Der Leser wird es vermutlich begrüßen, wenn jetzt, nach den so stark ins wissenschaftliche Detail aufgesplitterten Darlegungen Professor Schillers, der Versuch unternommen wird, die Kontroverse wieder auf ihren wirtschaftspolitischen Kernpunkt zurückzuführen. Das ist, ganz einfach, die Frage der Investitionen. Man kann statt "Investition" ja wohl auch das mit gewissen Gefühlswerten belegte Wort "Aufbau" gebrauchen. Ganz präzise ist das freilich nicht, weil unter den nationalökonomischen Begriff Investition auch manche andere Dinge fallen: etwa die Vermehrung der Vorräte, der "Anbau" in der Lagerhaltung also. Deshalb setzt sich neuerdings auch die Verdeutschung "festlegen" (für investieren) mehr und mehr durch, an Stelle des so angenehm positiv und ethisch klingenden Wortes "aufbauen".

Die Frage, um die es eigentlich geht, und mit der sich mittlerweile auch ein weiterer Artikel ("Gespenster" in Nr. 19 der "Zeit") beschäftigt hat, ist nun eben die: ob bei der Verteilung des volkswirtschaftlichen Einkommens der Verbrauch, ob die Festlegungen den Vorrang haben sollen. Zugespitzt also: ob etwa, wie das ja groteskerweise auch schon empfohlen worden ist, mehr festgelegt werden soll, auf Kosten der Verbrauchsquote, wie sie "gegeben" ist und an sich möglich wäre. Eng damit verknüpft ist die Problemstellung, die nun speziell Prof. Schiller angeht, ob sich das volkswirtschaftliche Einkommen dadurch erhöhen läßt, daß man Investitionen großzügig durch Kreditexpansion – finanziert. Hinter dieser Auffassung steht der Glaube, man könne das volkswirtschaftliche Einkommen erhöhen, indem man konsequente Vollbeschäftigungspolitik durch Kreditausweitung betreibt, also den bei. Investitionsvorhaben (insbesondere solchen der öffentlichen Hand) beschäftigten Arbeitern ein Mehr an Löhnen zahlt, als dem jeweiligen volkswirtschaftlichen Realeinkommen Alt sprechen würde. Diese Auffassung allerdings halten wir für gründlich verfehlt, obwohl sie weitverbreitet ist.

Für eine an Kapital – wohlgemerkt: an Sachkapital – verarmte Wirtschaft ist es ganz unvermeidlich, daß die konsumnahen Zweige relativ bevorzugt, daß verkürzte Produktionswege eingeschlagen werden. Ein solches Verfahren ist also auch "richtig", selbst wenn es zu dem bedauerlichen Ergebnis führt, daß die Produktionskosten ganz allgemein mangels ausreichender Ausstattung mit Anlagen, die teuer zu erstellen sind, nach Vorhandensein aber kostensenkend wirken, höher liegen als in gut ausgestatteten Ländern. Es ist ja eine Binsenwahrheit, daß der Arme, dem es an richtigem Handwerkszeug fehlt, teurer arbeitet als der Wohlhabende: daß auf die Dauer nichts so kostspielig ist wie die Armut.

Überträgt man diese Gemeinplätze auf unsere Lage, so kommt man zu der Konsequenz, die den Kerngedanken des Marshall-Plans bildet. Eine andere Konsequenz will Schiller ziehen. Er meint, daß die Armut, der Mangel an Sachkapital, durch Kreditschöpfung und durch eine darauf aufgebaute Mehrbeschäftigung zu begeben sei. Dies ist offenbar ein Fehlschluß. Auch Schillers Sorge, daß infolge der Bevorzugung der. Konsumgütererzeugung in den Investitionsindustrien eine Unterbeschäftigung entstehen könne, scheint uns reichlich wirklichkeitsfremd. Wie es heute in Deutschland aussieht, bewirkt jede Produktionsausweitung in den konsumnahen Zweigen alsbald einen erheblichen Bedarf an Reparatur- und Ergänzungsinvestitionen: sie schafft Arbeit für die Investitionsgüterindustrien, bewirkt also keine Unterbeschäftigung, keine Freisetzung von Produktionskräften, keine neue Armut.

Um es noch einmal ganz simpel zu sagen: mit Investitionen, die über eine Kreditausweitung finanziert werden, macht man leider die Menschen nicht satt, selbst wenn man noch so gute Löhne zahlt. Was über diese durchaus künstlich geschaffenen Lohneinkommen verbraucht wird, geht auf Kosten aller übrigen Einkommen, insbesondere der Einkommen aus unmittelbar produktiver Tätigkeit, und am stärksten belastet werden naturgemäß die sozial Schwächeren. Ob nun (bei einer Fortführung der Zwangswirtschaft) die Rationen allgemein kleiner geschnitten werden, oder (bei freierer Preisgestaltung) die Preise den Löhnen weglaufen, das Ergebnis ist im Endeffekt das gleiche. Für eine Volkswirtschaft mit intaktem Produktionsapparat, die sich aus, einer Depression nicht mehr herausfinden kann, weil niemand mehr die Möglichkeit’ sinnvoller (rentierender) Investitionen sieht, mag die von Keynes vorgeschlagene Lösung ausgezeichnet sein. Aber in unserer Lage, die nahezu gegenteilig Verursacht ist, wäre die Lösung; einer Vollbeschäftigung auf Pump, über riesige Investitionen der öffentlichen Hand, so ziemlich das Verkehrteste, was sich denken läßt.

An diesem Urteil ändert sich auch dadurch nichts, daß Schiller den "unverdächtigeren Autor" Dr. Veit als Eideshelfer zitiert. Er übersieht nämlich offenbar völlig, daß Dr. Veit, wenn er Festlegungen über den Bankenkredit finanzieren will, dabei doch wohl in erster Linie an Kredite privater Banken für private Unternehmungen denkt. Nun bestehen zwar auch gegen Investitionen solcher Art grundsätzlich die gleichen Bedenken, wie gegen jede Art von Festlegung auf kreditexpansiver Grundlage. Solche Investitionen aber, bei denen es um Kopf und Kragen geht, wenn die Beteiligten großzügig-falsch kalkuliert haben, sind immerhin, auch weil sie doch nur in begrenztem Umfang erfolgen können, noch etwas milder zu beurteilen als irgendwelche, nur durch Kreditexpansion ermöglichte Aufbaugroßprogramme der öffentlichen Hand, wo keiner der "Planungsträger" ein Risiko eingeht.

Womit wir bei der Frage angekommen wären, weshalb die zentrale Planung, die in der Theorie sicherlich die beste aller denkbaren Wirtschaftsformen darstellt, in der Praxis teils so wenig erfolgreich ist, teils gar zu schnell ins Totalitäre abgleitet. Auch hier soll ganz simpel festgestellt werden, daß es leider keine Methode gibt, um den idealen Typ des "Planungsträgers" in der verlangten und erforderlichen Zahl zu schaffen: Männer mit umfassendem Wissen, unerhörter Beherrschung der Materie, vollendetem Ahnungsvermögen für die kommende Entwicklung – eben all-round-Genies: als Wirtschaftler, Verwaltungsleute und Politiker. Bisher haben wir wenig ermutigende Erfahrungen gemacht. Was als Fleiß gepriesen wurde, war meist nur Sitzfleisch; Ellenbogenkraft gab – sich als Energie, verantwortungslose Klugschwätzerei als profunde Kenntnis. Das hat seit einigen Jahren die anfängliche Begeisterung für das "Planen und Lenken" allmählich fast auf den Nullpunkt gebracht, und vielerorts sogar ins Gegenteil umschlagen lassen – zusammen mit all den bitteren Erfahrungen aus der Bewirtschaftungspraxis. Daß heute selbst ein kommunistisches Plakat den "freien Handel, ohne Marken, zu normalen Preisen" als lockende Fata Morgana erscheinen läßt, zeigt die Stimmung.