Zaun mit der Farmerstochter schäkern oder mit dem Zahnstocher im Mund großartig vor einem Restaurant stehen. Nur einer schien nicht vorwärtszukommen – ich. Immer häufiger trafen mich Blicke, die da besagten: Hallo, Freundchen, mir scheint, der wirkliche Vagabund, das bist du, den wir im Trampexpreß für den Gentlemanmitreisenden hielten...

Und da sitze ich nun im deutschen Coupé und betrachte meine Fahrtgenossen: es ist eine noch viel tollere, phantastischere Gesellschaft als die vom Kanada-Expreß. Einarmige, die ihre Koffer behende auf das Gepäckregal schwingen, Einbeinige, die mit zentnerschweren Rückenlasten über Land kamen und wie alte Habitués im Coupé ihre Krücken gemächlich verstauen, ein Mann mit einer Platinplatte und tausend pfiffigen Geschäftsideen im Schädel, ein Unentwegter, der die Geheimnisse seines Porzellanmagens erzählt. Ja, diese Gesellschaft von Kriegsversehrten, reisenden Kaufleuten, ist etwas weit abenteuerlicheres als es selbst Edgar Allan Poe konzipiert hat. Und wieder bin ich, jetzt wie einst, der einzige wirkliche Vagabund unter ihnen. Sie alle streben aufwärts, verlangen nach Sicherheit, nehmen den Alltag alltäglich und klagen schließlich über die schlechten Zeiten. Und ich?

Ich bin betroffen. In meinen Kollegen vom Versehrten-Abteil (wo ich als viel zu Wenig lädierter und gewifter nur geringes Ansehen genieße) hatte ich den Rohstoff für die Helden eines zeitgenössischen Abenteurer-Romans erblickt. Triumphieren sie nicht alle glanzvoll über das Leben – gehandicapped und gepedicapped wie sie sind – diese Tapferen! Und dann fangen sie plötzlich bei der Vorstellung von den Fleischtöpfen Amerikas wie gewöhnliche Sterbliche zu lamentieren an, diese Heroen.