Kein Land sollte Marshall-Hilfe erhalten, bevor es nicht die deutschen Kriegsgefangenen in ihre Heimat entlassen hat! Das ist nicht etwa der zornige Stoßseufzer eines deutschen "Nationalisten". Hier handelt es sich vielmehr um ein nüchternes amerikanisches Urteil. Und nicht Einzelgänger und Außenseiter haben so gesprochen. Die ultimative Forderung auf Freilassung der deutschen Kriegsgefangenen findet sich in dem Deutschland-Bericht, den innerhalb der Arbeiten des Herter-Ausschusses des Repräsentantenhauses ein Unterausschuß unter dem Vorsitz des Abgeordneten Francis Case nach eingehenden Untersuchungen in Deutschland erstattet hat. In diesem Case-Bericht wie auch in den sonstigen, noch nicht abgeschlossenen Berichten des Herter-Ausschusses über die amerikanische Auslandshilfe steht vieles, sehr vieles, was für uns von höchster Bedeutung ist. Das gleiche gilt für den Harriman-Bericht über den Marshall-Plan, der bereits fertig vorliegt. Diese Berichte gehen in der Erkenntnis der Bedeutung Deutschlands für Europa-und in der Zielsicherheit, mit der deshalb der politische und wirtschaftliche Wiederaufbau Deutschlands vertreten wird, weit über das hinaus, was im Bericht der Pariser Wirtschaftskonferenz der Marshall-Plan-Staaten enthalten ist. In bezug auf Deutschland denkt nun in Amerika europäischer als in Europa, und nicht allein in bezug auf Deutschland.

Ob es sich nun um eine möglichst wenig beschränkte deutsche Selbstverwaltung und Selbstregierung handelt, um die Befreiung von den Hemmnissen des JEIA-Verfahrens, um die Demontage oder die Entnazifizierung, in allen wesentlichen Fragen sind diese amtlichen amerikanischen Veröffentlichungen – insbesondere aber der Case-Bericht – das Fortschrittlichste und Zukünftigste, was bisher von verantwortlicher Stelle in den Siegerländern zum Thema "Deutschland in Europa" gesagt worden ist. Hier ist man sich vor allem darüber klar, daß der deutsche Wiederaufbau weit hinter dem der anderen westeuropäischen Länder zurückgeblieben ist und daß deshalb eine hohe Marshall-Plan-Quote für Deutschland nicht etwa ein "Vorrang" wäre, sondern nur ein unerläßliches Nachholen im Interesse des Ganzen, nicht zum wenigsten im Interesse des amerikanischen Steuerzahlers. "Der Ausschuß glaubt, daß es bessere Wege gibt, eine – (gefährliche) – Wiedererstarkung Deutschlands zu verhindern, als den, jede wirtschaftliche Erholung in Deutschland unmöglich zu machen", so schließt das Deutschland-Kapitel des Harriman-Berichts. "Der. Ausschuß ist überzeugt, daß weder Wohlstand noch-Sicherheit möglich sind in einer Weltwirtschaft, die das deutsche Volk zwar futtert, es aber versäumt, von ihm den konstruktiven Beitrag zu einer Weltgemeinschaft zu erlangen, dessen es fähig ist", so steht es im Case-Bericht.

Hier haben wir die entschlossene Kampfansage an die gesamte Morgenthau-Politik, an jene Politik, die aus Deutschland ein "harmloses" und isoliertes Agrarland machen wollte und die, auf längere Sicht, ein Todesurteil für viele Millionen Deutsche gewesen wäre. Es bleibe dahingestellt, ob – die Morgenthau-Politik mehr eine Sünde wider die Menschlichkeit oder wider die Vernunft bedeutet. Jedenfalls hat sie in starkem Maße auch jene Dienstanweisung Nr. 1067 beeinflußt, die als Grundregel des Besatzungsregimes nach der Kapitulation von der amerikanischen Regierung an General Eisenhower herausgegeben wurde. Erst im Sommer 1947 wurde diese wiederaufbaufeindliche Anweisung durch eine andere ersetzt, die dem Grundgedanken des Marshall-Plans Rechnung trug. Aber es gibt fraglos – in verschiedenen Nuancen und Abschwächungen – noch gewisse Morgenthau-Reste innerhalb der amerikanischen Exekutive, die, nach dem Grundsatz der Gewaltentrennung, von der Legislative scharf geschieden ist. Und es gibt diese Morgenthau-Reste auch innerhalb des Besatzungsregimes in Deutschland, das immerhin zwei Jahre im Sinne der Anweisung Nr. 1067 gearbeitet hat. Insoweit als diese Reste noch vorhanden sind, bedeuten sie zugleich Bremsklötze für eine rückhaltlos positive Politik, die davon ausgeht, daß die wahren Interessen Deutschlands, Westeuropas der USA harmonisch miteinander übereinstimmen und sich in keiner Weise widersprechen. Man muß mit diesen Hemmungen rechnen, sowie damit, daß der extreme französische "Sécuritismuß" und verwandte Haltungen in anderen Ländern Europas gleichfalls Bremsklötze sind. Hier begeht natürlich die Tendenz zu wechselseitigen Rücksichtnahmen und Bündnissen. Der Marshall-Plan ist noch lange nicht gewonnen. Aber es ist wichtig zu wissen, daß jedenfalls die Mehrheit des amerikanischen Kongresses die Feststellungen der Ausschüsse des Repräsentantenhauses billigt. Die Absage an Morgenthau durch Herter und Case ist deutlich und restlos, und darin liegt Hoffnung – nicht allein für Deutschland.

Um so erstaunlicher ist es, daß die deutschen Vorschläge zum Marshall-Plan ohne Kenntnis der Amerikanischen Ausschußberichte ausgearbeitet worden sind. Wir wissen, daß Deutschland immer noch in bedauerlichem Maße von der Welt abgeschnitten ist. Aber schließlich ist die Frankfurter Wirtschaftsverwaltung nicht von den Besatzungsmächten abgeschnitten. Es wäre nicht nur wünschenswert, sondern unbedingt notwendig gewesen, ihr diese unentbehrlichen Informationsquellen zur Verfügung zu stellen. Ein deutscher Vorschlag, der sich nur auf das Pariser Material, auf die Stellungnahme der europäischen Marshall-Staaten stützen kann, steht auf ungenügenden Fundamenten. –

Aber was ist es überhaupt mit diesen deutschen Vorschlägen, die zunächst nur durch eine "Indiskretion" – man könnte es auch einen erfolgreichen Durchbruch durch die in Deutschland vorherrschende Geheimniskrämerei nennen – der Öffentlichkeit bekannt geworden sind und die dann auf Einspruch des Zweimächte-Kontrollamts wesentlich abgeändert wurden? Nun, es ist nicht zuviel gesagt, daß hier zum erstenmal seit der Kapitulation die Chance zu einer wirklichen deutschen Außenpolitik gegeben war. Sie ist versäumt worden, und daran hat nicht allein der Informationsmangel schuld. Im Pündei-Plan vom 25. März war das Nettodefizit für 1948/49, das erste Planjahr der Marshall-Hilfe, auf rund 1,6 Milliarden Dollar angesetzt worden. Hierbei handelte es sich keineswegs um einen "dollarseligen" Überschwang, wie das der Economist anzunehmen scheint. Vielmehr liegen diese Ansätze durchaus im Rahmen des in der amerikanischen Öffentlichkeit Erwarteten. Ja. sogar die Pariser Schätzung für das Defizit der Doppelzone für 1948 lautete auf 1,5 Milliarden Dollar (zitiert nach dem Harriman-Bericht, Teil 3, Seite Q 1). Man kann den Vorschlägen des Frankfurter Verwaltungsrats eher vorwerfen, daß sie zu maßvoll, als daß sie maßlos gewesen sind, und das Maß ist hier keineswegs allein das deutsche Interesse, sondern gerade auch das europäische und das amerikanische. Es kommt hinzu, daß ein Defizit von 1,6 Milliarden keinesweg einen gleich hohen Anspruch an die für das erste Planjahr insgesamt verfügbaren 5,3 Milliarden Dollar Marshall-Hilfe bedeutet. Von den 1,6 Milliarden sind vielmehr 800 Millionen abzuziehen, die nicht für Zwecke des Wiederaufbaus, sondern im wesentlichen in Gestalt von Lebensmittel-Lieferungen "zur Verhinderung von Seuchen und Aufruhr" bereits über den Etat des amerikanischen Kriegsministeriums für Deutschland vorgesehen sind, so daß als Marshall-Quote nur ein Betrag von gleichfalls 800 Millionen verblieben wäre. Die Kürzung des Voranschlags um 370 Millionen Dollar auf ein Gesamtdefizit von 1,23 Milliarden Dollar bedeutet daher eine Verminderung der deutschen Marshall-Quote von 800 Millionen Dollar auf nur noch 430 Millionen Dollar, einen Betrag, mit dem Deutschland seinen gewaltigen Rückstand kaum verringern kann. Gelingt das aber nicht, so ist das erste Planjahr der Marshall-Hilfe als ein verlorene: Jahr für Europa anzusehen.

Man mag darüber streiten, warum das Zweimächte-Kontrollamt auf der Kürzung des deutschen Anteils bestanden hat. Fest steht jedenfalls, daß die deutschen Stellen eine zu schwache Haltung gezeigt haben, ganz abgesehen davon, daß sie ungenügend informiert waren. Man war auf deutscher Seite überzeugt, daß ein bestimmtes Minimum gebraucht würde. Gut, dann mußte man auch dabei bleiben. Offenbar hat man seit der Hitlerzeit bei uns vergessen, daß man zurücktreten kann, wenn man etwas vertreten soll, was man nicht verantworten zu können glaubt. Es war in dieser ersten Stunde deutscher Außenpolitik nicht nur möglich, sondern notwendig, einen deutschen Standpunkt der ganzen Welt nachdrücklich sichtbar zu machen. Gefügigkeit im engen Rahmen des Besatzungsregimes ist nicht unsere oberste Pflicht. Es wäre richtig gewesen, an Washington zu appellieren und vorzuschlagen, daß von dort aus bei uns an Ort und Stelle die Zahlen nachgeprüft werden sollten, unter Verantwortung des Administrators der Marshall-Hilfe, Paul G. Hoffmann, oder auch unter Verantwortung von Harriman, Herter oder Case. Eine solche Nachprüfung hätte ergeben, daß der deutsche Standpunkt sich mit dem europäischen und mit dem des amerikanischen Steuerzahlers deckt. "Scheinbare Einsparungen für den amerikanischen Steuerzahler, hervorgerufen durch zu geringe Aufwendungen für Deutschland, sind bisher mehr als aufgewogen worden durch eine anschließende Verschlechterung der allgemeinen europäischen Wirtschaftslage", so heißt es im Harriman-Bericht.

Man muß sich darüber klarwerden, daß ein Mangel an deutscher Zivilcourage zum dritten Bremsklotz der europäischen Entwicklung werden kann, neben den amerikanischen Morgen- – thau-Resten und neben dem "tödlichen Gestern", das in so manchem Lande Europas noch immer die Politik bestimmt, Wir müssen! jetzt schon daran denken, daß es noch ein zweites, drittes und viertes Planjahr der Marshall-Hilfe geben .wird, daß sofort begonnnen werden muß, mit aller Zähigkeit und mit allem Verantwortungsbewußtsein wenigstens für die kommenden Jahre zu retten, was im ersten Jahr nicht gerettet worden ist. Wir brauchen hier Entschlossenheit und Zivilcourage, wir brauchen vor allem eine vollständige (Unterordnung aller Parteiinteressen unter die Erfordernisse der Außenpolitik,