Von Berthold Lammert

Spiritismus und Okkultismus^sind bereits seit einer Reihe von Jahren. wissenschaftlich salontifähig als ein Kapitel psychologischer Forschung, als Parapsychologie. Wenn auch viele der okkulten Phänomene im Lichte der Wissenschaft teils sich verflüchtigt haben, teils als Täuschungen betrügerischer Medien entlarvt wurden, und wenn auch keinesfalls davon die Rede sein kann, daß wir die sichergestellten Phänomene begreifen, so zeigt deren bloße Existenz doch bereits an, daß sie einen bestimmenden Einfluß auf unsere Anschauungen über das Verhältnis von Materie und Geist haben werden, daß sie einen wesentlichen – Beitrag zum Leib-Seele-Problemkreis liefern.

Metaphysisch wirkt dieser Einfluß in demselben Sinne wie die theoretische Physik unserer Zeit, wie Relativitäts- und Quantentheorie, die ja tatsächlich schon exakte Kapitel einer Metaphysik darstellen, die Kants Postulate erfüllt. Pascual Jordan, einer der Mitbegründer der Quantenmechanik, hat schon früher das Gebiet der Physik überschritten, als dessen Grenze nach Einverleibung der Chemie die Grenze der anorganischen Natur gegen die organische galt. Die Entwicklung der von ihm begründeten Quantenbiologie hat aber inzwischen gezeigt, daß das quantenphysikalische Geschehen auch eine der Grundlagen des organischen Lebens ist. Wenn Jordan sich nunmehr anschickt, den noch größeren Sprung von der Atomphysik zur Parapsychologie zu machen, so ist das freilich nicht in demselben konkreten Sinne zu verstehen wie die Ausdehnung der, Atomphysik auf das Gebiet der Biologie. Vielmehr weist Jordan in seinem Versuch "Verdrängung und Komplementarität" (Strom-Verlag Hamburg-Bergedorf) lediglich eine formallogische Analogie des besonders durch Freud bekannt gewordenen psychologischen Begriffs mit einem von Niels Bohr herausgestellten spezifehlen Grundzug des quantenphysikalischen Geschehens auf. Ganz allgemein befinden sich nämlich einerseits die Forscher, die um das Verständnis des Verhaltens der Atome ringen, und andererseits die, welche die Tatsachen der Psychologie des Unbewußten und des Okkulten begreifen wollen, insofern in derselben Lage, als sich auf beiden Gebieten ein Verständnis der Erscheinungen mit Hilfe der gewohnten dem Alltagsleben entstammenden anschaulichen Vorstellungen als ausgeschlossen erweist. So ist es denn diese logische äquivalente Problemlage, die zu dem Versuch einlädt, in der exaktesten Wissenschaft bewährte Denkmethoden auf das psychologische Forschungsgebiet zu übertragen. Exakte Wissenschaft will sich lediglich auf beobachtete Tatsachen stützen. – Das Grundphänomen der Beobachtung ist es gerade, das in der Atomphysik und in der Psychoanalyse gleicherweise problematisch wird und so die Analogie besonders eng gestaltet.

Unter "Objekt" verstehen wir ein Etwas, das unabhängig von unserer Beobachtung da ist, wie ein Tisch oder ein. Stern. Die Objekte bilden eine von uns unabhängige Welt, die "reale Außenwelt". Die Wahrnehmung der Objekte geschieht dadurch, daß von ihnen Licht oder Schall oder bei Berührung Druck und Wärme ausgehen, die die Sinnesorgane des Subjekts reizen und in seiner Großhirnrinde Empfindungen und Wahrnehmungen erzeugen. Die Physik entdeckt in dieser objektiven Welt eine strenge Naturgesetzlichkeit. Ebenso wie sie die zukünftigen Planetenstellungen für alle Zeiten vorausberechnet, wenn ihr Ort und Impuls (Produkt aus Masse und Geschwindigkeit) der Planeten in einem einzigen Zeitaugenblick gegeben sind, könnte sie dieselbe Aufgabe für Atome lösen Nun aber zeigt es sich, daß eben diese Voraussetzung für Atome nicht zu erfüllen ist: Die körnige "Quanten"-Struktur unseres feinsten Beobachtungsmittels, des Lichts, gestattet nicht, für ein Atom gleichzeitig Ort und Impuls zu bestimmen. Es läßt sich jeweils nur eine der beiden "komplementären" Größen exakt beobachten auf Kosten der anderen. Diese "Komplementarität" nimmt. Niels Bohr in höherem Maße als beim Atom für die Beobachtung des Lebendigen an. Je "exaktere" Bedingungen wir schaffen, am das "Leben" zu beobachten, um so mehr flieht ‚es. In dem Augenblick, in dem wir einen Körper so weit‘ seziert haben, daß das Leben zu "erkennen" sein müßte, liegt nur noch eine Leiche vor uns. Ein Atom und ein Lebewesen sind keine "objektiven" Tatbestände, sondern unsere Kenntnis von ihnen hängt ab von den jeweils eingesetzten Beobachtungsmitteln. Die Grenze zwischen "Objekt und "Subjekt" ist verwischt. Atom- und Lebensvorgänge sind nicht "objektivierbar". Diese Komplementarität findet Jordan nun auch in der Psychoanalyse vor. Er faßt den "Komplex" der psychoanalytischen Therapie als rudimentäre Person, als "Dämon" oder "Kobold" auf, so daß alle Fälle unter den der Persönlichkeitsspaltung fallen. In demselben Maße, wie die Hauptperson bewußt ist, ist dann die Nebenperson ^unbewußt, "verdrängt", und in demselben Maße, wie die Hauptperson, unter suggestivem Einfluß etwa, ins Unbewußte verdrängt wird, tritt die Nebenperson über die Schwelle. So erweist sich das Unterbewußte als ebensowenig objektivierbar wie das Atom oder das organische Leben. Die Grenze zwischen dem "Ich" und der "Welt" wechselt im Laufe der Geschichte des Menschen. Für den, magischen Menschen, sei er prähistorisch oder rezent als "Primitiver", ist beispielsweise ein Toter durchaus lebendig, da er ihn im Traum als Lebenden erschaut. Wo ist die Grenze zwischen Traum und Welt? So selbstverständlich uns auch die Existenz einer Außenwelt vorkommen mag, sicher ist, daß sie eine Hypothese ist. Denn unmittelbar gegeben sind stets nur meine Sinnesempfindungen. Erst aus ihrem gesetzmäßigen Zusammenhang und daraus, daß andere Menschen dasselbe bekunden, schließen wir auf eine transzendente Welt von Gegenständen als .Ursache unserer Empfindungen. Diese gedankliche Konstruktion machte der Machsche Positivismus, zu dem Jordan sich bekennt? nicht mit: er verharrt in der Immanenz der Empfindungen. Wenn daher nun auch kein Wesensunterschied mehr zwischen dem Wacherleben und dem Traumerleben besteht, so läßt, sich doch jene Grenze nicht leugnen. Nur läuft sie jetzt nicht zwischen zwei Welten, sondern, innerhalb der einen Welt "des Psychischen". Die "Gegenstandswelt" ist nicht mehr das Objektive im Sinne einer Außenwelt, sondern im Sinne des von allen Individuen gemeinsam anerkannten Bewußten. Das heißt: die "Außenwelt" ist weiter nichts als das "kollektiv Bewußte". An einem reichen Material entdeckte C. G. jung, daß vielfach aus dem Unbewußten immer wieder dieselben Motive und Gestalten auftauchen. Es gibt also auch "kollektiv Unterbewußtes". Wird nun in einem kleinen Kreis von Menschen durch Wirkung eines Mediums unter teilweiser Verdrängung des Wachbewußten dasselbe Unterbewußte über die Schwelle gehoben, so wird dieses von den Mitgliedern des Zirkels als "real" anerkannt, es wird objektiviert. Es gibt Personen (Medien), deren Unbewußtes mit dem Unbewußten anderer Menschen in Verbindung treten kann. Zum Beispiel verschwanden die von den Insassen eines Hauses massenhalluzinatorisch erlebten Spuk- und Poltererscheinungen nach der psychischen Behandlung einer offenbar als Medium wirkenden Hysterie kerin. So wird der Begriff der "Realität" relativ zum jeweiligen Kollektiv. Wenn nun auch im einzelnen die Aufklärung der parapsychologischen Erscheinungen (Telepathie, Hellsehen) noch eine Aufgabe der Zukunft ist, so scheint es doch heute, daß sie vollständig mit den Mitteln der Tiefenpsychologe und aus dem Komplementaritätsverhältnis von Bewußtem und Unbewußtem geleistet werden kann. Die Hypothesen, die – wie der Spiritismus – diese Erscheinungen in "Geistern" objektivieren wollen, womöglich in denen von Verstorbenen, erweisen sich als ganzlich unhaltbar. Darauf bauenden sogenannten "religiösen" Lehren ist heute sicher der Boden entzogen. Soweit Pascual Jordan.

Damit nimmt nun das Leib-Seele-Problem in der Gegenwart folgende beiden Formen an: Für den immanenten Standpunkt des Positivismus wird das gesamte Sein zum Gegenstand der Psychologie, "We are such stuff as dreams are made on" (Shakespeare "Sturm"). Die objektive "Außenwelt" ist eine die ganze Menschheit umfassende Massenhalluzination. Und so ist das Fundament des positivistischen Standpunktes das Wunder; jenes Leibnizsche Wunder der prästabilierten Harmonie der fensterlosen Monaden. Denn wie soll jene Parallelität in den Erlebniswelten der Individuen, zustande kommen, deren Ausdruck der Glaube an die gemeinsame Außenwelt ist? Für den transzendenten Standpunkt des Realismus, der dieses Wunder vermeidet, wird alles Sein zum Gegenstand der Physik. Sein Problem ist, zu erklären, wie ein physikalischer Vorgang eine Empfindung erzeugt, wie zum Beispiel elektromagnetische Wellen die Farbe "rot" bewirken. Denn, wenn wir auch die Vorgänge bis zur, Großhirnrinde verfolgen, so finden wir auch da nur Atome und Elektronen, aber nicht die Farbe "rot". Wir müssen dann schon sagen, daß das Individuum das, was "von außen" gesehen Atomprozesse sind, "von innen" her als Farbe empfindet. Und auch von diesem Standpunkt aus scheint es dann gerade die Tatsache der Komplementarität, das heißt der Indeterminiertheit der – Atomprozesse zu sein, die das psychologische – Problem der Lösung näherbringen kann. Geist ist Leben und Leben ist. Freiheit. Wenn schon das organische Leben nicht mehr von einer Mechanik der Atome beherrscht wird, so läßt die Quantenmechanik, der Atomprozesse des Gehirns nun gerade jene Freiheit zu, die von ihnen als Spiegel des geistigen Lebens verlangt werden muß. Damit ist wieder die Grenze der Physik (hier der physiologischen Psychologie) aufgewiesen. Als sinnvoll bleibt nur noch die komplementäre Betrachtung "von innen her" übrig, jene deskriptive Psychologie, wie sie von Dilthey begründet, von Spranger, Jaspers und anderen fortgeführt wird. Moritz Schlick hat-gezeigt, daß der Grund für die Problematik der Leib-Seele-Frage in dem Widerstreit zweier sich gegenseitig ausschließenden Raumbegriffe liegt: des Erlebnisraums des Individuums, in dem es Ausdehnung und Farbe, aber keine Atome gibt, und des abstrakten Raums der Physik, in dem Atome und Ätherwellen ihr Spiel treiben. Da, wo Farbe ist, ist kein Atom, und da, wo. Atome sind, ist keine Farbe. Und nun scheint mir, in die Ebene der Metaphyysik erhoben, der Begriff der Komplementarität erst seine volle Tragweite zu entfalten: Die Betrachtung der Welt "von innen" und "von außen", Immanenz und Transzendenz, Psychologie und Physik, die sich somit nicht als Gegenstandsgebiete, sondern vielmehr als Sehweisen herausstellen, sind komplementär zueinander. Sie schließen einander aus, um sich gegenseitig zu ergänzen. Betrachte ich etwa die Geschichte von der Seite der Materie her, so wird das Psychologische in ihr verdrängt und umgekehrt. Diese Korrelativität von Psychischem und Realem liegt bereits im ursprünglichen Begriff der Komplementarität in der Quantenmechanik vor: Ort und Impuls, Zeit und Energie sind komplementäre Paare. Ort und Zeit gehören der psychologischen ‚Sphäre an, Impuls und Energie der realen. Die monistischen Löjsungsversuche des Leib-Seele-Problems, einen der beiden Standpunkte als allein richtigen. aufzustellen, sind zum Scheitern verurteilt. Aber im Verhältnis der Komplementarität schließen sich Erlebnisraum des Individuums und mathematischer Raum des Realen jeweils nur so weit wechselseitig aus, wie sie sich ergänzen. Wir sind Wanderer zwischen zwei Welten, zwischen Geist und Materie, zwischen Leben und Tod.