Argentinien spielte im deutschen Ein- und Ausfuhrhandel eine Hauptrolle. War schon der Grundstock dafür in früheren Jahren gelegt, so trat doch der eigentliche Aufschwung erst nach dem ersten Weltkrieg ein. Die industrielle Entwicklung in Argentinien wie auch in einigen anderen südamerikanischen Ländern ging schnell voran. Aus der Notwendigkeit, solche Waren zu ersetzen, von denen man während des Krieges vollkommen abgeschnitten war, entstand die Grundlage für eine junge Industrie, die dem ausgesprochenen Agrarstaat Argentinien ein neues Gepräge gab und sich auch sozialpolitisch bemerkbar machte. Avellaneda in der Provinz Buenos Aires, direkt der Hauptstadt angegliedert, bildet heute das ausgesprochene Industriezentrum der Republik, wo neben alten, provisorischen Betrieben die Neubauten großer moderner Unternehmungen stehen. Eine Wanderung durch diesen Vorort läßt aber auch das soziale Problem erkennen, das diese Industrie schuf. Man sieht Wohnstätten, die man mit den Unterkünften in den zerbombten Städten Europas vergleichen kann, neben ausgesprochenen Mietskasernen.

Der industrielle Werdegang hat das Überseegeschäft erheblich belebt; neben vielen anderen Artikeln hatten besonders Maschinen und maschinelle Anlagen deutscher Provenienz einen Hauptanteil hieran. Ausländisches Kapital floß dem Lande zu, und es konnte nicht immer rationell verwandt werden. So traf der zweite Weltkrieg Argentinien, wenn auch nicht vorbereitet, so doch gut ausgerüstet an, und es konnte die langen Kriegsjahre ohne große Schwierigkeiten überstehen, ohne daß es zu Rationierungen – außer in Brennstoff und einigen wenigen Artikeln – schreiten mußte. Mit Berechtigung wurde es während des Krieges als Eldorado bezeichnet, denn es kannte weder Mängel noch Nöte. Trotz "Schwarzer Liste" konnten alle deutschen Firmen ihre Türen offenhalten; wenn sie durch Unterbindung des Importhandels leiden mußten, erhielten sie dafür durch die Preiserhöhungen des allgemeinen Warenhandels einen indirekten Ausgleich. Einige wichtige deutsche Häuser gingen zur Fabrikation fehlender Artikel über und unterstellten sich dernationalen Produktionsregelung.

Die so entstandene Industrie deckte nicht nur den Inlandsbedarf, sondern nahm große Aufträge aus dem Ausland herein; ihre besten Kunden wurden natürlich die kriegführenden Staaten, speziell England, Nordamerika und Afrika. Der Mangel an Schiffsraum gab den Anstoß zum Ausbau der Handelsflotte. Das Land bediente sich zunächst der aufliegenden Schiffe französischer, italienischer und deutscher Flagge, die argentinische Schutzhäfen aufgesucht, hatten. Während die erstgenannten Länder ihre Schiffe zurückerhielten, wurden die deutschen Schiffe käuflich erworben; der Kaufpreis wurde auf der Zentralbank (Organ für den gesamten Devisenhandelund für Ankäufe im Ausland für den Staat) einem Sperrkonto gutgebracht. Sofort nach Beendigung des Krieges ging man noch einen Schritt weiter, indem man beachtliche Schiffsaufträge an Nordamerika, England, Italien und neuerdings an Holland übertrug. Neben der privaten Schiffahrtsgesellschaft "Dodero" entstand die "Flota Mercante del Estado" (Staatsflotte): zwei Unternehmungen, die vom La Plata aus hauptsächlich europäische Häfen bedienen und den Ausfall der Hamburg-Südamerikanischen Dampfschiffahrtsgesellschaft decken, die früher in Buenos Aires und anderen argentinischen Häfen zu Hause war.

Wirtschaftlich weist das Land all die Symptome auf, wie sie heute den südamerikanischen Ländern eigen sind. Der Lebenskostenindex ist, empfindlich gestiegen, und die breite Masse dürfte von der Teuerung stark betroffen sein. Die Warennachfrage ist allgemein groß; besonders an der-Einfuhr von Maschinen ist man stark interessiert. Andererseits dürften die Kriegsgewinne nun investiert sein, ebenso wie die für den von Perón aufgestellten Fünf jahresplan bewilligten Mittel. Gewaltige Anschaffungen, wie der Ankauf der Eisenbahnen aus britischer und der Telefongesellschaft aus amerikanischer Hand (zu In Handelskreisen kritisierten Preisen), sowie die Schwierigkeiten der Beschaffung von Fachkräftenaus Europa und der Einfuhr der erforderlichen technischen Materialien stellen die Verwirklichung des Fünfjahresplanes in Frage. – Die von Argentinien befolgte Ausfuhrpolitik, wobei staatlicherseits den Landwirten die Produkte zu amtlich regulierten Preisen abgenommen werden, um sie mit 100 V. H. Aufschlag auf dem Weltmarkt abzusetzen, dürfte auch nur eine vorübergehende Erscheinung sein, da ja nur eine Koordinierung aller beteiligten Staaten eine dauernde Regelung schaffen kann, and jede Regierung daran interessiert ist, die Kosten des Lebensunterhalts niedrig zu halten, damit das Industrieprogramm seine notwendige Förderung erhält.

Peróns durchgreifende Art auf allen Gebieten und seine Absichten auf Verstaatlichung der wichtigsten Wirtschaftszweige haben ihm viele Feinde eingebracht. Es ist aber immer wieder seiner Geschicklichkeit gelungen, im gegebenen. Moment die Wählerschaft auf seine Seite zu ziehen.

Argentinien wird immer stark von den europäischen Vorgängen abhängig sein und hat seinePolitik auch hierauf eingestellt. Die Verwirklichung des Marshall-Planes stellt dem Lande erhebliche Aufgaben. Rund 1000 Mill. US-Dollar bilden allein seinen Anteil für die Lieferungen an Fleisch, Brotgetreide, Futtermitteln, Ölkuchen usw. Der Plan würde Argentinien starke Aktivsalden in seiner Handelsbilanz sichern. Zur Durchführung des Planes wird allerdings verlangt, daß es sich auch mit eigenen Krediten beteiligen müsse, und hierbei ist zu berücksichtigen, daß Argentinien bereits beträchtliche Lieferkredite an Europa gewährt hat: an Frankreich, Spanien und Italien – und daß seine Handelsbilanz mit den Vereinigten Staaten stark passiv ist, wie es überhaupt, wie viele Staaten, an einem ausgesprochenen Dollarmangel leidet. Müßte also Argentinien im Sinne des Marshall-Planes seine Lieferkredite noch mehr erhöhen, so würde es andererseits nicht über genug Dollars zum Ankauf seiner Importe verfügen. Die schon gefährlichen Umfang annehmendeInflation könnte sich so noch steigern. Seine ungeheuren Reichtümer lassen dennoch die Voraussage zu, daß Argentinien einer bisher unbekannten wirtschaftlichen Prosperität entgegengeht.

Juan R. Rusten

Wirtschaftsliteratur