Von Marion Gräfin Dönhoff

In den Bergen Galiläas und Judäas, auf der Straße nach Emmaus und am Ölberg, an all diesen Stätten, von deren stiller Verheißung in diesen Tagen und Wochen in allen christlichen Kirchen der Welt gesprochen worden ist, dröhnt der Lärm des Krieges. Und eben in diesen Tagen, da die Christenheit wieder wie seit 2000 Jahren das Fest des Heiligen Geistes, der liebe und Versöhnung feiert, haben die religiösen Führer der Al-Azhar-Universität in Kairo als die traditionellen Hüter des Islams ein Manifest herausgegeben, in dem die Rettung Palästinas und der Kampf gegen den Zionismus allen Mohammedanern zur heiligen Pflicht gemacht wird.

Mit dieser Entscheidung der Al-Azhat-Moschee, die seit der Abschaffung des Kalifats die höchste geistliche Instanz aller Mohammedaner ist, wird der palästinensische Krieg endgültig in die Ebene eines geographisch nicht mehr begrenzten Religionskrieges verschoben. Es handelt sich nun nicht mehr allein um eine Auseinandersetzung zwischen den palästinensischen Juden und den palästinensischen Arabern, sondern um den Kampf aller mohammedanischen Araber gegen den jüdischen Zionismus, ja vielleicht sogar gegen die Juden schlechthin. Wie stark sich diese Entwicklung während der letzten Monate bereits anbahnte, geht deutlich hervor aus den vielfältigen jüdischen Einwanderungsgesuchen, die ans fast allen arabischen Ländern bei der Jewish Agency in Jerusalem eingehen.

Im Irak, wo es seit den Tagen der babylonischen Könige große jüdische Gemeinden gibt, die jahrhundertelang in friedlicher Gemeinschaft mit der einheimischen Bevölkerung lebten und sich ihrer rassischen Besonderheit gar nicht bewußt waren, ist es jetzt häufig 31 antisemitischen Ausschreitungen gekommen. In Syrien, in Aleppo, hat ein schweres Pogrom stattgefunden, und im Jemen, wo die Juden sich so unterdrückt fühlen, daß trotz des Auswanderungsverbots während der letzten Jahre Tausende von jemenitischen Juden in Palästina eingewandert sind, scheint ihre Diskriminierung am schlimmsten. In fast allen arabischen Ländern ist überdies ein offizieller Boykott aller jüdischen Waren angeordnet, und wenn dieser sich im weiteren Verlauf der Ereignisse auch gegen die jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden in den eigenen Ländern richten sollte, wird dies den wirtschaftlichen Ruin großer Bevölkerungsteile zur Folge haben; denn in den mohammedanischen Gebieten von Nordafrika, wo ihre Zahl allein auf 400 000 geschätzt wird, bis hinüber nach Afghanistan leben insgesamt mehr Juden als im eigentlichen Palästina. Der wachsende Antisemitismus im Nahen und Mittleren Osten und die Tatsache der über Tausende von Meilen verstreuten jüdischen Siedlungen erhöht die Gefahr der "Kettenreaktionen", die unter Umständen von dem kleinen Land Palästina ausgehen werden, außerordentlich.

Ein anderes Faktum, das, ausgelöst durch den Krieg in Palästina, weit über die Grenzen dieses Landes hinaus seine Auswirkungen geltend machen wird, ist die Unterbindung der Ölleitung vom Irak nach Haifa. Am 13. April hat man die Pumpstation in Mossul und Kirkuk stillgelegt, das heißt, seit diesem Zeitpunkt erhält die große Raffinerie in Haifa keine Zufuhren mehr. Diese Raffinerie, die abgesehen von einigen ganz kleinen Anlagen in Ägypten und dem Libanon als einzige den außereuropäischen Mittelmeerraum versorgte und im übrigen Griechenland und die Transitschiffahrt zu beliefern pflegte, produzierte im Jahr vier Mill. t, die nun zunächst einmal ausfallen. Eine Tatsache, die nicht nur für die Industrie und Landwirtschaft, sondern auch für alle militärischen Bewegungen und Transporte in diesen-Gebieten schwerwiegende Probleme aufwirft – was zweifellos von Rußland nicht ungern bemerkt wird. Bisher ist in Palästina folgendes geschehen: Die Juden versuchen sich durch eine Art Blitzkrieg, den sie in der letzten Phase vor Beendigung des Mandats aus den beiderseitigen Terroraktionen quasi zwanglos entwickelt haben, in den Besitz der großen Hafenstädte Haifa und Jaffa zu setzen; wobei zu bemerken ist, daß Jaffa gemäß dem Teilungsplan eine arabische Enklave im jüdischen Territorium hatte werden sollen und man annehmen muß, daß auch Haifa, das von den Juden fast im Handstreich erobert wurde, letztendlich den Arabern zugesprochen worden wäre. Man muß wohl damit rechnen, daß sofort nach Proklamation des jüdischen Staates am 16. Mai eine mit allen Mitteln forcierte Einwanderung, vor allem waffenfähiger Männer, stattfinden wird. Angeblich liegen die entsprechender. Schiffe schon in allen Häfen des Schwarzen Meeres und der Insel Cypern startbereit. Die Araber, die übrigens bisher keine sehr ruhmreichen Beispiele ihres Kampfwillens geliefert haben – nicht nur in Haifa, sondern vielerorts im Lande befinden sich große Teile der arabischen Bevölkerung auf der Flucht nach Syrien und Transjordanien –, warten auf weitere Verstärkung aus den anderen arabischen Ländern, deren Oberbefehlshaber bisher noch über die Einzelheiten der strategischen Aufmarschpläne diskutieren. Jedenfalls aber ist man zum großen Krieg entschlossen. Die letzten Besprechungen der arabischen Staatsoberhäupter in Amman und Kairo lassen darüber keinen Zweifel mehr; selbst König Ibn Saud, der sich bisher sehr im Hintergrund hielt, hat jetzt seine volle Mitwirkung zugesagt. Die eigentlich ausschlaggebende Rolle in militärischer Hinsicht werden allerdings wohl Transjordanien, der Irak und Syrien spielen. Man rechnet offenbar mit etwa 75 000 Mann regulärer Truppen auf jüdischer Seite und 300 000, die die vereinigten arabischen Länder mit der Zeit auf die Beine bringen werden. Diese Zahl, die sicher hochgegriffen ist, kann aber hinsichtlich der Ausbildung und Ausrüstung nicht als vollwertig in die Gleichung eingesetzt werden.

So geht in diesen Tagen das britische Mandat über Palästina unter den gleichen ungeklärten und unheilvollen Auspizien zu Ende, unter denen es seinerzeit einmal begann.