Von unserem Kölner Korrespondenten J. Schäfer

Ein Schweizer, der sich vor kurzem längere Zeit in Westdeutschland aufhielt, die tiefe. Not und den starken Arbeitswillen der deutschen Bevölkerung kennenlernte, stand vor dem Rätsel, daß deutsche Arbeitsstätten weiter niedergerissen und so die Trümmerfelder noch vergrößert werden. Er sah die Probleme unter europäischen Aspekten und meinte, daß die Beteiligung Westdeutschlands an der Durchführung des Marshall-Planes, die Spannungen zwischen Ost und West und die europäische Solidarität dem Demontageplan vom Oktober vorigen Jahres die Grundlagen entzogen haben. Ähnliche Stimmen aus dem Ausland, die sich mit der deutschen Auffassung decken, sind in letzter Zeit häufiger zu vernehmen gewesen. General Robertson hat in seiner viel beachteten Rede in Düsseldorf am 7. April leider zu dieser wirtschaftlichsozial und politisch-psychologisch gleich entscheidenden Frage kein Wort gesagt; General Bishop, der stellvertretende Gouverneur von Nordrhein-Westfalen, erklärte zwei Tage später in einer Pressebesprechung auf eine Anfrage, das deutsche Volk werde durch Demontage und Reparationen in die Lage versetzt, wieder in die Gemeinschaft der Nationen einzutreten. Er stellte eine Veröffentlichung in Aussicht, die von der Bevölkerung mit Genugtuung aufgenommen werden würde.

Kein vernünftiger Mensch in Deutschland sträubt sich dagegen, durch Reparationen im Rahmen des Möglichen nach Kräften mitzuhelfen, den angerichteten Schaden wiedergutzumachen und die Rüstungsbetriebe zu demontieren. Aber er hat kein Verständnis dafür, daß bei dem zermürbenden Mangel an Verbrauchsgütern Produktionsstätten abgerissen werden, die Gebrauchsgegenstände herstellen oder sich leicht darauf umstellen lassen. Kennzeichnend für diese Haltung sind die Vorschläge des Betriebsrates der Krupp-Werke. Nach dem Nürnberger Freispruch von Alfred Krupp von Bohlen und Hal-Dach und seiner elf mitangeklagten Direktoren von den Anklagepunkten 1 und 4 (Verbrechen gegen den Frieden durch Planung, Vorbereitung, Führung von Angriffskriegen und gemeinsame Verschwörung), vertrat der Betriebsrat die Auffassung, daß schon mit diesem Teilurteil die Belastung, die seit drei Jahren auf der Essener Bevölkerung und der Krupp-Belegschaft liegt, und die auch die Friedensproduktion fast völlig zerschlagen hat, als zu Unrecht bestehend anerkannt wird und aufgehoben werden muß. Er schlug vor, daß die Belegschaft von sich aus freiwillig sofort das Abwracken der ehemaligen Rüstungsbetriebe beginnt; dafür bittet die Belegschaft um die Möglichkeit, nun endlich für die Friedenswirtschaft tätig sein zu dürfen und erwartet die Freigabe der Friedensproduktion in Essen sowie die sofortige Einstellung jeder Sonderbenachteiligung der Krupp-Werke, die entgegen der vielfach verbreiteten Auffassung selbst im Kriege nicht ausschließlich Waffen hergestellt haben.

Die Meinung, demontierte Betriebe im Ausland wieder nutzbringend einsetzen zu können, ist nur beschränkt richtig. Bei schweren, umfangreichen Anlagen stellen Demontagen eine wirtschaftliche und finanzielle Vernichtung dar, die sich das auf die amerikanische Hilfe angewiesene Europa nicht leisten kann. Wenn ein Stahlwerk (wie in Essen) über 100 Mill. RM gekostet hat, die Demontage Jahre in Anspruch nimmt und 20 Mill. RM verschlingt, schließlich auf Reparationskonto nur 9,5 Mill. RM gutgeschrieben werden und nach dem Urteil von Sachverständigen dieses Werk draußen nicht wieder zur Produktion gebracht werden kann, – dann erscheint dies angesichts des akuten Stahlmangels in der ganzen Welt als unzweckmäßig. Sollte ferner das umfangreichste und leistungsfähigste deutsche Hütten- und Stahlwerk, die August-Thyssen-Hütte in Duisburg-Hamborn, die ebenfalls auf der Reparationsliste steht, wirklich abgebrochen werden, so würden Anlagen im Werte von mehreren hundert Millionen RM mit einer Stahlkapazität von über 200 600 t (monatlich) vernichtet. Die Demontage würde unter Inanspruchnahme von mehreren tausend Arbeitern länger als ein halbes Jahrzehnt dauern.

Für die breite Öffentlichkeit ist vor allem auch die Forderung nicht verständlich, daß nicht nur wichtige Anlagen der Schwerindustrie, die der Friedenswirtschaft dienen können, demontiert werden sollen, sondern auch zahlreiche Zubringerbetriebe für den Kohlenbergbau und den notleidenden Verkehr. Die Demontage verhindert die Verwirklichung des Marshall-Planes. Der von deutscher Seite wiederholt gemachte und von der Verwaltung für Wirtschaft in Frankfurt aufgenommene Vorschlag, die vorhandenen Anlagen nicht abzureißen, sondern sie an Ort und Stelle wieder ins Laufen zu bringen und für den deutschen und europäischen Wiederaufbau arbeiten zu lassen, stellt einen Ausweg dar, der nicht nur den größten wirtschaftlichen und sozialen Effekt bringt, sondern ebenso von einer nicht zu unterschätzenden politischen und psychologischen Bedeutung ist.