Von Karl Krolow

Das ganze Unheil entsteht daher, daß die poetische Kultur in Deutschland sich So sehr verbreitet hat, daß niemand mehr einen schlechten Vers macht", äußerte Goethe im Gespräch zu Eckermann. Inzwischen sind viele Generationen vergangen, und die Verhältnisse haben sich, unsere "poetische Kultur" betreffend, um ein Vielfaches kompliziert, wie man weiß.

Es ist nicht zu leugnen, daß das Ausland uns in letzter Zeit mit einer Reihe großartiger Erscheinungen bekanntgemacht hat, die, seien sie avantgardistisch oder konservativ gerichtet, dem deutschen Gedicht wohl zugute kommen könnten, das ja bis zum Eigensinn zuzeiten nationale Art und Unart zu repräsentieren vermag und deshalb auch zeitweise einer beträchtlichen Isolation verfiel. Wir meinen das moderne Werk des Amerikaners Auden, des Engländers Eliot, des Spaniers Federico Garcia Lorca, der Franzosen Supervielle, Aragon und Eluard und des Russen Majakowskij, dessen Gedicht nun schon zum anderen Male den Versuch unternimmt, uns zu erreichen. Und wie angedeutet: in ihrer Abgeschlossenheit und Ratlosigkeit sind der deutschen Lyrik bisher offenbar nur wenige Möglichkeiten geschenkt worden, sich vergleichsweise auf der Höhe dieser europäischen Gegenwartslyrik zu bewegen. Was nach Kriegsende sichtbar geworden ist, hat im allgemeinen nur. Erwartungen und Befürchtungen bestätigt, wobei betont sei, daß wir natürlich nicht die Massen- und Fertigware lyrischer Trivialitäten vor Augen haben, sondern die wenigen Beispiele namhafter literarischer Äußerung.

Das Bewußtsein, den großen Erscheinungen unserer Tradition verpflichtet zu sein, die von Goethe bis Rilke reicht, ist bei einer Anzahl unserer besten gegenwärtigen Dichter erkennbar. Da ist Lyrik aus dem Geiste Mörikes etwa bei Albrecht Goes. Da sind Platensche und Georgesche Konturen bei Friedrich Georg Jünger. Und auch der deutliche Rilkesche Akzent bei Hausmann gehört hierher; ebenso der Hang zur Objektivierung bei Usingen Daß diese schöne, der Tradition verpflichtete Haltung jedoch auch ihre Gefahren hat, dafür scheint immer noch das Werk Weinhebers ein ergiebiges Beispiel zu sein. Neben eminent schönen und eigentümlichen Gedichten findet man dort eine Unmenge Strophen aus zweiter und dritter Hand. Ja, seine Dichtung ist ein wahrer Reservoir abendländischen und deutschen Versgutes der Vergangenheit, in dem die Sappho so gut wie die Droste, Pindar wie Trakl untergetaucht sind. Und die maßlose Überschätzung des Dichters Weinheber in den Jahren des Dritten Reiches ist denn auch heute schon einem fühlbar verblassenden Bilde dieses Dichters gewichen.

Der Traditionalismus also, der schon seit dem Zusammenbruch des Expressionismus und dem Zwischenspiel der Neuen Sachlichkeit" ausgangs der zwanziger Jahre sichtbar wurde und zum Beispiel eine so durchaus sympathische, ja, wichtige Verskunst wie die Bergengruens hervorgebracht hat, scheint zunächst dem Gesicht heutiger innerdeutscher Lyrik seine entscheidenden Züge einzuprägen. Dem behutsamen und geduldigen Beobachter aber erschließen sich auch andere Kräfte, die zu Beginn der dreißiger Jahre sich um die Zeitschrift "Kolonne" versammelt hatten, später unter dem Nationalsozialismus nur in der Vereinzelung wirken konnten und schließlich als Frucht ihrer Robinsonade eine neue Naturlyrik zeitigten, einen sozusagen dämonisierten Naturlyrismus, wie ihn einst die zauberische und sylphidische Gestalt der Droste in unser Gedicht hineingetragen hat. Das Naturoder, enger gefaßt, das Landschaftsgedicht unserer Tage ist von erstaunlicher Variabilität und aller Tonarten fähig. Es reicht vom sanften Parlando, das in der zarten und wohllautenden Stimme Paul Appels liegt, von der liedhaftherben, schwermütig-bedeckten, spröden und einfachen Strophik von der Vrings, über Brittings kerlsmäßiges und schwelgerisches, ein wenig lautes Barock, Horst Langes umdüstertem, wenn man will kubinischem Tenor bis hin zu Wilhelm Lehmanns merlinisch verzückter, paganisch erregter, im tiefsten Verstände heidnischer Dichtung von den "inneren Anschauungsformen der Natur". Und natürlich gehört hierher die von liturgischer Gewalt bewegte Lyrik der Elisabeth Langgässer, zweifellos der bedeutendsten Lyrikerin ihrer Generation. Ihr gelangen Gedichte, die von einer ebenso strengen wie noch die letzten panischen Schauer in sich schlingenden Katholizität getragen sind und in denen sich zum erstenmal das abzuzeichnen scheint, was von der Dichterin selber kürzlich als christliches Naturgedicht vorausahnend gefordert wurde. Es ist eine Verskunst, die die Magna Natura (nicht dryadisch empfunden, – windlichthaft-leicht und flüchtig, vielmehr orgiastisch, in Wehen sich windend, vom "Seufzen" erschüttert, von dem der Apostel Paulus spricht) als Durchgang zu einer größeren, erlösten Übernatur betrachtet. Man wird von den Versen der genannten Dichter nicht sprechen können, ohne die Lyrik mindestens eines Älteren, Friedrich Schnacks (seine frühen Verse vorzüglich) und drei so eigenartiger, kühner und seltener Erscheinungen wie Peter Huchel, Günter Erich und Hermann Stahl erwähnt zu haben. Ihnen allen muß als zweite Frau die Dichterin Oda Schaefer zugerechnet werden, der eine nymphisch-sanfte, von süßen Musiken durchzogene, schwebende, vogelhafte und raunende Wortkunst gelang, dunkler wie heller Töne fähig.

Man hat der Lyrik von der Art der soeben charakteristischen Dichte den Vorwurf der chronischen Idylle gemacht. Man hat vor allem – und hier mit einigem Recht, aber doch unter Verkennung des eigentümlichen Anliegens: dieser Lyrik – ihr nachgesagt, sie habe den Menschen und das Bild gerade des modernen Menschen außer acht gelassen; es sei demnach eine ahumane, wenn nicht gar eine antihumane Dichtung, lichtscheu und troglodytisch, die ohne Weltaspekt angelegt, einer ausgesprochenen Geschichtslosigkeit fröne, welche, in diesem Maße betrieben, nicht mehr statthaft sei. Demgegenüber muß folgendes erkannt werden: in der Tat hat auch diese Dichtung – wie jede echte Dichtung – ihr humanitäres Anliegen, ja, ihr ganz bestimmtes humanitäres Pathos und eine sich in ihm ausbreitende Spiritualität. Allerdings nimmt sie den Menschen nicht im direkten Zugriff an. Sie bemächtigt sich seiner nicht unmittelbar. Vielmehr ersteht sein Bild mühsam hinter den Spiegeln, Schaudern, Benommenheiten einer außer- und vormenschlichen Szenerie. Und also entsteht des Menschen Bild hier, wie uns scheint; wahrer, das heißt: gemäßer, nämlich als ein Abbild des ganz und gar Verdächtigten, Erschütterbaren, Ungesicherten, Überlagerten, des "diskontinuierlichen" Menschen, der nicht mehr "Persönlichkeit" ist, der seine idealistische wie naturalistische Hybris abgelegt hat, der nicht mehr Gespenst der Kausalität ist, sondern als der durchaus Zufällige sich des unaufhörlichen Andrangs fremder Kräfte zu wehren hat. An Stelle des gewissermaßen in der Euphorie geschulten Menschen wird dieser, hier in seiner Einordbarkeit und Bedürftigkeit dargestellt, exemplifiziert an einer keineswegs bloßen natura naturata, sondern an einem ganz geistigen Spiel von Kräften und Gegenkräften. In ihren stärksten Vertretern hat diese Naturlyrik sich einer Geistigkeit bemächtigt, die mit einem ebenso spontanen wie sehr präzisen Gefühl für das intellektuell Notwendige und Zulängliche begabt ist. Das Raum- und Zeitgefühl dieser Autoren bewegt sich nachdrücklich auf der Höhe unserer geistesgeschichtlichen Situation, was man bei unserer Gegenwartslyrik im allgemeinen nur in seltenen Fällen feststellen kann. Dieses Landschafts- und Naturgedicht, wie wir es umschrieben haben, bleibt freilich das Produkt einer spezifisch deutschen Entwicklung. Es wird schwerlich Anschluß an die europäische Lyrik des Westens finden, wie es andererseits auch der neuen russischen Dichtung (und nicht nur der neuen) wesensmäßig fremd bleiben muß. Daß aber in ihr eine uns gebotene Möglichkeit Daß scher Äußerung mutig und konsequent ergriffen und realisiert worden ist, darf nicht übersehen werden.

Anders liegen die Verhältnisse bei einer kleinen Anzahl von Dichtern, unter denen Stephan Hermlin zu nennen ist. In dieser Dichtung wird das Humanum entschiedener, wenn man will: konkreter gefaßt. Dies allein ist Verskunst, die zum erstenmal wieder deutliche Züge modifizierter außerdeutscher Erscheinungen (Eluards und Aragons) in sich trägt. Es ist übers Ästhetische hinaus eine moralische Manifestation, ein Sich-Entscheiden im moralischen Sinne, das hier Ausdruck findet. Und dadurch bekommt das Einzelgedicht gleichsam einen rigoroseren Charakter. Es findet in Seiner Rigprpsität freilich in jeden Geschehen unverkürzt den menschlichen Hebelpunkt. Das gibt ihm eine bei uns seltene Souveränität, eine Sicherheit und einen vertieften and unverkennbaren Optimismus und etwas vom Valery schen "refus", wenn es sich der Verzweiflung verweigert, die derart allgemein geworden ist. Dies also ist eine Lyrik, die im engeren Sinne den Widerfahrungen unserer Zeit verpflichtet ist. Doch ihre Stimmen sind selten, sehr selten. Sieht man von den starken, wenn auch wenigen Versen Eichs ab, von der Handvoll Gedichte Wolf gang Weyrauchs, auch von Friedrich Rasches zur Klage um unsere verwirkte Humanität eindrucksvoll erhobener Stimme: bleibt nichts Nennenswertes bislang. Zu schweigen von allen rührend oder ärgerniserregend-träditionalistisch gestimmten, zuweilen halb dilettantischen Versuchen, wie sie überall zu vernehmen sind! – Freilich, Hans Egon Holthusens kraftvolle, beziehungsreiche und überlegen konzipierte, großbogig angelegte Hymnik bleibt zu rühmen. Rhythmisch den Elegienstil Rilkes fortführend (hier hat einmal eine wirklich schöpferische, aktivierende Begegnung stattgefunden!), ist sie gewissen angelsächsischen Zeitgenossen verpflichtet Auden), womit zum andernmal Einflüsse von außen her in unserem Lyrik-Schrifttum sichtbar und fördernd würden.

Bliebe noch ein-Blick auf die im engeren Verstände christliche Lyrik. Der in der Nachfolge R. A. Schröders stehende Bergengruen wurde schon erwähnt; auch Elisabeth Langgässers christlich-katholische Naturdichtungen. Reinhold Schneiders eschatologischer Ernst und zuversichtliche Gläubigkeit ist im Sonett ausgebreitet, das infolge seiner Herkunft und besonderen Struktur gerne einer gewissen Distanziertheit und sprachlichen Glätte Raum gibt. Ihm gegenüber scheint uns Beheim-Schwarzbachs strengere Männlichkeit nachhaltiger zu wirken. Sie vermag gleicherweise Erschütterungen weiterzugeben und sich zu herberer Gefaßtheit aufzufangen. Angesichts von mancherlei Stagnation und ausgesprochenem Ungenügen ist es ermutigend, unsere Lyrik in diesen für alle Dichtung kritischen, für ihre Weiterentwicklung durchaus unabsehbaren Jahren in den Händen von Autoren zu wissen, die bei aller Verschiedenheit untereinander doch eines, verbindet: die ernste und unermüdbare Anstrengung, eben dieser Zeit im Gedicht Ausdruck zu geben, dieser unmenschlichen –: Zeiten eine menschliche Stimme.