Wer in diesen Frühlingstagen Sofia betritt, fühlt sich fremd in dieser einzigartigen Stadt. Ist dies Gefühl der Fremdheit nicht erklärlich? Die Stadt, die heute 450 000 Einwohner zählt, hat den Mitteleuropäer seit rund fünfzig Jahren immer wieder in ihren Bann gezogen, in das Geheimnis ihrer Widersprüchlichkeiten, deren Anziehungskraft er fast sinnlich wahrzunehmen glaubte, sobald er sein komfortables Hotel verlassen und sich in das bizarre Leben auf den Straßen gemischt hatte, die ihn – bald eng, bald sich weitend – an Basars und schreienden Straßenverkäufern, an Zweckbauten amerikanischen Vorbilds und spiegelblanken Schaufenstern vorbeiführten. Heute aber stellt der Besucher fest, daß sich, obwohl die Widersprüchlichkeiten geblieben sind, manches verändert hat. Auch die Häuser Sofias – vor allem die Wohnviertel im Zentrum der Stadt – haben durch Kriegseinwirkung gelitten, und selbstverständlich werden dem Besucher der Stadt ihre Ruinen zuallererst in die Augen springen, wenn er nicht von Mitteleuropa kommend – nur mehr gewohnheitsmäßig zu registrieren vermag: Auch hier also!

Nun gut, die Zerstörungen durch die amerikanische Luftwaffe – die größten Angriffe erfolgten im April 1944, und der Fremde kann sehr bald zu hören bekommen, daß es "die Amerikaner" waren –, diese Zerstörungen also belaufen sich auf allerhöchsten? 10 V. H., und überdies wird hin und wieder etwa wie in den meisten westeuropäischen Städten – mehr repariert und ausgebessert als gebaut. Die europäischen Städte gleichen sich heute äußerlich mehr als früher, und diese ersten realistischen Eindrücke von Sofia sind es mitnichten, die den Besucher aus dem Westen befremden: Sofias Menschen, die hastig und wie gejagt oder stumpf und teilnahmslos durch diesen Frühling 1948 gehen, diese Menschen sind-einem fremd und neu, obwohl man berechtigterweise hoffen konnte, manchen Freund aus früheren Tagen unter ihnen auftauchen zu sehen. Und richtig: hat man schließlich einen alten Bekannten aufgespürt, der – auch wenn sein Haus nicht zerstört ist – mit Sicherheit seine Wohnung, gewechselt hat, so stellt sich heraus, daß er ein anderer Mensch geworden ist. Er hat es gelernt, leise zu sprechen und sich vorsichtig auszudrücken. Terror und Angst und Angst durch Terror – nicht die wirtschaftliche Not und nicht auch die relativ geringen Zerstörungen – haben die große Verwandlung Sofias und seiner Bevölkerung bewirkt. Und was für Sofia gilt, gilt für Bulgarien. Jedoch von Terror und Angst – so sehr sie auch das Leben des heutigen bulgarischen Volkes beherrschen – spricht man in diesen Frühlingstagen in Sofia nicht gern. Überdies bringen Offenbarungen selten etwas Gutes ein, häufig aber den Weg in eines der rund zehn Konzentrationslager. Wer eine "Gefahr für die Ordnung und Sicherheit des Staates" darstellt, dem wird nämlich rasch Gelegenheit gegeben, in einem dieser Lager (man nennt sie "Arbeitserziehungslager") zu. sich zu kommen, und das heißt hier: den überzengten Bolschewisten in sich zu entdecken ...

Das Lager Kocian, südwestlich von Sofia inmitten der Kohlenbergwerke Pernik gelegen, ist zu einer sprichwörtlichen Warnung und Drohung geworden. Wer Kocian betritt, hat nichts zu lachen; wer Kocian verläßt, ist Kommunist geworden oder tritt der "Vaterländischen Front" bei falls er überhaupt wiederkommt). Eine Art Volksmiliz, geleitet von Zivilbeamten mit ostslawischer Aussprache, sorgt’ dafür, daß diese Lager nicht leer werden und die "Umerziehung" des Volkes Fortschritte macht, so wie auch alles andere unter das Zeichen dieses Fortschrittes gestellt wird. Fortschrittlich ist die Regierung: Von 22 sogenannten Hauptministern sind 15 Kommunisten, sechs sogenannte. Agrare, Sozialdemokraten und Sozialisten und ein letzter ist Vertreter der "Zveno", einer Gruppe früherer Offiziere, die bisher drei Regierungsumbildungen herbeigeführt hat Und den Kommunisten zur Macht verhalf. Jeder dieser Minister hat vier Hilfsminister, deren offizielle Parteizugehörigkeit in den meisten Fällen nicht bekannt ist. Hinzu kommt, daß eine beachtliche Anzahl dieser Minister; bis zu zwanzig Jahren in russischer Emigration verbracht hat und erst mit den Russen Anfang September 1944 wieder ins Land kam: die Errichtung der Bulgarischen Republik ist ihr Werk. In den Händen dieser Männer also liegt die unumschränkte Macht, und sie wissen sie zu gebrauchen. Dennoch bekennen sich von rund sieben Millionen Bulgaren nur etwa drei bis vier Prozent zum Kommunismus. 78 v. H., die Bauern, stehen in offener Gegnerschaft. Die Arbeiter – und das ist wohl eines der interessantesten Phänomene in der Geschichte der proletarischen. Revolution – sind aber nicht minder gegen die "proletarische" Regierung; was dann noch übrigbleibt, nämlich ein Teil der Intellektuellen – und dies ist das zweite Novum in der Bolschewisierung Europas –, sind für die Regierung, das heißt mit ihr, wenn auch nicht in ihr.

Aber das sind europäische Reflektionen, und der Bulgare von heute denkt wohl nicht mehr in westlichen Gedankengängen – oder doch? Darf die westliche Welt Bulgarien endgültig in Abrechnung bringen oder...? Was hat es vor allem zu bedeuten, daß seine Intellektuellen fast einmütig im Dienst der neuen. Regierung stehen, seine Ingenieure, Wirtschaftler, Mediziner und Juristen der "alten Schule", die seit etwa 1920 bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges die westeuropäischen Universitäten bevölkerten, einschließlich der Pariser Sorbonne, der Universität Oxford? Haben sie anders denken gelernt?

Dagegen spricht, daß Petkoff im Andenken seines Volkes als Nationalheld weiterlebt, nicht zuletzt im Bewußtsein des intellektuellen Bulgaren von heute: Petkoff starb für die Freiheit seines Volkes! Wer also in diesen Frühlingstagen 1948 durch die Straßen Sofias gegangen ist und dabei in die Augen der Stadtbewohner geblickt hat, der weiß: die "fortschrittliche" Umstellung der bulgarischen Intelligenz ist nichts als Tünche, die sie sich auflegte oder die man ihr, aufzwang, indem man oft genug die Väter gegen die Söhne und die Söhne gegen die Väter ausspielte!

Der Verrat am Abendland, an seiner Kultur und seiner Tradition ist de facto nur ein Verrat der Etikette, Aushängeschild der Not, der sozialen wie der geistigen, denn England, Frankreich und das geistige Deutschland eines Goethe sind für den gebildeten Bulgaren von heute in eine unerreichbare Ferne gerückt, in die er zwar noch mit einem Gefühl der Wehmut hineihstarrt – wie viele persönliche Erinnerungen, Bekanntschaften allein schon binden ihn an diesen Westen –, die sich ihm aber langsam in Leere verwandeln. Die Tür ist ins Schloß gefallen, und das letzte Fenster wird eben unaufhaltsam verrammelt. Doch nicht nur der Intellektuelle, auch der Arbeiter Sofias und der anderen Industriestädte Bulgariens hat sich in sein Reservat zurückgezogen, das Angst und absolutes Mißtrauen heißt.

Noch ist zwar Hoffnung am Platze, aber die Welt, die im Falle Deutschland zusah, wie ein Volk sich im 20. Jahrhundert einer Tyrannis verschrieb, sollte nicht länger mit ansehen, wie sich der gleiche Prozeß in Bulgarien erneut entfaltet. Bulgarien ist ein junges Volk, gesund durch seine bodenverwurzelten Bauern, seine Arbeiter, die selten länger als seit einer Generation dem Steinpflaster der Großstädte ausgesetzt sind, gesund aber auch durch seine Akademiker, die einen Rest jenes natürlichen Mißtrauens gegen das schlechthin Gefährliche bewahrt haben und eigentlich den Weg ihres Landes weitergehen möchten, den Bulgarien als Teil Europas bisher gegangen ist.

Man blickt von Sofia aus westwärts in diesen Frühlingstagen 1948 und wartet noch, ist aber von einem Ressentiment nicht mehr frei. Daß der nächste Schritt aus diesem Zustand in die echte, nämlich die innere Reaktion führt, sollte die Welt gelernt haben! – IRK