Von Paul Hühnerfeld

Der Autor dieser Geschichte gehört zur jungen Generation. Er ist Zeitungs-Volontär, zugleich Student der Philosophie und Literatur in Hamburg

Als er an einem Morgen zu seinem gewohnten Platz kam, saß dort eine ziemlich junge, dicke Frau. Der alte Mann sagte: "Dies ist mein Platz. Hier habe ich immer gesessen, seit dem Kriege sitze ich hier." Die Frau sah über ihn hinweg in die Luft und schwieg. Der alte Mann sagte: "Ich habe eine polizeiliche Erlaubnis. Ich bin ein kranker Mann mit steifen Beinen." Die Frau fragte: "Wofür Erlaubnis?" und sah immer noch in die Luft. – Der alte Mann nahm einen Hocker, den er unter dem Arm getragen hatte, und stellte ihn neben die Frau. "Ich sitze hier", sagte er eigensinnig und ließ sich umständlich nieder.

Unter seinem abgeschabten grünen Mantel zog er ein langes Sägeblatt und einen Geigenbogen hervor. Auf das eine Knie legte er seine Mütze so, daß das Futter nach außen stand. Er machte ein trotziges Gesicht und begann, mit dem Bogen über das Sägeblatt zu streichen und ihm hohe, heulende Töne zu entlocken. "Ach herrje!" sagte die Frau.

Die – Töne der singenden Säge drangen nur schwach über den großen Platz, an dessen anderem Ende der Hauptbahnhof steht. Es war eine Mischungzwischen Klang und Geräusch, und manche Töne unterschieden sich wenig von dem schritten Laut der Straßenbahnen, deren Räder sich in den Kurven an den Gleisen rieben. Der alte Mann hatte nicht mehr Kraft genug, das frei schwingende Sägeblatt so stark und geschwind zu pressen oder zu lockern, daß ihm eine vollständige Tonskala zur Verfügung stand. Und je länger er spielte, desto einfältiger wurde seine Melodie. Schon lange hatte er so ausdauernd nicht mehr gespielt. Die Nähe der fremden Frau machte ihn eigensinnig, und er war den Tränen nahe. "Ach herrje!" wiederholte sie stumpf. "Wer wird dafür noch etwas geben!"

Der alte Mann wußte längst: seine Geschäfte waren schlechter geworden. Er hatte wohl bemerkt, daß auf dem Bürgersteig, der sich an dieser Stelle etwas verbreiterte, eine Veränderung vor sich gegangen war. Er hatte es beobachtet, aber er verstand es nicht. Dort, wo früher die Menschen eilig vorübergingen, blieben sie jetzt in Gruppen beieinanderstehen. Es waren Männer in dicken Mänteln, und einer von ihnen baute sich vor dem Alten auf und sagte: "Es wäre besser, du setztest dich anderswo hin."

"Warum?" fragte der alte Mann, ich habe immer hier gesessen. Seitdem der Krieg aus ist, sitze ich hier ..."