Von Walther von Hollander

Enines Tages kamen doch noch ein paar alte Bücherkisten an, verpackt in jenem November 1943, als der Untergang Berlins begann, verpackt während die Nachbarhäuser niederbrannten. Die Aschenflocken jener Brände lagen noch zwischen den alten Zeitungen, die zum Schutze über die Bücher gelegt waren. Es waren Zeitungen voll erlogener Siegesmeldungen und standfester Phrasen, mit denen die Phrasenmacher sich selbst Mut zu machen suchten. Und unter den Siegesmeldungen also, unter den Aschenflocken des niedergebrannten Berlins, die alten Bücher, erstaunlich gut erhalten trotz der odysseischen Irrfahrten! Da stehn sie denn für eine neue Ewigkeit gerüstet, bis zum nächsten Umzug also, wieder in Reih und Glied, glatt, hübsch und bunt anzusehn, wie frühere junge Mädchen aus besten Familien. Die Romane der inneren und äußeren Emigranten, der guten, der mäßigen, der schlechten Schriftsteller aus den vergangenen Jahrzehnten; jeder die Frucht einer Bemühung, seine Zeit zu schildern, begreiflich zu machen, zu beeinflussen, manche das Ergebnis eines bitteren und harten Kampfes mit dem Leben, und einige, von denen man damals sagte, daß sie Epoche machten. Aber soviel enthüllt schon der flüchtige Überblick: sie machten gar nicht Epoche, Sie formten nicht unsere Eooche. die vielmehr: anals einen Globus zu verkaufen, um den die Sonnensysteme kreisen.

Merkwürdig ist auch – und hier muß man die Zeit vor 1914 mit einbeziehen – daß von dem Glanz der sattesten und satten Zeiten, von den häufig beschriebenen Lichterketten der Großstädte, von den Millionen Spiegeln der überfüllten Schaufenster, von den, hellerleuchteten Luxuszügen und Überseedampfern kaum ein Licht in das dunkle Leben der damaligen Menschen fällt. Es sind zumeist melancholich verschattete Figuren, die durch diese Romane wandern, vom Schicksal niedergedrückte und gezeichnete Gestalten, von Kämpfen geschüttelte und gejagte Menschen, ein unzufriedenes, mit Gott und der Welt zerfallenes, resignierendes und zynisches, ein unglückliches Geschlecht, Als letzte Hoffnung bleibt dann sehr oft, daß eines Tages aus irgendeinem ideologischen Grunde alles "ganz anders" werden würde, daß am Ende einer Entwicklung, die schon angehoben habe, urplötzlich, durch ein Wunder also, die Wolken sich öffnen werden, die über dieser Welt lasten, und das ewige Licht in das Tal dieser Tränen fallen und die Tränen trocknen wird. Dieser seltsame Kinderglaube kommt eben aus der Idee des Fortschritts, tem alle jenen "linken Schriftsteller" anhingen, die die Elite bildeten. Hier nun haben wir, glaube ich, den Grund, warum die meisten der so vorzüglich geschriebenen, gearbeiteten, mit wahrer Inbrunst erkämpften Romane bestenfalls eben historische Romane sind, wichtig für die Erkenntnis ihrer Epoche, meistens aber uns ganz kalt lassen, ja uns erschauern lassen vor der Blindheit der Geistigen. Wir wissen ja nun, daß jede neue Ideenführung uns sofort in eine neue institutionsfreudige, entwicklungshemmende, menschenfeindliche und schließlich menschenmordende Erstarrung hineinführt. Die neue Idee ist nicht menschenfreundlicher als die alte. Sie führt nur andere Menschen auf die Regierungsbänke und auf die Richterstühle, selten bessere, meist gleichartige. Und wir wissen nun auch, warum die glänzendste Zivilisation mit allen ihren Lichtern unser Leben nicht erhellen konnte. Denn als ihr Schatten und ihr Echo begleitete schon jahrzehntelang der Hufschlag der Apokalyptischen Reiter die rasende Fahrt unseres Luxuszuges. "Ja... wissen die denn nicht...", so denkt man, wenn man die Industriepioniere, sozial oder unsozial eingestellt, die genialen Erfinder, die Kämpfer der Wissenschaft in den Romanen am Werke liest. Nein, sie wissen nicht. Sie wissen tatsächlich nicht. Wir alle wußten nicht, und das, was kam und uns aus unserem Leben wegschwemmte, das was unsere Städte zertrümmerte, unseren Erdteil zerriß und nun verderberisch die ganze Welt bedroht, das hat keinen einzigen Propheten gefunden, trotz des drohenden Wortes vom Untergang des Abendlandes.

Da stehen nun also die bunten Bücher, und man könnte resigniert, die eigene Blindheit und die Blindheit aller feststellend, den Bücherschrank schließen und den Schlüssel ins Meer werfen. Aber man sollte es dennoch nicht tun. Denn eines ist auch wieder allen diesen Büchern gemein? sam: eines, das jetzt so nötig ist, wie es damals war,-nämlich der Glaube an die Wichtigkeit des einzelnen Menschen in seiner Not, in seinen Kämpfen, in seinen Leiden, in seinen großen Niederlagen und in seinen kleinen Siegen. Der mörderische Glaube, daß es auf den einzelnen Menschen und seine Seele nicht ankomme, daß jeder Schwätzer, der durch Glück und Gewandtheit (und durch die Blindheit der anderen) an die Macht gekommen ist, das Recht habe, diesen Einzelmenschen einer imaginären Gemeinschaft zu opfern, dieser mörderische Glaube findet sich nirgends in diesen Romanen. Und mag zuweilen die Wichtigkeit des Helden geborgt und blaß erscheinen, mag das einzelne Problem längst gelöst, der einzelne Konflikt belanglos geworden sein – die ganze Reihe dieser Romane ist ein Zeugnis dafür, daß im tiefsten Grunde der Glaube, an die Wichtigkeit des Menschen hie erloschen ist und daß es auch in der Zeit der beginnenden Vermassung letzten Endes immer um das Heil der Seele des Menschen, des Individuums gegangen ist. Trotz aller Einschränkungen also darf man sagen: sie haben die Fackel am Brennen gehalten. Was nun kommen wird an deutender und bedeutender Dichtung ist ohne diese alten Romane nicht denkbar. Und so bleibt ein Trost: keine wahrhaftige Bemühung, auf dieser Welt ist umsonst, so vergeblich, so ausgelöscht, so zertrümmert sie im Augenblick zu sein scheint.