Westdeutschland, so sagte Großbritanniens Außenminister Ernest Bevin in seiner außenpolitischen Rede vor dem englischen Unterhaus, Westdeutschland nehme jetzt vollkommen teil an der wirtschaftlichen Zusammenarbeit des europäischen Westens. Vertreter der britischen, amerikanischen und französischen Zone hätten an allen hierauf bezüglichen Entschlüssen mitgewirkt, und die britische Regierung halte dies auch für unbedingt notwendig, wenn man die Rohstoffquellen, die industrielle Kapazität und die Produktion Westdeutschlands ausnutzen wolle, um Europa und die Welt wiederaufzubauen. Es werde, so sagte in der Debatte, die sich an diese Rede anschloß, der Labourabgeordnete Bellenger, keine Erholung für England wie für die westeuropäische Union möglich sein, solange nicht Deutschland um des Friedens und einer wirtschaftlichen Blüte willen wiederaufgebaut werde. In den deutschen Westzonen gebe es ungefähr 40 Millionen Menschen, und irgend etwas müsse mit ihnen geschehen; einfach abschreiben könne man sie nicht.

Viele, nicht nur in Deutschland, sondern in der Welt, werden diese Äußerungen mit Befriedigung aufnehmen, sie werden sagen, es sei gut, daß endlich die Haßatmosphäre des letzten Krieges sich zu klären beginne und sachliche Gesichtspunkte in der Politik der Völker wieder Geltung gewännen. Doch hieße es sehr einseitig urteilen, wenn man wirklich annehmen wollte, die Politik der Völker werde tatsächlich von jenen "Gegebenheiten" bestimmt, die mit Rohstoffen, Arbeitskraft und industrieller oder agrarischer Produktion umschrieben zu werden pflegen, Gegebenheiten, zu denen man noch die geographische Lage und die militärische Ausbildung hinzufügen müßte, um den Katalog zu vervollständigen, Gewiß, eine solche Betrachtungsweise klingt sehr sachlich, und es mögen viele glauben, deshalb sei sie auch modern. In Wirklichkeit jedoch verhält es sich anders: diese Form politischer Anschauung ist veraltet, sie entstammt dem neunzehnten Jahrhundert und sollte längst mit ihm vergangen sein. Denn wenn man sich nur entschließen wollte, mit der viel gerühmten Sachlichkeit die heutige Weltlage zu betrachten, dann würde man finden, daß Macht – sei sie wirtschaftlich oder militärisch – nicht mehr der alleinbestimmende Faktor der internationalen Politik ist.

Die "fünfte Kolonne", die von Moskau in allen Ländern der Welt unterhalten wird, ist ein Beweis dafür, daß Ideale – und mögen sie liberalem Denken noch so falsch erscheinen – sich gegen Macht und Opportunität, gegen jede "sachliche" politische Betrachtungsweise also, zu behaupten und durchzusetzen vermögen. Es gibt, dies kann nicht geleugnet werden, heute viele Menschen in der Welt, die die Diktatur und die Wonne des Gehorchendürfens für ein erstrebenswertes Ideal halten. Will man dem von westlichdemokratischer Seite nichts entgegenhalten als Rohstoffe, Arbeitskraft und Produktionsfähigkeit, dann sollte man den Kampf einstellen, denn er ist verloren.

Nationen, so sagte Bevin in seiner Rede vor dem Unterhaus, finden es schwierig, Überlegungen aufzugeben, die den nationalen Egoismus angehen, und Gedankengänge über Bord zu werfen, an die man sich seit Jahrhunderten gewöhnt hat. Dies war nicht im Hinblick auf Deutschland gesagt, aber diese Sätze könnten als Motto über der Besatzungspolitik stehen, von der sich die drei Westmächte immer noch nicht trennen können.

Über die Verhandlungen, die in London gepflogen werden und in denen die Zukunft Westdeutschlands ohne uns beschlossen wird, war Bevin sehr schweigsam. Soviel weiß man immerhin, daß Frankreich für die Zustimmung zu einer Trizone einen hohen Preis verlangt. Auch dies ist altmodische Machtpolitik. In Wirklichkeit besteht für uns kein überragendes Interesse an einer Trizone. Unser Interesse ist auf etwas anderes gerichtet, auf einen Rechtszustand, der endlich in Deutschland wiederhergestellt werden muß. Es wäre sogar gut, die Bizone wieder aufzulösen, wenn man damit erreichen könnte, daß in einem noch so kleinen Teil Deutschlands gesichertes Recht geschaffen und dadurch nach dem militärischen auch der geistige Sieg über die Despotie errungen wird.. Tgl.