Das Bild der amerikanischen Rüstungsdebatte hat sich in den letzten Wochen vervollständigt, ohnejedoch an Klarheit in den Einzelheiten des Programms gewonnen zu haben. Zwar haben die Vertreter aller drei Wehrmachtteile gesprochen und ihre Wünsche vorgetragen, aber der mühselige Weg, den alle Vorschläge und Gegenvorschläge durch die Instanzen des Kongresses, seine jeweiligen Militärausschüsse, seine Bewilligungsausschüsse und schließlich die entscheidenden Plenarsitzungen mit anschließender Unterschrift des Präsidenten durchzumachen haben, bringt es mit sich, daß sogar ein amerikanisches Blatt, wie die "New York Times" heute von einem völligen Durcheinander sprechen muß und die ausländische Berichterstattung nahezu vor der Unmöglichkeit steht, in das Chaos widersprechender Ziffern und Meldungen Klarheit zu bringen. Fest steht allein, daß noch keine der Vorlagen endgültig verabschiedet worden ist.

Die von Präsident Truman ursprünglich geforderte allgemeine Wehrpflicht stieß in der Öffentlichkeit aufhartnäckigen Widerstand. Neben der Abneigung der Kirche, der Schulen, ja der pädagogischen Kreise überhaupt, machten sich auch die Bedenken der Wirtschaft geltend gegenüber einem so weitgehenden Entzug junger Arbeitskräfte. Alle diese Widerstände fanden ihren Niederschlag im Kongreß. Der Kompromißvorschlag, auf den sich schließlich die Sachverständigen des War Departments geeinigt haben und der jetzt dem Kongreß zur endgültigen Stellungnahme vorliegt, will 190 000 Mann aus den Jahrgängen zwischen 19 und 26 Jahren zur zweijährigen aktiven Dienstzeit verpflichten, während 160 000 Mann von 18 bis 19 1/2 Jahren lediglich zu einer militärischen Ausbildung von einem Jahre herangezogen werden sollen. Auf diese Weise hofft man, die Ist-Stärke der amerikanischen Einheiten um rund 351 000 Mann zu erhöhen. Das Militärdienstpflichtgesetz, das vom Militärausschuß des Repräsentantenhauses ausgearbeitet worden war, sah eine Gesamtstärke von 1,8 Millionen Mann vor, von denen 782 000 Mann dem Heer, 550 000 der Flotte und 502 000 der Luftwaffe sowie rund 110 000 der Marineinfanterie zugeteilt werden sollten. Die Kosten des gesamten. Verteidigungsprogramms, das Verteidigungsminister Forrestal dem Militärausschuß des Senats vorlegte, sollten sich auf 45 Milliarden Dollar für drei Jahre belaufen. In diesem Programm hatte Forrestal die Erhöhung der Luftwaffenstärke von 55 auf 1 66 Geschwader vorgesehen, und schon diese Zahl bedeutete einen Kompromiß.

Die Ausgangsforderung der Luftwaffe lautete auf 70 Geschwader. Dies bezeichnete der Sekretär für die Luftwaffe, W. Stuart Symington, als das Minimum des Benötigten. Die Argumente Symingtons fanden, da nun einmal jede militärische. Diskussion in USA im Hinblick auf die Sowjetunion als den "einzig möglichen Gegner in einem künftigen Kriege" erfolgt, ihre Unterstützung durch die Hinweise der Militärsachverständigen der USA auf das Luftpotential der Sowjets. Die Sowjets, so erklärten sie, besäßen weit mehr Superfortresses vom Typ B 29, als die USA, nachdem sie diesen Typ einigen bei ihnen während des Krieges notgelandeten Maschinen nachgebaut hätten. Außerdem verfüge die Sowjetunion über eine Flugzeugindustrie, deren Baukapazität sich zu der amerikanischen wie 12 : 1 verhalte. Da, vor allem angesichts der Atomwaffe, die beste Luftverteidigung in einer guten Luftoffensive bestehe, sei es notwendig, daß die USA bis 1953 die Zahl ihrer schweren Bomber vervierfachten.

Die Forderung Symingtons fand die sachliche Gegnerschaft Forrestais sowie der Staatssekretäre für Heer und Marine. Forrestal vertrat den Standpunkt, das Gleichgewicht zwischen den drei Waffengattungen müsse gewahrt bleiben, um so mehr, als ein erfolgreicher Luftkrieg nur gestützt auf die übrigen Waffengattungen durchzuführen sei. Wolle man aber bei einem Bau von 70 Geschwadern bei Heer und Marine entsprechend aufholen, so werde dies einen "explosiven Druck auf die ohnehin angespannte Wirtschaft" bedeuten, die inflatorischen Tendenzen verstärken und darüber hinaus auch noch durch die Verknappung von Rohstoffen das Marshall-Hiltsprogramm gefährden. Präsident Truman schloß sich dem Standpunkt Forrestais an und setzte sich ebenfalls für die Kompromißlösung von 66 Geschwadern ein. Nicht so der Kongreß. Das Repräsentantenhaus entschied sich für den Bau von 70 Geschwadern, und auch der Bewilligungsausschuß des Senats bewilligte anstandslos die hierfür benötigte Summe von 3,233 Milliarden Dollar. Es ereignete sich der in der Geschichte der Militärhaushalte vielleicht einmalige Fall, daß die Volksvertretung in ihren Bewilligungen weit über das hinausging, was die Regierung forderte. Amerikanische Kritiker dieser Bewilligungsfreudigkeit erblicken in ihr den typischen Ausweg der "Escapisten", nämlich jener, die in ihrer Abneigung, ihre Söhne der allgemeinen Wehrpflicht zu opfern, ihr nationales Gewissen durch die entsprechende Bewilligung von Bomberformationen zu befriedigen hoffen. Zugleich erblicken diese Kritiker in ihr den Ausdruck jener stillschweigenden Konzeption, im Falle eines Krieges "Europa zu erlauben, überrannt zu werden", um dann erst im Gegenstoß eines Luftkrieges auf lange Sicht wieder befreit werden zu können.’ Allerdings weisen andere Maßnahmen wie die in Aussicht genommene Waffenlieferung an die Westeuropäische Union darauf hin, daß selbst eine vorübergehende Opferung Europas nicht ohne weiteres zu dem strategischen Programm der USA gehört. v. De.