Von Marion Gräfin Dönhoff

Japan muß wieder zu der Werkstatt ganz Ostasiens werden! Dies ist das Resumée, zu welchem die letzte der vielen Kommissionen gekommen ist, die Japan bereist und die japanische Wirtschaft untersucht und durchleuchtet haben. Wie ein Feueralarm läuft diese Nachricht nun durch alle Länder Ostasiens und löst entsprechende Besorgnis und Mißbilligung vor allem in Rußland und China aus – war es doch gerade dieser Anspruch, der Japan vor dem zweiten Weltkrieg im Fernen Osten zu dem gefürchteten Hauptfeind Nr. Eins hatte werden lassen.

An der Spitze jener sogenannten fact finding commission stand Mr. Draper, Unterstaatssekretär im Kriegsministerium, und es gehörten ihr ferner an Paul G. Hoffmann und einige andere gewichtige Persönlichkeiten der amerikanischen Großindustrie. Sie war, wie gesagt, nicht die erste mit wichtigen Aufträgen ausgestattete Kommission, die das Nachkriegsjapan besuchte, um festzustellen, ob die dortige Wirtschaftspolitik eigentlich den Interessen der amerikanischen Steuerzahler entspräche und der politischen Weltsituation Rechnung trüge. George Kennan vom State Department war zuvor dort gewesen und schon im Sommer 1947 war auf die Initiative des Kriegsministeriums eine Organisation, die Overseas Consultants, bestehend aus den fähigsten Spezialisten und Industriellen eingesetzt worden, die an Ort und Stelle Untersuchungen durchführten, die wohl zu den sorgfältigsten Erhebungen gehören, die je in einem besetzten Lande angestellt worden sind. Bisher waren alle diese Berichte geheim, vermutlich mit Rücksicht auf die Washingtoner Far-East-Commission – die gewissermaßen die Legislative der Alliierten für Japan darstellt – und in der vor allem Rußland und China alle wirksamen Aufbautentendenzen zu boykottieren trachten. Diese Rücksicht ist nun fallen gelassen worden, auch der Bericht der Overseas Consultants ist jetzt veröffentlicht worden, und man kann annehmen, daß dies die ersten offiziellen Schritte zur Emanzipation der amerikanischen Politik von den übrigen alliierten Mächten Japan gegenüber sein wird.

Es hat sich eben doch sehr Vieles in der gesamten Weltsituation verändert und diesen Wandlungen, wenn sie vielleicht auch nur im Bewußtsein der Menschen – die ihre Anschauungen den objektiven Tatsachen anglichen – stattgefunden haben, soll Rechnung getragen werden. Im Herbst vorigen Jahres hat General MacArthur mehrfach geäußert, die Hauptaufgabe der Besatzung sei nunmehr erfolgreich beendet, und man nahm daher allgemein an, der japanische Friedensvertrag würde noch vor der Londoner Konferenz im Dezember 1947 zum Abschluß gebracht werden können, was sodann die Zurückziehung der amerikanischen Besatzungstruppen zur Folge gehabt hätte. Jetzt, sechs Monate später, ist von MacArthur ein Telegramm an das Kriegsministerium gesandt worden, in dem er sich gegen jede Zurückziehung der Truppen ausspricht und die Aufrechterhaltung der Besatzung fordert, bis die Gewähr gegeben sei, daß Japan durch keine andere Macht in seiner Sicherheit bedroht würde.

Es ist schwer, ein eindeutiges Bild von der derzeitigen Situation in Japan zu gewinnen. Einerseits bringt die englische Textilindustrie ihr Mißfallen darüber zum Ausdruck, daß die Konkurrenz in Japan, die im Jahre 1946 nur eine Million Yards an Baumwollgeweben verkaufte, im Jahre 1947 schon 400 Millionen Yards in den Handel brachte und damit bereits dreiviertel der gesamten Lancashire-Produktion erreichte und sie in diesem Jahr eventuell schon überflügeln wird. Anderseits steht fest, daß die gesamte übrige Industrie in Japan nur etwa 35 v. H. der Vorkriegshöhe erreicht hat, daß die Löhne auf das dreißigfache und die Lebenskosten auf das siebzigfache gestiegen sind, daß im vergangenen Jahr fünf Millionen Japaner aus den abgetrennten Gebieten auf die Insel zurückgekehrt sind und dort das Heer der Arbeitslosen vermehren und daß schließlich der Verlust der abgetretenen Gebiete: Formosa, Korea, Mandschurei und Sachalin, einer lebensbedrohenden Amputation gleichkommt. Die psychologische Situation ist vielleicht am besten in einem Bericht aus Tokio zitiert, den der Observer veröffentlichte. Es heißt darin: "Allmählich beginnt die Leere spürbar zu werden, eine vage Sehnsucht erwacht nach einer echten Hierarchie, nach Disziplin und Beschränkung des individuellen Egoismus, nach einer Gelegenheit zur Bewährung und zum Heldentum. All diese Dinge bietet der Kommunismus. Die japanischen Lehrer dagegen kämpfen, in ungeheizten Klassenräumen, ohne die erforderlichen Bücher, schlecht bezahlt, unterernährt und in dem Nimbus ihrer Unfehlbarkeit durch eine auf gut Glück durchgeführte politische Reinigung stark beeinträchtigt."

Wenn angesichts dieser Tatsachen MacArthur von den erfolgreich abgeschlossenen Aufgaben der Besatzungsmacht gesprochen hat, so mag er damit in erster Linie an die Demilitarisierung gedacht haben – wie weit übrigens dieses Ideal durch die großen Flugplätze, die die Amerikaner im Norden des Landes zu bauen begonnen haben, inzwischen wieder fragwürdig geworden ist, sei dahingestellt. Mit großem Stolz blickt MacArthur wohl auch auf das Werk der Demokratisierung eines in seiner ganzen Geschichte autoritär erzogenen Volkes, auf die Abschaffung des Kaiserkults, die Zerstörung des Samuraimythos und die Zerschlagung des Feudalismus. Wie weit diese Befriedigung vielleicht nur der asiatischen Höflichkeit dieses Volkes zu danken ist, wird sich schwer feststellen lassen; auf wirtschaftlichem Gebiet, wo die Resultate eindeutiger zu ermitteln sind, wächst die Kritik an Mac Arthurs Regime mindestens innerhalb Amerikas ständig.

Der Bericht der Overseas Consultants, der seine Berechnungen auf das Planjahr 1953 abstellt, kommt zu dem Ergebnis, daß bis zu diesem Jahr die Bevölkerung auf 85.8 Millionen angewachsen sein wird, verglichen mit 70,6 Millionen Im Jahr 1937. Während damals nur 7,3 Millionen Japaner vom Ausland ernährt wurden, werden es 1953: 22,5 Millionen sein, Die hierfür erforderlichen Lebensmittelimporte werden auf eine halbe Milliarde Dollar geschätzt, so daß bei den sehr hohen Rohstoffimporten, auf die Japan stets angewiesen war, der gesamte Export 1953 um etwa eine halbe Milliarde Dollar höher sein müßte als 1937 zu einer Zeit, da die japanische Industrie noch voll funktionierte, eine große Handelsflotte zur Verfügung stand und das Land noch nicht in dem Maße unter der Überbevölkerung zu leiden hatte. Der Bericht kommt daher zu dem eindeutigen Resultat, die Demontage müßte sofort gestoppt und alles getan werden, um die japanische Industrie wieder zur höchsten Entfaltung zu bringen.

Man ist in Washington offenbar überrascht, festzustellen, daß ein militärischer Apparat wohl geeignet ist, Befehle auszuführen, nicht aber sie auf ihre Zweckmäßigkeit hin zu prüfen oder gar beurteilen zu können. In diesem Sinne ist der Besatzungsbehörde die sogenannte Direktive FEC 230 zum Verhängnis geworden, die seinerzeit die Billigung MacArthurs gefunden hatte, was jetzt von Forrestal und zum Teil auch vom Kongreß außerordentlich scharf kritisiert wird. Jene Direktive ordnete nämlich an, daß die großen Industrie- und Familienkonzerne mit einem Schlag atomisiert und in möglichst kleinen Einheiten an möglichst viele Privatpersonen veräußert werden sollten. Eine Maßnahme, die übrigens seinerzeit von den japanischen Sozialisten ebenso stark bekämpft wurde wie heute von den amerikanischen Kapitalisten. Die Zerschlagung dieses industriellen Feudalismus, der zugleich auch die Finanzierung der gesamten Wirtschaft organisiert hatte, kommt in ihrer Auswirkung etwa der Bodenreform in der Ostzone Deutschlands gleich und erscheint daher nicht sonderlich geeignet, um das neueste Ziel der amerikanischen Kolonialpolitik: Japan zu der größten Werkstatt Ostasiens auszubauen, erfolgreich zu verfolgen.