Lange war es ein Rätsei, wer denn nun eigentlich die phantastische Schätzung in Umlauf gesetzt habe, daß nach der Geldneuordnung eine Arbeitslosigkeit von fünf bis sieben Millionen Menschen zu Erwarten sei. Zunächst war die Rede von einem berühmten wissenschaftlichen Institut, das ein Gutachten in diesem Sinne ausgearbeitet haben sollte. Die "Deutsche Wirtschaft" veröffentlichte dann in einem aus Frankfurt datierten Bericht ausführliche Auszüge aus einem angeblichen "Hamburger Gutachten", das der Sonderstelle "Geld und Kredit" in Bad Homburg vorgelegen habe. Da aber keine der sonst mit derartigen Arbeiten befaßten Hamburger Stellen etwas von einer solchen Denkschrift wußte, lag die Vermutung nahe, daß es sich wieder einmal, wie schon in anderen Fällen, um eine Verwechslung von Homburg und Hamburg handeln könnte und daß dies Gutachten, nur weil es der Sonderstelle in Bad Homburg erstattet worden ist, der Kürze halber als "Hornburger Gutachten" bezeichnet wurde. So muß es wohl gewesen sein. Denn nun hat es der letzte Vierteljahresbericht der Industrie- und Handelskammer Kiel ausgeplaudert: Dies erstaunliche Gutachten ist tatsächlich das Werk des Kieler Instituts für Weltwirtschaft!

Wie kommen die Kieler zu ihren Zahlen? Sie gehen, nach dem eben zitierten Auszug – dessen Richtigkeit wir wohl unterstellen dürfen, da er bisher unwidersprochen geblieben ist –, davon aus, daß von 1936 bis 1946 die Zahl der Beschäftigten nur um rund 10 v.H. gesunken ist, der volkswirtschaftliche Umsatz dagegen um gut 40 v. H. "Die Gutachter", so heißt es dann weiter, "knüpfen daran folgende Erwägung: Bei Zugrundelegung der gleichen Normalarbeitszeit müßte die Arbeitnehmerzahl in Anpassung an das Sozialprodukt um 41,4 v. H. gesunken sein. Da jedoch 1946 nur um rund 10,5 v. H. weniger Arbeitnehmer nachgewiesen werden als 1936, ergibt sich daraus die Schlußfolgerung, daß 29,9 v. H. zuviel Arbeitnehmer tätig sind. Weil der Gütermangel nicht stichtagmäßig mit der Geldreform beseitigt sein, sondern noch andauern wird, kann die Überbeschäftigung nicht mit erhöhter Auswertung vorhandener Arbeitskraft ausgeglichen werden (?). Es besteht keine Möglichkeit, nach der Geldreform mit sofortiger Wirksamkeit für 29,9 v. H. der heute in Brot und Arbeit stehenden Arbeitnehmer neue Wirkungsgebiete zu finden; andererseits wird sich die an die Geldreform anknüpfende Geldknappheit so auswirken, daß die Unternehmer den heute (nicht zuletzt wegen der Eigenart der Kontrollrats-Steuergesetze) noch tragbaren Arbeitnehmerüberschuß nicht mehr weiterbeschäftigen können. Wir haben also mit einer Arbeitslosenzahl zu rechnen, deren Höhe sich auf etwa 30 v H. der Arbeitnehmerzahl ex 1936 beläuft, das sind also etwa 4,25 Millionen Personen, die nach der Geldreform ohne Erwerb sein werden."

Das also ist das Kernstück der sogenannten Berechnung, die ja wohl an Leichtfertigkeit kaum mehr übertroffen werden kann und jeglichen Versuch einer wissenschaftlichen Durchdringung der Materie vermissen läßt. Das Gutachten erhöht die so errechnete Arbeitslosenzahl noch um eine weitere Million, nämlich je zur Hälfte registrierte und nichtregistrierte Erwerbslose, für alle vier Zonen (mit Berlin) zusammengenommen. Das wäre, wie gesagt wird, "das günstigste Ergebnis". Die ungünstigere Schätzung, wonach die Arbeitslosigkeit bis an die Zahl von sieben Millionen Menschen herankommen könnte, ergibt sich, "wenn man zur Grundlage der Berechnung der Überbeschäftigung die Festsetzung des Sozialprodukts (Werte) als Vergleichszahl heranzieht".

Ganz verständlich ist dies Rotwelsch nicht. Offenbar ist aber folgendes gemeint: Die erste (günstigere) Berechnung geht von den Volkswirtschaftlichen Umsätzen aus, die in den zehn Jahren von 1936 bis 1946 um 40 v. H. gesunken sind. Die zweite Berechnung beruht auf den Schätzungen des Sozialprodukts: 1946 soll dies 48 Milliarden RM betragen haben, oder, bei einer angenommenen fünfzigprozentigen Preissteigerung gegenüber 1936, nur 32 Milliarden, nach Preisen von damals; verglichen mit dem Stand von 1936, der auf 66 Milliarden geschätzt wird, bedeutet das gut 50 v. H Rückgang. Nach der schlichten Kunst der Regel-de-Tri müßte dann also die Hälfte der Beschäftigtenzahl von 1946, die mit 18,3. Millionen angegeben wird, arbeitslos werden, gleich neun und nicht bloß sieben Millionen Menschen ...

Aber gleichgültig, ob alle diese Zahlenrätsel schon im Originaltext enthalten waren oder erst durch Übermittlungsfehler entstanden sind: der entscheidende Einwand gegen die Kieler Zahlen richtet sich ja nicht gegen irgendwelche Rechenfehler, sondern gegen den falschen Ansatz. Der Kerngedanke des Gutachtens ist ja doch die völlig absurde Annahme, daß im Moment der Geldneuordnung etwa dieselbe Arbeitsproduktivität wie 1936 wieder gegeben sein werde, daß also, mit anderen Worten, jeder Beschäftigte ("bei Zugrundelegung der gleichen Normalarbeitszeit") etwa den gleichen Wertanteil wie damals zum Volkseinkommen (Sozialprodukt) beitragen könne.

Ein Grundfehler dieses Gutachtens ist ferner, daß es die Folgen "der" Geldreform abschätzen zu können glaubt, ohne überhaupt zu wissen, welche Art von Reform nun praktisch in Frage kommt. Andere Methoden müssen ja wohl zwangsläufig andere Konsequenzen nach sich ziehen. Ein Wissenschaftler hätte dies zum mindesten sagen, hätte auf die Relativität des künftigen Geschehens hinweisen, die Kasuistik andeuten müssen. Hoffen wir, daß der neue Kurs in Kiel, wo Dr. Fritz Baade jetzt als Nachfolger von Bernhard Harms wirkt, solche Pannen in Zukunft ausschalten wird!

Wie man zu einer richtigen Bewertung der abgesunkenen Arbeitsproduktivität kommt, nämlich durch eine Analyse der hier zusammenwirkenden Faktoren, hat mittlerweile das große Harmssen-Gutachten gezeigt. Es besagt, um dies in aller Kürze noch zu erwähnen, daß die volkswirtschaftliche Leistung (1946) um etwa 60 v. H. abgesunken ist, verglichen mit 1938: im ganzen sogar um 70 v. H., wobei "technischer Fortschritt und Ausweichvorgänge" einen mit 10 v. H. veranschlagten Gegenposten, im Sinne einer Leistungssteigerung also, bedingen. Im einzelnen entfallen von diesem Leistungsverlust auf abgetrennte Gebiete 15 H., auf Kriegsschäden 9 v. H., auf den Verlust der Außenwirtschaft 3 v. H., auf unterlassene Investitionen gleichfalls 3 v. H., auf Reparationen 12 v. H., auf allgemeine Desorganisation 4 v. H. und auf die abgesunkene Arbeitskraft 24 v.H. Der letzte Posten wird wie folgt erläutert: Minderung der Arbeitsleistung infolge Unterernährung, bei der Hälfte der Bevölkerung mit 25 v. H. angenommen, ergibt ein Minus von etwa 12 v. H.