Niemand wird zweifeln, daß Zuschriften an eine Zeitungsredaktion oft eine begrüßenswerte, anregende und belebende Sache sind. Bei Zeitungen von einigem Niveau laufen auch Briefe genug ein, die anderen Lesern zur Kenntnis zu bringen sich lohnt. Trotzdem ist gewiß, daß oft die besten Leserbriefe ungeschrieben bleiben. Dafür kommen wieder andere auf den Schreibtisch geflogen, in denen weniger der Intellekt als das Ressentiment zu Worte kommt.

Da war also ein Dr. Wesemann aus Bonn. Der fühlte sich gedrungen, zu bezeugen, "daß sich der größte Teil der Pgs für eine große, "über" Idee im Nationalsozialismus eingesetzt und dieser Idee sein ganzes Sinnen und Trachten geopfert hat für ein besseres Deutschland". Und er schrieb Herzerhebendes über seinen Führer, vor allem, daß alles heut besser wäre, wenn man dem Guten nichts zuleide getan und ihn in seinem "großen Kampfe gegen den Kommunismus" nicht gestört hätte. Das sei ein "großer Fehler" gewesen, und jetzt müsse man "mit Bedauern feststellen: Zu spät!" Wir lasen es und staunten; und sagten: Niedriger hängen! Wir dachten: dies ist immerhin wissenswert, daß es nach allem, was der Nationalsozialismus uns angetan hat, so etwas tatsächlich noch gibt. Und wir druckten es ab mit der Überschrift "Heil den Unheilbaren!"

Das war, wie man so sagt, ein Stich ins Wespennest. Und es gab Fälle, in denen der deutlich ironische Hinweis dieser Überschrift gar nichts fruchtete. So hatten wir denn Gelegenheit, durch Leserbrief-Lektüre festzustellen: es gibt sie noch, die Nazis, es gibt sie noch, die Unentwegten, die nicht vergessen können, daß es ihnen glänzend ging, während das Volk rigoros geknechtet und schließlich dem Untergang preisgegeben wurde. Die meisten Zuschriften aber, die weitaus überwiegenden, waren – wie sollte es auch anders sein? – voll Empörung gegen diesen Dr. Wesemann in Bonn, dem es vorbehalten blieb, uns die interessante Mitteilung zu machen, daß inmitten unserer Trümmer nicht alle Deutschen jenen Deutschen böse sind, die diese Trümmer angerichtet haben. Sein Brief war ein Symptom (und eben deshalb wert, "niedriger gehängt" zu werden), ein Symptom, das einmal klar zutage brachte, wo wir heute noch – heute schon wieder stehen. Und wenn ein Leser auch sicherlich unrecht hatte, wenn er warnte, den Brief des seltsamen Dr. Wesemann ironisch zu apostrophieren, weil Ironie nicht jeder versteht, – so ist doch manches Körnchen Wahrheit darin, wenn er sagte, "daß die vertriebene Macht ein bis zwei Jahre braucht, um sich zu sammeln. Jetzt nach drei Jahren erleben wir überall die Erhebung der Nazis... Durch Briefe an die Zeitungen Suchen die Nazis für sich Stimmung zu machen; Beobachtungen in der nächsten Umgebung bestätigen das dreiste Auftreten von Pgs. Die Mißgriffe der Besatzung und der deutschen Verwaltung erleichtern den Nazis ihre Propaganda. Um so wachsamer müssen die Kreise sein, die das Naziregiment verabscheuen".

Zur Wachsamkeit aber gehört auch das "Nie" drigerhängen"! Und daß dies von den meisten richtig verstanden wurde, bedeutet für die Absender der Briefe, die uns in dieser Sache so zahlreich erreichten, daß wir sie unmöglich alle drucken können, ein Kompliment, das auszusprechen eine Zeitung ihren Lesern schuldig ist. (Auch dann, wenn die gegen die Restnazis gerichteten Worte teilweise nicht nur ironisch sondern von einer in diesem Fall herzerfrischend den Grobheit waren.) Ath.