In der Berliner Universität sind drei Studenten relegiert worden. Die drei maßgeblichen Herausgeber einer studentischen Monatsschrift; einer Monatsschrift mit amerikanischer Lizenz. Von den drei Studenten gehören zwei der SPD und einer der CDU an: Sie haben sich im akademischen Leben der letzten zwei Jahre einen gewissen politischen Ruf erworben. Relegiert wurden sie nicht von der Universität, nicht von ihrem Rektor, nicht von ihrem Senat, sondern von der Zentralyerwaltung für Volksbildung der sowjetischen Zone, deren Präsident, der Kommunist Wandel, die Relegation persönlich veranlaßte. Die Universität liegt im russischen Sektor. Sie untersteht – ungeachtet vieler Proteste von Seiten des Stadtparlaments, der Mehrheitsparteien und der akademischen Hörerschaft – nicht der Hoheit der-Stadt Berlin, sondern jener sowjetisch gelenkten Zentralverwaltung.

Ganz offensichtlich handelt es sich bei der Relegation um einen politischen Gewaltakt. Selbst die begründenden Erklärungen der Zentralverwaltung und einiger ihr Hilfestellung leistender Hochschulbeamten können den Relegierten kein anderes Verschulden nachweisen, als Kritik an der wissenschaftlich wie politisch einseitigen und diktatorischen Hochschulleitung des Präsidenten Wandel.

Von jeher galt der Student als Träger besonderer Freiheitsrechte, der mit Elan das Banner der Opposition und der kämpferischen Aktivität schwang. In Berlin sah das diesmal so aus: eine Protestversammlung der Studentenschaft war im Umkreis der Universität selbst ausgeschlossen. Der russische Sektor ist kein Ort für solche Demonstrationen. Dicht neben dem Potsdamer Platz, hart an der Sektorengrenze, machten die Relegierten und die, die.mit ihnen sympathisierten, sich Luft. Gefährlich war das auch dort, ein. offenes Eintreten für die Gemaßregelten war gleichfalls mit Relegation bedroht. Nicht, daß dies erst durch Anschlag oder öffentliche Warnung hätte bekanntgegeben werden müssen. Die hier üblichen Methoden bedürfen keiner Erläuterung mehr. Die Universität hat einen Studentenrat, in dem – da er ordnungsmäßig gewählt worden ist – die SED keine Mehrheit hat. Bevor er aber zu seiner Beratung zusammentrat, wurde er klar und unmißverständlich von der Stellungnahme der Besatzungmacht unterrichtet. Zu einem Streikbeschluß konnte er so nicht kommen; die rigorose Schließung der Universität stand als unausbleibliche Folge hinter jedem unbotmäßigen Beschluß. Man einigte sich, eine studentische Urabstimmung zu beantragen

Dies sind die äußeren Vorgänge. Sie sind symptomatisch für die politische Bevormundung, der die Kommunisten im Schutze oder auf Wunsch der sowjetischen Besatzungsmacht das akademische Leben und damit die wissenschaftliche Lehre unterstellt haben. Von den Universitäten der Ostzone: Jena, Halle, Rostock, Greifswald, ist keine Silbe des Protestes gekommen. Sic schweigen, sie müssen schweigen. Doch auch die Professorenschaft der Berliner Universität versagte sich jegliches Zeichen der Solidarität. Dafür rührten sich eine ganze Anzahl von Hochschulen des westlichen Deutschland. Die Berliner Studenten sind ihnen dankbar. Aber was nützt es, was hilft es ihnen?

Die Berliner Universität hat nicht mehr den Rang, den sie früher einnahm. Die Inhaber der wichtigsten Lehrstühle sind, sofern sie nach 1945 noch in Berlin waren, inzwischen nach Westen abgezogen, auf die Kanzeln der kleinen Hochschulen. Es gab an der Berliner Universität Ordinariate, die unter den Privatdozenten der westlichen Universitäten ausgeboten werden mußten. Denn Berlin begann seinen großen wissenschaftlichen Ruf unter dem Zugriff einer neuen politischen Orthodoxie einzubüßen. Dabei wäre die Annahme falsch, daß gerade die Berliner Universität von den neuen Herren zu einer Musterlehrstätte etwa des dialektischen Materialismus und verwandter Disziplinen hochgezüchtet worden wäre. Es war ärger: das wissenschaftliche Mittelmaß nahm die ersten Plätze ein, ein paar Katecheten des Marxismus bestiegen leergewordene oder neugeschaffene Kanzeln in der nationalökonomischen oder pädagogischen Fakultät. Ein eigentliches geistiges Leben jedoch, das aus den Trümmern der Humboldt-Universität hätte erblühen sollen, blieb aus.

Trotz allem profitierte die Universität als berufliche Ausbildungsstätte natürlich von der Zeitkonjunktur. Proteste und Aktionen für politische und wissenschaftliche Freiheit sind allerdings nicht ratsam, wo es schon ein Problem ist, die Zulassung zum Studium über unzählige Umwege und Kompromisse überhaupt erst zu erkaufen. So erklärt sich die Stille um diese unfruchtbare Universität als Friedhofsruhe. Man muß froh sein, nicht als Opponent gegen die herrschende Richtung entdeckt und drangsaliert zu werden. So ist es auch zu verstehen, daß diese politische Relegation nicht zum Anlaß wurde, der Universität die Treue aufzukündigen. Ein Exodus in die Westsektoren – er wurde und wird noch erwogen – würde auf technische Schwierigkeiten stoßen, die angesichts der (infolge des prekären politischen Klimas der Stadt) so gering gewordenen Anziehungskraft Berlins kaum zu überwinden wären;

Was also bleibt, so fragt man sich, zu tun? Es wird niemand verlangen, daß Berlin seine Position im wissenschaftlichen Leben um dieser Widrigkeiten willen kampflos aufgeben sollte. Es wird vielmehr erwartet werden müssen, daß der von den Berliner Studenten durchgestandene Kampf um die Freiheit der Wissenschaft als ein allgemein deutscher Kampf für das Recht auf freie geistige Entscheidung gegen eine neue geistige Reglementierung gewertet und – unterstützt wird. Daß er in Berlin von den Studenten und nicht von den Professoren geführt wird, zeigt, wie weit die Wissenschaft selbst schon gefährdet ist. K. W.