Mitte April ging die Nachricht durch,die Presse: das Zweimäditekontrollamt habe der Verwaltung Wirtschaft vorgeworfen, sie hätte dreißig Millionen Yards Textilien, die ihr am 19. Februar übergeben worden seien, noch nicht weitergeleitet. Über 12 Mill. Bekleidungsstücke seien dadurch der Bevölkerung vorenthalten worden, Fehlerhafte Organisation und mangelhaftes Verantwortungsbewußtsein seien die Gründe für diese Verzögerung – Man kann sich lebhaft vorstellen, wie diese Nachricht auf Zeitungsleser, die ihren Kindern seit Jahr und Tag nichts mehr zum Anziehen kaufen konnten, gewirkt haben mag, und wie mancher von ihnen über so viel Unzulänglichkeit (wenn nicht Korruption) getobt haben wird ...

Erkundigungen bei der zuständigen Stelle in Höchst und Feststellungen des Wirtschaftsdirektors vor dem Plenum des Wirtschaftsrates ergaben ein anderes Bild. Nicht schon am 19. Februar, wie behauptet worden war, sondern erst am 8. März waren die Textilien der Verwaltung Wirtschaft offiziell zum Kauf angeboten worden, aber nur zum kleineren Teil (etwa 14 Mill. Yards). Der Rest, etwa 16 Mill. Yards, wurde erst am 19. April offeriert, also nach der Veröffentlichung jenes Vorwurfes. Aber noch am 27. April hatte die JEIA der Verwaltung Wirtschaft nicht mitgeteilt, wo diese zweite Hälfte lagert. Der erste Posten von 14 Mill. Yards wurde, nachdem sich die Verwaltung Wirtschaft gleich nach dem 8. März mit der Baumwoll-Abrechnungsstelle in Stuttgart in Verbindung gesetzt hatte, am 14. April aufgeteilt, was der Militärregierung, zwei Tage, bevor sie jenen Vorwurf erhoben hatte, mitgeteilt worden war. Da die Bekleidungsindustrie vier bis sechs Wochen für die Verarbeitung des Kattuns braucht, dürfte die Ware in der zweiten Mai-Hälfte in den Geschäften verfügbar sein!

Direktor Erhard wies vor dem Plenum des Wirtschaftsrates auf den großen Vorteil hin, den die Überlassung dieser Stoffe für die notleidende deutsche Bevölkerung und für unsere Baumwolle verarbeitende Industrie bedeutet, die ihre Kapazität nur zur Hälfte ausnutzen kann. Er teilte weiter mit, daß die Ware eigentlich für den Export bestimmt war, und zwar von OMGUS, denn es handelte sich um ein sogenanntes OMGUS-Geschäft. Dabei sind wir bekanntlich nur Verarbeiten Die Militärregierung führt Rohmaterial oder Halbfabrikate ein (in diesem Falle waren es 50 000 t Baumwolle), die dann hier verarbeitet werden. Als Lohn dafür bleiben 40 v. H. der importierten Ware in der Bizone, 60 v. H. gehen nach der Verarbeitung ins Ausland. Die Militärregierung, schreibt die Bearbeitung des Rohmaterials vor. So auch in diesem Falle. Webart, Fasernzahl, Ausführung der Dessins, all das legte sie genau fest. Die deutschen Fachleute hatten Bedenken. Die Muster seien doch zu eigenartig, meinten sie. Ob sich für sie wohl Käufer finden würden? Doch die Besteller beharrten auf ihren Anordnungen. In Belgisch-Kongo und anderen exotischen Ländern, denen die Stoffe zugedacht waren, war man aber anderer Meinung und zeigte kein Gusto nach solchen Mustern. Nicht einmal 10 von den 60 v. H., die für den Export bestimmt waren, konnten draußen an den Mann und noch weniger an die Frau gebracht werden. Was tun? Die JEIA trat die Verwaltung Wirtschaft heran und offerierte ihr die Stoffe für die deutsche Bevölkerung. Inzwischen sind uns sogar noch weitere 10 Mill. Yards aus diesem Geschäft angeboten worden, was wir – Herr Direktor Erhard hat durchaus recht – wegen unseres Kleidermangels sehr begrüßen müssen. Wenn den Negern in Belgisch-Kongo die Muster nicht gefallen haben: wir dürfen nicht so wählerisch sein. Und unsere Frauen werden sich wohl mit den grellfarbigen Mustern, selbst, wenn es gelbe Löwenköpfe auf feuerrotem Grund sind, abfinden. Kinderkleider können auch mal so aussehen. Schwieriger wird es sein, Stoffe, die für alle möglichen technischen Zwecke vorgesehen waren, zu Bekleidung zu verarbeiten. Aber irgendwie ist das schon zu schaffen.

Es wurde auch erzählt, daß sie oder andere, da sie nicht genug Dollar haben, die in Dollar zu bezahlende Ware nicht hätten abnehmen können. Hat man das eigentlich vorher nicht bedacht? Unter Kauf leuten ist es üblich, daß man sich zuerst über die Zahlungsfähigkeit des Kunden und auch über seinen Geschmack unterrichtet, ehe man Aufträge, die man gar nicht erhalten hat, an andere vergibt, noch dazu in solchem Umfang. Und damit sind wir bei einer Frage, für die man sicher auch drüben in Amerika nicht nur in Geschäftskreisen viel Verständnis haben wird: der Frage nämlich, ob es nicht richtig wäre, den Handel doch wieder in die Hände derer zu geben, die sich auf ihn verstehen, die Erfahrung haben und deshalb nicht Muster drucken lassen, die nachher keiner abnehmen will; die nicht im Geiste Dollarkunden vor sich sehen, die keine Dollar haben – kurz, die wissen, wie man ein Geschäft machen muß, und wie man es nicht machen darf, damit einem nicht der Kattun liegen bleibt. Denn man soll auch den Geschmack der Kongoneger nicht unterschätzen, selbst dann nicht, wenn einem für solche Irrtümer ein Ausgleichskonto zur Verfügung steht. R. Strobel