Von Gustav René Hocke

Als ich in Assisi ankam, stand die Sonne hoch am Himmel. Die Kirche San Francesco beherrschte die Ebene Umbriens wie eine Gralsburg. Ich stieg auf einem schmalen Pfad zwischen Olivenbäumen in die Stadt und bedurfte keines Aufwandes an Bewußtsein, um eine Verwandlung zu spüren, die alles Denken auf empfindlichste Weise glättete. Ich stieg nur eine Straße hinan. Aber ich stieg zugleich in eine Welt hinauf, die sich alles Werdens entledigt hat und die nichts anderes sein will als ein großes stilles Auge, das die Schönheit des Geschaffenen und damit eine der tiefsten Taten Gottes in sich hineinsieht wie ein Spiegel.

Ich hätte zögern können, denn es war mir angelegen, mich der religiösen Weihe aller Stätten in Assisi selbst zu nähern, in sie einzudringen, unter ihnen zu rasten. Fast schnell schritt ich indes durch, die mittäglich leeren Straßen der Stadt des Properz und des heiligen Franziskus, in die die Sonne zwar noch warm, aber, schon mit dem blauen Licht aller herbstlichen Übergänge schien, das alle Horizonte Umbriens durchsichtig macht, als seien sie in Glas gehaucht. An einer Straßenkreuzung sah ich die Fassade der Kirche Santa Chiara. Sie winkte mir zu wie die ringgeschmückte Hand des Erasmus. Auch sah ich blühende Geranien an verzierten Eisenhaken hängen. Sie bewegten, sich leise im Winde, der aus der Romagna kam.

Ich konnte nicht lange darauf achten, denn ich zögerte nicht, stieg vielmehr weiter, erst durch neue Olivenhaine, dann durch dichte Waldbüsche bis zu dem "Carcere", dem alten Kloster, wo Franziskus den Vögeln predigte, schließlich über einen steinigen Pfad und über eine kahle, steile Anhöhe, bis ich den Gipfel des Subasio erreicht hatte, der fast eineinhalbtausend Meter hoch ist. Ich war außer Atem. Nichts hätte vermocht, mich davon zu überzeugen, daß ich nicht träumte. Ich strich mit der Hand in dünne Wolken, die mich sanft und locker streiften wie der Atem unsichtbarer Berggeister. Es fröstelte mich sogar, denn es war kalt, lautlos und einsam.

Hier aber wurde mir einer der seltensten Anblicke zuteil. Ich sah weit unter mir wie eine von spielender. Hand weit auseinandergefaltete Tempelanlage Assisi in der Sonne flimmern. Die Acker und Gärten des breiten umbrischen Tales bewegten sich wie ein farbiges Tuch. Leise Schwingungen der Hügel und der über ihnen terrassenförmig gelagerten Berge schienen sich mit der Erde selbst zu drehen. Über allem funkelte – und das war höchst seltsam, weil es einen Ruhepunkt schuf – das Diadem des entfernten trasimenischen Sees. Er war wie ein Kristall, in dem alles zerbrach, in dem alles sich neu klärte und wieder enthüllte.

Aber das allein war es nicht. Es war in diesem Bild, das der Anlage und Bedeutung nach anderenorts hätte gewaltig erscheinen können, ein solcher Zug von Milde und transparenter Heiterkeit von einem unendlich gütigen Lächeln, daß ich jäh verstand, wie eine gute Fügung mich auf den langen und beschwerlichen Weg gelenkt haben mußte.

Mir wurde nämlich mit einem Male angesichts dieser verklärten Weite klar, warum der junge Kaufmannssohn Francesco, der das üppige Leben liebte, den selbstbewußten Stolz im Beispiel der zeitgenössischen Ritter pflegte und allem, außer sich selbst, geringste Bedeutung zumaß, unter einem solchen Himmel plötzlich – denn es veiß ja keiner, wie und warum in kürzester Zeit – alles dies von sich abwarf, die schlichteste Sonderart der unscheinbarsten Kreatur lieben lernte und am Ende seines Lebens einen Sonnengesang dichtete.