Ginette Neveu, eine Geigerin aus Paris, kam nach Hamburg, um das Violinkonzert von Brahms zu spielen: in einem Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters, das die lange Reihe der musikalischen Ereignisse in der Hansestadt krönte. Hamburg, wo so außerordentliche musikalische Persönlichkeiten wie Jochum, Schmidt-Isserstedt und der Opernregisseur Rennert, zusammen- oder – im guten Sinne gegenseitiger Anspornung – gegeneinanderwirken, ist heute eine Musikstadt par excellence. Und so wußte das Publikum zu schätzen, was es an Ginette Neveu hatte: eine vollblütige Künstlerin von edlem, wenn auch nicht gerade großem Geigenton, ein hinreißendes Temperament, dem ein klarer Kunstverstand die Waage hielt, eine Virtuosität, die so mühelos zu funktionieren schien, daß man ihren Triumph kaum bemerkte. Aus dem Beifall, der sie umbrandete, nahm sie sicher den Eindruck mit, daß Hamburg eine der temperamentvollsten Städte Europas sei und die Norddeutschen ein Volk von Enthusiasten.

Leider muß man hinzufügen, daß es darunter einige gab, die ostentativ die Musikhalle verließen, wobei sie gehörig mit den Türen knallten – natürlich nicht beim Spiel der Neveu, sondern als Schmidt-Isserstedt im gleichen Konzert seine größte Leistung dieses Musikwinters vollbrachte. Er dirigierte "Sacre du printemps jenes immer wieder erstaunliche Werk Igor Strawinskys, mit dem der große Anreger der Moderne sich vor 35 Jahren abwandte vom Gefühlsausdruck romantischer Prägung. Nicht nur, weil es sich um eine Ballettmusik handelt, regiert der Rhythmus. Die Rhythmik ist das A und O dieser manchmal prononciert – daß heißt: mit aller Inbrunst gewollt – barbarischen Musik. Wer dies spielen will, muß nicht nur ein Orchester haben, das über jenen hohen Grad von Virtuosität verfügt, den man nicht bemerkt, ein Orchester, das mit dem Vokabular der Moderne tief vertraut ist (Schmidt-Isserstedt hat es), sondern er muß über eine Konzentrationsfähigkeit und eine Dirigiertechnik verfügen, die ganz unwahrscheinlich hoch entwickelt sind. Ich wüßte freilich keinen, der Schmidt-Isserstedt – zumindest in Deutschland – heute darin gleichkommt. Er ist kein "Magier des Orchesters" (und es gibt Augenblicke, in denen man dies ein wenig vermißt); er ist der überzeugte und überzeugende Mann des Sachlichen. Und sein Orchester hat den Klang, den wir heute am meisten lieben, einen Klang von geradezu nervenerregender Klarheit. Daher hatte man das Gefühl, die "Sacre"-Musik könne überhaupt nicht besser, nicht richtiger vorgetragen werden als es hier geschah. Seltsam nur: 35 Jahre also sind seit ihrer Uraufführung vergangen, und jetzt, in der Generation der Vierzigjährigen, hat man die echten Interpreten dafür! Dies aber sagt: es ist die gleiche Moderne, die uns heute noch beschäftigt; "Moderneres" gab es seither nicht; es war ein einmaliger Umbruch, der sich mit dem "Sacre" – und nicht nur mit diesem Werk – vollzog. Damals wurde ein neuer Weg gebahnt, auf dem wir noch heute in Bewegung sind. – Es haben Leute den Saal verlassen? Laßt sie gehen!

In den Hamburger Kammerspielen gastierte Jean Marchat mit seinem Ensemble, zu dem auch die durch den Film bekannt gewordene Madeleine Ozeray gehört; Und zwar galt der Abend dem sehr geistvollen Stück von Giraudoux "Der Trojanische Krieg findet nicht statt", das – je nach der Inszenierung – eine von Humor und Witz geprägte Tragödie oder ein Lustspiel mit tragischem Hintergrund ist. Die französischen Gäste betonten die schimmernde Oberfläche, wobei Jean Marchat als Darsteller des Hektor freilich großartige menschliche Töne fand. Seine Regie, die den nur mit einem Lendentuch bekleideten jungen trojanischen Männern eine bemerkenswerte Note von Koketterie verlieh, mischte auf seltsame Art vieux jeu (sogar handfeste Clownerie) mit modernem Ausdruck, Pathos mit kühler Sachlichkeit. Ein Schönheitsfehler? Vielleicht. Jedenfalls gab es, insbesondere in den Szenen mit Madeleine Ozeray, große Momente der im sprachlichen Ausdruck wurzelnden Schauspielkunst, der auch jener Teil des Publikums, der die französische Sprache zu wenig verstand, restlos erlag. Der Beifall wurde zu Ovationen. Josef Marein