Das große Lesebuch der Welt, das den Deutschen seit 1933 vorenthalten worden war, liegt heute wieder geöffnet vor uns: in Lesehallen Und Bibliotheken offenbart es uns eine Fülle von Wissen und Kenntnissen, aber vielfach auch die Bestätigung dessen, was Frau Alving in Ibsens "Gespenstern" zu Pastor Manders von ihren Büchern sagt; "... eigentlich steht gar nichts Neues in diesen Büchern; es steht nur darin, was die Welt im allgemeinen denkt und glaubt.

Der bittere Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft hat damit, wie die Gegenwart zu beweisen scheint, eine kaum widerlegbare Wahrheit ausgesprochen. Dennoch liest Frau Alving Bücher, weil sie "dort etwas wie eine Erklärung und Bestätigung für sehr vieles" findet, worüber sie "schon selbst nachgedacht habe". Dies Motiv mag neben dem allgemeinen Bildungsbedürfnis das große Interesse für Bücher erklären, von dem die staatlichen, städtischen und privaten Büchereien berichten. Und auch eine Bibliothek wie die vor einiger Zeit in Hamburg von der "Agency for Intellectual Relief in Germany" (England) gegründete "Deutsch-Englische Lesergemeinschaft", die einen Anfangsbestand von 3000 Büchern umfaßt, wird seit dem ersten Tage ihrer Einrichtung (in den Räumen der Städtischen Bücherei Möncke-Dergstraße) fleißig in Anspruch genommen. Am begehrtesten sind – neben Unterhaltungsliteratur – geisteswissenschaftliche Werke. Bücher über Wirtschaft und Technik wechseln, da die Bestände nicht sehr umfassend sind, sehr häufig ihre Entleiher, die in der Hauptsache aus Kaufleuten und Technikern, weniger aus Studenten bestehen. Diese sind zunächst noch in der Minderzahl, vermutlich, weil sie dort ganz bestimmte Standardwerke, wie etwa Werke über englisches und amerikanisches Recht; kaum vorfinden. Solche Lese-Interessen dürften gewiß die wertvollsten sein, weil sie am ernsthaftesten motiviert sind; denn nicht allein "was die Welt im allgemeinen denkt und glaubt", sondern auch, was sie bereits als international gültiges Wissen in Buchwerken festhält, sollte in einer überdurchschnittlichen Bibliothek wie der "Deutsch-Englischen Lesergemeinschaft" nicht fehlen; dessen Gründung immerhin ein Unternehmen, ist, das man nicht dankbar genug begrüßen kann. No.