Der folgende Aufsatz von Dr. R. Stephan (Handelskammer Hamburg), mit dem wir die Reihe der Beiträge für unsere diesjähriger? Messe-Sonderbeilagen eröffnen, enthält eine höchst anschauliche Darstellung der Problematik des Ausfuhrverfahrens. Dabei wird zugleich die Gretchen-Frage behandelt und beantwortet, die heute,, wirtschaftlichen Bereich, lautet: "Wie hältst du’s mit Planung und Lenkung?" Bei einem aufs Grundsätzliche, Absolute angelegten allgemeinen Disput über diese Frage wird man sich kaum je einigen können; Geht man aber auch hier, nach der Mahnung des in Hamburg unvergessenen Gottl-Ottlilienfeld, ‚nicht vom Wort aus, sondern vom im Sachzusammenhang entwickelten Problem", so wird immer eine praktische Formel zu finden sein: relativ – gültig, also für den jeweiligen Zeitpunkt passend, auf die sich alle Beteiligten einigen körnen, vorausgesetzt nur, daß sie, unvoreingenommen und ohne auf Doktrinen eingeschworen zu sein, an die Dinge herantreten.

Wieder einmal befinden wir uns vor einem neuen Stadium bei den tastenden Versuchen zum Ingangbringen des deutschen Exports. Das JEIA-Verfahren, niedergelegt in der Anordnung 1 vom 11. April 1947 geht seinem Ende entgegen. Eine neue Ära soll beginnen.

Drei Jahre Zeit ...

Rückblickend erscheint, wie üblich, die Entwicklung viel folgerichtiger gewesen zu sein, als es dem Miterlebenden auf den vielen Stationen dieses nicht ganz einfachen Weges ersichtlich war: Auf das erste, rein negative Verhalten der Alliierten zu jeglicher deutscher Außenhandelsbetätigung hin ergab sich aus den besonderen Interessen jeder der vier Besatzungsmächte die Erkenntnis von dem Erwünschtsein gewisser deutscher Warenlieferungen ins Ausland. Nachdem die Episode des amerikanischen OMGUS-Verfahrens den Beweis dafür erbracht hätte, daß sich ein Außenhandel nur individuell entwickeln kann, falls er nicht auf Ablieferungsmethoden hinauslaufen soll, wurde nach der Zonenverschmelzung das JEIA-System erfunden. Sein wesentliches Merkmal ist der dezentralisierte Aufbau, bei dem in jedem Lande die JEIA-Zweigstelle das einzelne Geschäft prüft, genehmigt und alle Phasen der Abwicklung überwacht. Es hat sich in seiner Kompliziertheit überlebt, wie das Mißtrauen, von dem es erzeugt war. Die JEIA selbst will sich nunmehr, allem Anschein nach, auf die oberste Kontrolle beschränken und nach den vielen zögernden Schritten einen großen (Sprung zur Freigabe des international gebräuchwehen Geschäft-Verfahrens wagen. Das ist nun aber leichter gesagt als getan. Der deutsche Export ist – nicht, erst seit zwei Jahren – aus einer Fülle wirtschaftlicher und organisatorischer Gegebenheiten erwachsen und wird von einer Reihe wenig erfreulicher, aber um so härterer Tatsachen der Gegenwart begleitet.

Irrungen, Wirrungen.

Noch ist die Entscheidung über die neue Form nicht gefallen. Begreiflicherweise ringen alle Interessierten Kräfte darum, ihren Standpunkt möglichst durchzusetzen. Dabei ergibt sich ein ziemlich getreues Abbild der heute in den Westzonen wirksamen Faktoren: Da ist einmal die zentrale Verwaltungsinstanz, die, nach Abteilungen abgestuft, gewisse ministerielle Grundsätze der Einheitlichkeit und der zentralen Planung und Lenkung vertritt. Da sind auf der anderen Seine die Länder mit der sehr deutlich aufgetragen nen Tendenz, die, Dinge in eigener Regie zu behalten. Umgekehrt sind die Kreise der Wirtschaft – mit einem neumodischen Spencer angetan – aus tiefem Groll gegen jede behördliche Reglementierung bestrebt, soweit überhaupt noch gelenkt werden muß, dies den Organen ihrer Selbstverwaltung zu überlassen – was ebenso selbstverständlich politische Gegenströmungen auslöst. Und darüber stehen schließlich die alliierten Instanzen, in sich kaum weniger aufgespalten und, ins alliierte Denken transponiert, von den gleichen Regungen, den zentralistischen, regionalen; freiwirtschaftlichen oder anti-kartellistischen hin- und hergezogen.

Angesichts so vieler Grundsätze, Sentiments und Ressentiments ist es nicht ganz einfach, an die Dinge vom Gesichtspunkt der Praxis des Ausfuhrgeschäfts heranzutreten. Immerhin sei der Versuch unternommen.