Von Johann Albrecht v. Rantzau

"Staatsumwälzungen, welche glücken, deren heilsame Folgen dauern sollen, setzen bei ihren Urhebern Besonnenheit, Menschen-, Welt- und Geschäftskenntnis, vor allem praktischen Blick und praktisches Geschick voraus ... dafür haben auch solche glücklichen Revolutionen, wie 1688 und 1866, nichts Poetisches, Begeisterndes, Freudig-Gehobenes an sich."

Karl Hillebrand

Wären die deutschen Geschicke der letzten hundert Jahre glücklicher verlaufen, wenn die Revolution von 1848 zum Erfolg geführt hätte? Diese Frage wird heute immer wieder erörtert und vielfach, jedenfalls offiziell, bejaht Unser nationales und staatliches Unglück ist heute so überwältigend, daß man versuchtest zu sagen, Jeder andere Verlauf der deutschen Geschicke hätte besser geendet! Und so könnte man es bei der allgemeinen, psychologisch so begreiflichen Apotheose des Jahres 1848 bewenden lassen, wenn sie nicht Illusionen in sich berge, die auch für uns Deutsche heutiger staatenloser Existenz noch schädlich oder verhängnisvoll werden könnten. Diese Illusionen betreffen gerade die leitenden Ideale, die zentralen Begriffe der Bewegung von 1848: die Freiheit und die Einheit. Sie bestehen einerseits in dem Irrtum, daß staatsbürgerliche Freiheit gleichbedeutend sei mit der Herrschaft parlamentarischer Parteien, andererseits in der Täuschung, daß Staaten von weit zurückreichender politischer Tradition sich freiwillig einer neuen übergeordneten Einheit zu beugen bereit seien.

Diese Verkennungen charakterisieren noch heute unsere politische Diskussion und würden wohl auch, falls uns ein politisches Handeln zustünde, unsere politische Praxis bestimmen. Den Bestand der Freiheit und die Verwirklichung der Einheit, sowohl im innerdeutschen wie auch in sinem übergeordneten Rahmen, beide sehen wir Hoch heute durch die schon 1848 vorherrschenden Täuschungen gefährdet. Auch im Zeichen der heutigen Demokratie wird das politische Leben unserer Länder von einer Vielzahl von Parteien getragen, die im Volk nur wenig Sympathie genießen, die meistens nur unter dem Gesichtspunkt des "kleineren Übels" gewählt werden und die zu einer dauerhaften Regierungsbildung nur in Ausnahmefällen gelangen. Parteien und Parteikoalitionen also tragen offensichtlich nicht dazu bei, das Ideal freiheitlicher Selbstregierung im deutschen Volk Wurzel fassen zu lassen. Im Gegenteil, allzusehr geben sie Anlaß, sehnsüchtige Rückblicke auf die tyrannische Diktatur am Leben zu erhalten. Auch hinsichtlich aller Probleme politischer Einheit sind nach wie vor verschwommene Vorstellungen, im Umlauf. In Westdeutschland sehen wir an den die primitivste Versorgung unseres Volkes gefährdenden Spannungen zwischen Frankfurter Zentrale und partikularistisch gesinnten Landesregierungen, daß es ohne machtvolle Autorität wirklich erfolgreiche Zusammenarbeit nicht geben kann. Nicht anders steht es übrigens heute hinsichtlich der Einigung Europas oder der Welt. Von dem viel erörterten freiwilligen Zusammenschluß finden wir, wenn man auf den Grund der Vorgänge sieht, in Wahrheit nichts. Was in dieser Hinsicht vor sich geht, vollzieht sich unter der übermächtigen Autorität einer gigantischen wirtschaftlichen und militärischen Macht – sei es im Osten, sei es im Westen.

Die Revolution von 1848 ist ein Vorgang nach dem Muster von 1789, also ist sie ein Versuch der bürgerlichen Intelligenz, die politische Macht zu ergreifen. Hierin liegt beschlossen, daß die Wortführer der Revolution von abstrakten und rationalen Vorstellungen beherrscht waren, daß sie die geschichtlichen Realitäten und den wirklichen Charakter politischen Geschehens verkannten. – Ganz unzweideutig zeigen sich die schematisch Nationalen Vorstellungen in der Behandlung des Freiheitsbegriffs. Was ist Freiheit im Sinne von 1848? Sie ist nicht nur die Forderung des Bürgertums nach Befreiung von der Bevormundung durch die Monarchie von Gottes Gnaden, sie ist darüber hinaus der Anspruch auf Selbstregierung in der Form des in England und Frankreich herrschenden parlamentarischen Systems. Dies ist der politische Kern der Freiheitsforderungen von 1848, dies war letzten Endes gemeint, wenn von bürgerlicher und politischer Freiheit die Rede war. Bei den Freiheitsforderungen im Sinne der Bewegung von 1848 also handelte es sich weniger um einzelne Freiheitsrechte, als vielmehr um den Anspruch des Bürgertums, oder, wenn man will, des Volkes – aber damals repräsentierte das Bürgertum das Volk – keine politische Autorität mehr über sich und im Grunde auch neben sich anzuerkennen. Ein Kampf wurde in Deutschland aufgenommen, der in England schon im 17. Jahrhundert, in Frankreich 1789 und dann wieder 1830 ausgefochten und der im Zuge der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung auch in Deutschland unvermeidlich geworden war. Das Programm der deutschen Liberalen, die ja 1848 die Mehrheit des deutschen, Volkes hinter sich hatten, wurde sinngemäß in entscheidender Stunde von Heinrich von Gagerr. formuliert: Deutschland will eins sein, ein Reich, regiert vom Willen des Volkes!

Automatisch aber, verband sich – und dies hat sich dann bis heute als schwere Behinderung für die deutsche Demokratie ausgewirkt – das Ideal der Selbstregierung mit der Nachahmung der westlichen Parlamentsherrschaft. Aus dieser Zielsetzung heraus hatte Friedrich Christoph Dahlmann, neben ihrem Präsidenten Heinrich von Gagern wohl die wichtigste Persönlichkeit der Frankfurter Nationalversammlung, in den vierziger Jahren seine historisch-publizistischen Bücher über die Englische und Französische Revolution verfaßt. Das neuzeitliche England und das moderne Frankreich wurden darin als die Vorbilder der verfassungsmäßigen oder beschränkten Monarchie gefeiert. Dahlmann und seine Gesinnungsgenossen unternahmen dementsprechend nach Ausbruch der Revolution den Versuch, die unbeschränkte Monarchie durch die Herrschaft des vom Volkswillen getragenen und von politischen Parteien gebildeten Parlaments zu ersetzen.