Heutzutage, da viele Beispiele zeigen, wie Bühnen und Zeitungen oft böse aufeinander sind (und immer der Streit, wer angefangen hat!), ist es bemerkenswert, daß es eine Zeitung – nämlich die "Norddeutsche Zeitung" in Hannover war, die eine Anzahl Kritiker einlud, damit sie – möglichst – etwas Gutes über die Theater der niedersächsischen Hauptstadt schreiben möchten. Das kann gemacht werden. – Die heute 400 000 Einwohner fassende Stadt, einst als "amusisch" und Sitz einer langweiligen Residenz wenig angesehen, zeigt auf kulturellem (und wohl auch wirtschaftlichem) Gebiet tatsächlich eine erfrischende Initiative. Eine freundliche Zähigkeit, Wesensbestandteil des Hannoveraners, sucht dabei nicht ausschließlich nur aus der Not eine Tugend zu machen, sondern den noch vorhandenen Kraftquellen Impulse und Anregungen zu entnehmen. So hatte als erste deutsche Oper die Hannoversche (im Juli 1945) im Galeriegebäude in Herrenhausen ihren Spielplan wieder aufgenommen. Der Kunstverein bringt im Landesmuseum monatlich wechselnde Ausstellungen. Die Kestner-Gesellschaft, einst weit über Hannover hinaus als ein Kreis echter Mäzene bekannt, baut ihre Räume wieder auf. Und nun beginnt auch das Theaterleben den Ruf der Stadt, der bisher nicht sonderlich groß war, über den niedersächsischen Raum hinauszutragen. Die Lage Hannovers bietet durchaus die Möglichkeit, einmal tragende Mitte einer kulturellen Brücke zu sein, die Nord und Süd verbindet. Und dafür bildet die neue Entwicklung des Theaters unter der Intendanz von Kurt Ehrhardt – den ein Angebot aus Hamburg den Hannoveranern zu entführen versucht – soviel wie ein Versprechen; dies um so mehr, als er mit Beginn der neuen Spielzeit als Chefintendant auch die vier anderen. Bühnen Hannovers übernehmen wird. Bei diesen Theatern wirft kein laut nach außen proklamiertes Aufbauprogramm ein billiges Echo. Die hannoverschen Kulturinstitute sind leise tätig, mit dem Willen zum Wachsen. Vielleicht hängt es damit zusammen, daß man im hannoverschen Theater eines findet, was heute rar geworden ist: Ensemblespiel.

In der Komödie "Die sechste Frau" von Max Christian Feiler (der auch als Autor von "Kleopatra II." in angenehmer Erinnerung ist) glich Ehrhardts Regie die der Handlung fehlende plastische Tiefe durch scharfe Pointierung aus, und Max Gaede lieh Heinrich VIII. nicht nur den irdischen Leib eines Falstaff; sein dümmlicher Vielfraß am Gängelband einer klugen Königin, die Friedel Mumme überlegen darbot, hatte sowohl das selbstgefällige als auch das charakterlose Gesicht, das Diktatoren gemeinsam ist. – Auch die in mehr als zwanzig Aufführungen bewährte Darbietung von Borcherts "Draußen vor der Tür" unter der Regie E. F. Brücklmeiers bewies die Vorzüge eines sorgfältig überwachten Ensemblespiels. Sein Bemühen, die dichterischen Schemen des darstellerisch, wie dramaturgisch schwierigen Stückes – noch vor ihrem Verblassen in unserer schnell vergessenden Gegenwart – noch ein Weilchen belebt zu erhalten, verdient ein Kompliment. (Da doch in jeder Inszenierung, wie man sie auch anlegen mag, das empfindsame, leicht geknüpfte Gewebe von Vision und Traum immer zu zerreißen droht.) Der junge und sehr befähigte Hans Messemer glich diesen Mangel des Stückes durch seine sehr eingefühlte und lebensnahe Beckmann-Darstellung aus.

Von den uns Gästen gezeigten Aufführungen aber war die bemerkenswerteste die des gegenwärtig viel erörterten Zuckmayer-Stückes "Des Teufels General". Der kunstvolle Bau dieses Rollengefüges vermag selbst unvollkommene Darstellungen zu tragen – genügend Beispiele beweisen es. Was aber unter Ehrhardts Regie in Hannover geboten wurde, war meisterlich in der Intensität und Geschlossenheit des Spiels, so daß es, überblickt man die umfangreiche Reihe der Darsteller, kaum möglich erscheint, einen Namen als besonders verdienstvoll hervorheben zu dürfen. Doch sei der Name des Bühnenbildners Rudolf Schulz nicht verschwiegen, dessen Bildgestaltungen ebenso stilsicher wie vorbildlich die echte Atmosphäre auch dieser Darbietung trafen. A. Nowakowski.