Von Gunnar Gunnarsson

Hoheitsvoll erhebt es sich aus der See, wenn man sich ihm vom Meere naht: unser Land! Es ergreift das Herz gleich einem Heldenlied, ewigkeitsberühmt, schicksalgesättigt. Nichts Kleines ist in seiner Erscheinung. Mag auch seine Gestalt mannigfaltig wirken, sie ist allenthalben fest geprägt, ein reiner Anblick. Diese erstaunliche Offenherzigkeit in jedem seiner Züge hat es zumeist seiner Nacktheit zu verdanken – und dann dem reinen Himmel, der sich darüber wölbt.

Die Säulen seiner – Klippen sind wie die Stollen in einem streng gebauten Stabreimgedicht. Aber die Großartigkeit seiner Berge und die Gletscher in ihrer Schildgestalt, der Brandungsgürtel um den Strand, das tobende Grollen des Meeres und das Brausen der Stürme sind erfüllt von Geistesgewalt, Schwermut und dichterischem Hauch: ein Eddalied aus Stein geformt

Mit keinem anderen Land läßt Island sich vergleichen. Denn mag es auch im nördlichsten Norwegen und da und dort am Mittelmeer Berggestalten geben, die an isländische Landschaft erinnern, so ist die Ähnlichkeit doch nur oberflächlich: der Seele Norwegens fehlt das Selbständige, Abgeschlossene, Insichruhende unserer Insel. Und in Italien sind Unfruchtbarkeit und Kahlheit von anderem Schlage: immer wieder mischt sich die südliche Üppigkeit traumhafter Gärten ein. Die gänzlich unfruchtbare Kahlheit, die in Islands Wüsten herrscht – diese vollkommene Armut, die der einzige unverlierbare Reichtum des Lebens ist – das ist nirgends anderswo in der Welt zu finden.

Für uns, die wir hier geboren sind, hat dieses Land nicht seinesgleichen. Unsere Seele ist geformt nach dem Bilde seiner Taler und Berge. In uns wohnen Islands Lenze, seine Winter und Sommer.

Wir sind diesem Lande verbunden wie der Reim dem Gedicht. Zuweilen wird das Gefühl dieser Verbundenheit so übermächtig, daß es wie ein Zauberbann erscheint. So war es schon vor alten Zeiten. Als der Skalde Hallfred auf hoher See starb, auf der Heimfahrt aus der Fremde, da war seine Seele nach der langen Trennung von seiner Insel so voll Sehnsucht, daß sie im Todeskampfe vor seinen Augen Gestalt gewann, die Gestalt einer Frau, die über das Meer vorauseilte ...

Wie soll ich es erklären, daß der Isländer so sehr an die Stätte seiner Geburt gebunden ist? Das äußere Wohlsein ist es nicht; niedere Antriebe haben kaum teil daran. Der echte Isländer in der Fremde sehnt sich genau so sehr nach dem isländischen Winter wie nach dem isländischen Sommer. Die langen Winternächte locken seinen Sinn nicht weniger als der ewige Tag des Frühsommers; der Mondschein über den Eisflächen und das reif-fahle Antlitz des Nachtgestirns steht seinem Herzen um nichts ferner als Sonnenschein und Südwind, an denen sich schon Jung Thordis freute, als ihr geliebter Sörli in den Hof geritten kam. Vielleicht ist es mehr als alles andere die Reinheit, die unerschütterliche Bestimmtheit und Eindeutigkeit der Natur, die ihre Unerbittlichkeit nicht unter dem lächelnden Grün blühender Gefilde versteckt, sondern sich vielmehr einfältiglich und offenkundig zu erkennen gibt, die in den Runsen der Bäche auf Schritt und Tritt das offene Grab zeigt und einen jeden dazu erzieht, sich dem Leben zu fügen, wie es einmal ist – unverstellt, ungeschminkt, doch in seinen engen Grenzen ewig und allmächtig, mit übernatürlichen Kräften und unlösbaren Rätseln gesättigt von Urzeiten her und über Grab und Tod hinaus.