Noch im Januar ergab eine Rundfrage des Gallup-Institutes, daß Truman unter den demokratischen und republikanischen Kandidaten für die diesjährige Wahl des Präsidenten der Vereinigten Staaten eindeutig vorne lag, inzwischen aber haben sich die Verhältnisse so geändert, daß man allgemein von einer Truman-Krise spricht. Wohl noch nie ist ein Präsident der Vereinigten Staaten im Wahljahr von links und rechts einer so scharfen Kritik ausgesetzt gewesen wie Truman. Die äußerste Linke, die in so wichtigen Staaten, wie New York und Illinois die Wahl von Roosevelt sicherte, hat sich selbständig gemacht und unter der Führung von Wallace als dritte Partei beachtliche Erfolge errungen. Die einstige Unterstützung Roosevelts durch die radikale Linke war auch nicht nur ein Plus, sondern gleichzeitig insofern eine Belastung, als viele liberal und fortschrittlich Eingestellte, die parteimäßig nicht festgeglegt waren, sich bei den letzten Wahlen gegen Roosevelt und für Willkie oder Dewey entschieden, eben weil Roosevelt zugleich der Kandidat der äußersten Linken war. Es wäre also noch keine allzu große Einbuße, wenn Truman auf die Stimmen der äußersten Linken verzichten müßte, falls er der Kandidat der nicht-radikalen Teile der Arbeiterschaft und des fortschrittlichen Bürgertums bliebe, das aber ist heute nicht mehr der Fall. Maßgebliche Gewerkschaftler wie Phil Murray von den CIO-Gewerkschaften und Jack Kroll von den PAC, dem wichtigsten politischen Organ der Gewerkschaften, haben sich ebenso wie die Liberale Partei in New York und die ADA, die als Bannerträgerin der Ideen vom New Deal das Erbe von Roosevelt fortsetzen will, eindeutig von Truman distanziert. Zwei Söhne Roosevelts übernahmen die Führung in der Opposition der ADA gegen Truman.

Weite Kreise des fortschrittlichen und liberalen Bürgertums, der Arbeiterschaft, der Farbigen und der Emigranten stehen heute in Opposition zu Truman. Sie betrachten ihn nicht mehr als Vollstrecker der Politik von Roosevelt, nicht mehr als Repräsentanten für den Mann des Volkes, als Helfer der Unterdrückten; ja sie halten ihm kaum mehr zugute, daß er gegen das Taft-Hartley-Antistreikgesetz Stellung nahm und den Farbigen des Südens die Bürgerrechte zu sichern versprach. Sie beklagen sich vielmehr bitter, daß Truman unter dem Einfluß von Clark Clifford die einst so lebhaft gewesenen Beziehungen des Weißen Hauses zu den Gewerkschaften habe einschlafen lassen und daß er in wichtigen Streiks gegen die Gewerkschaften Stellung nahm. Auch fehlt es nicht an Vorwürfen, daß Truman in seiner Außenpolitik zu sehr unter den Einfluß von radikalen Scharfmachern gekommen sei und die Möglichkeiten einer Verständigung mit Rußland nicht genügend, genutzt habe. Als Truman nun gar noch den Palästina-Teilungsplan fallen ließ, war die notwendige Folge, daß sich die Opposition gegen ihn um die einflußreichen jüdischen Kreise vermehrte.

Weniger besagt dagegen die Revolte des Rechtsflügels der Demokratischen Partei gegen den Präsidenten. Diese Kreise – also die der Südstaaten – sind aufgebracht, weil sie der Meinung sind, daß Truman mit seinem Programm der Bürgerrechte, die New-Deal-Ideen der sozialen Gerechtigkeit übertrieben und den farbigen die Gleichberechtigung in den Staaten geben wolle, in denen sie zum Teil die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen. Die Gouverneure von sieben Südstaaten erklärten daraufhin, die Kandidatur Trumans mit allen Mitteln bekämpfen zu wollen, der Gouverneur von Virginia will die Gesetze dahin ändern, daß die Elektoren, die im November den Präsidenten wählen, nicht mehr an den Kandidaten der Partei gebunden sind, sondern frei entscheiden, also eventuell für einen Kandidaten der anderen Partei stimmen können. Mississippi und Alabama haben ähnliche Maßnahmen getroffen. Die Gouverneure haben damit allerdings wenig Anklang gefunden, denn die Demokraten des Südens nehmen den Gesetzesvorschlag der Bürgerrechte nicht allzu ernst und betrachten die Treue zur Demokratischen Partei alt etwas Selbstverständliches, daß fast alle Elektoren dieser zwölf Staaten des "soliden Südens" für den offiziellen Kandidaten der Demokratischen Partei stimmen werden – selbst wenn es Truman wäre.

Das Entscheidende ist die Opposition in den anderen, den umstrittenen Staaten. Die Republikanische Partei nutzt diese kritische Stimmung natürlich aus. Die republikanische Presse ist gefüllt mit Artikeln über die Truman-Krise. Walter Lippmann hat in einem vielbeachteten Artikel die These vertreten, es fehle vollkommen jede Führung in der Demokratischen Partei und der Regierung. Truman könne zwar für sich in Ansprach nehmen, daß er viele starke Persönlichkeiten als Mitarbeiter gewonnen hätte, wk Marshall und Forrestal, aber es fehle eben die einheitliche Leitung. Jeder gehe seinen Weg und jeder müßte befürchten, daß von einem Nachbarministerium Dummheiten gemacht würden. Als Einzelfall führt Lippmann an, daß das Repräsentantenhaus sich auf Betreiben einiger Militär und gegen die ausdrückliche Warnung des Außenministeriums für die Beteiligung Spaniens am Marshall-Plan eingesetzt habe, was für das Ansehen der Vereinigten Staaten im demokratischen Europa ein schwerer Schlag gewesen sei

Truman läßt sich durch diese Kritik nicht beirren. Er schwankt nicht wie einst mehr zwischen Byrnes und Wallace, sondern geht unbeirrt den Weg, den Marshall vor knapp einem Jahr gewiesen hat, den Weg der militärischen Bereitschaft für den Fall eines Konfliktes mit der Sowjetunion. Es ist der Kurs der am 17. März zu dem sensationellen Vorschlag der militärischen Dienstpflicht führte. "Ich gehe den als richtig erkannten Weg und frage nicht, ob dadurch meine Wiederwahl gefährdet werden könnte," so antwortete Truman seinen Kritikern zunächst im kleinen Kreis und dann auf einer Presse-Besprechung. Ob Truman aus der Not eine Tugend macht, bleibe dahingestellt, aber jedenfalls hatte vor einem halben Jahr niemand diese Haltung erwartet, am wenigsten der Kreml. Vor kurzem galt es noch als sehr wahrscheinlich, daß Truman seine Politik den Erfordernissen des Wahlkampfes unterordnen würde und somit die Regierung weitgehend lahmgelegt würde.

Man sollte meinen, die eben zitierten Worte Trumans könnten ihm die Wiederwahl oder zumindest die Nominierung sichern. Es wäre ein Armutszeugnis für die Demokratische Partei, wenn sie Truman fallen lassen würde, sich aber schließlich doch zu seiner Politik bekennen müßte. Und wen hätte die Partei als Gegenkandidat? Abgesehen von Verlegenheitslösungen wurde nur ein Name genannt, der zugkräftig sein könnte: Eisenhower. Seit den Niederlagen von MacArthur bei den Vorwahlen in Wisconsin und Nebraska hat die Eisenhower-Propaganda nachgelassen. Die Öffentlichkeit scheint wenig geneigt zu sein, Generälen und Admirälen in der Politik noch mehr Einfluß einzuräumen. Es sind bereits zu viele wichtige Schlüsselstellungen mit Militärs besetzt Auch Eisenhower ist sich dessen bewußt und hat die ihm von republikanischer Seite angebotene Kandidatur mit den Worten abgelehnt: "Die notwendige und weise Unterordnung der militärischen Gewalt unter die bürgerliche bleibt am besten erhalten, wenn Berufssoldaten hohen politischen Ämtern ausweichen." Nichts deutet daraufhin, daß Eisenhower diese Auffassung ändern wird, nur weil ihm die Kandidatur nun von demokratischer Seite angeboten würde. So bleibt es vorläufig bei der Kandidatur Truman. W. G.