Ein Gespräch über den deutschen Export ist heute nicht möglich, ohne daß von der "Dollarklausel" als einem der schwersten Exporthindernisse geredet wird. So ist es schon einmal notwendig, eine Entzauberung dieses Begriffes zu versuchen.

Der deutsche Export in die meisten Länder, wird heute in Dollar verrechnet, weil es an. einer international bewertungsfähigen deutschen Währung fehlt. (Der kürzlich festgelegte Verrechnungskurs von 30. Dollarcents für die Reichsmark ist nur ein Abrechnungsmodus für den innerdeutschen Verkehr, nicht aber eine international anerkannte Bewertung der Reichsmark, die erst einige Zeit nach der Geldreform denkbar ist.) Gegen dieses Hilfsmittel der Außenhandelsrechnung in Dollar ist nichts einzuwenden. Bei der Dollarklausel geht es jedoch um die eigentliche Bezahlung der deutschen Exporte. In dem Umfange, in dem – ein Käuferland nicht in der Lage ist, seine Bezüge aus Deutschland durch entsprechende Exporte nach Deutschland auszugleichen, sehen die Zahlungsabkommen den Ausgleich der verbleibenden Differenz nicht etwa in dänischen Kronen oder holländischen Gulden, sondern in Dollar vor.

Daß Dollar überall in Europa knapp sind, ist bekannt. Eben deshalb ist die Abrechnung der Differenz in Dollar eine schwere Belastung für die Abnehmer deutscher Ware. Erschwerend fällt dabei ins Gewicht, daß viele europäische Staaten ihre traditionellen Bezüge aus Deutschland nicht nur an Kohle und anderen Rohstoffen, sondern auch an Fertigwaren gern wiederaufnehmen würden, daß jedoch die Handelspolitik der Militärregierungen für die Doppelzone den traditionellen Verkauf europäischer Waren nach Deutschland zum Teil ausschließt. Dies gilt vor allem für Nahrungsmittel, für Butter und Speck aus Dänemark, Fisch aus Norwegen und Schweden, Gemüse aus Holland usw. So kommt es, daß z. B. Dänemark mehr als 10 Mill. Dollar Schulden an die Doppelzone hat und vorübergehend die Lieferung von Ruhrkohle, nach Dänemark eingestellt worden ist. Insgesamt wies Ende Februar die Doppelzone 145 Mill. Dollar Außenstände auf.

Jeder Zahlung liegen, bekanntlich entsprechende Warenbewegungen oder Dienstleistungen zugrunde; nur der Spitzenausgleich ist ein sogenannter "reiner Zahlungsvorgang" aus angesammelten Reserven. Früher stand diese Reserve in Gold oder in den verschiedenen international frei verwendbaren Devisen, wie Dollar, Sterling, Schwedenkronen usw. zur Verfügung. Heute ist das Gold aus den Tresoren der meisten Notenbanken verschwunden und liegt konzentriert in amerikanischen Forts. Mit den entschwundenen Goldreserven hat sich das, internationale Ver- – trauen in viele Währungen verflüchtigt. Dazu besieht kein natürliches Gleichgewicht zwischen Einkünften und Zahlungen mehr, sondern dieses Gleichgewicht muß künstlich durch die Devisenbewirtschaftung der einzelnen Länder hergestellt werden.

Es fehlt heute jenes, "Polster" der Gold- und Devisenreserven, aus dem früher der Spitzenausgleich erfolgte. Man lebt von der Hand in den Mund, man kann nur so viele Dollar ausgeben, wie man vereinnahmt. Europa vereinnahmt jedoch nicht so viele Dollar und andere frei umwandelbare Währung wie früher. Einmal ist die Um Wandlungsfähigkeit von früher "freien" Währungen wie Sterling, Gulden, Kronen usw. fortgefallen. Außerdem leidet Europa als Folge des Krieges allgemein unter Zuschußbedarf an Gütern. Europa braucht zur Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen Leistungen und Bedürfnissen Zuschüsse von außen her, wie sie u. a. der Marshall-Plan bringen soll. Diese Zuschüsse werfen in erster Linie direkte Warenlieferungen der USA sein. Ein kleiner Teil der Hilfe dürfte jedcch auch in Form von Dollarkrediten gewährt werden, die der einzelne europäische Empfängerstaat zu wichtigen Einkäufen auch außerhalb der USA verwenden kann. Aber auch ein Über-Marshall-Plan könnte nicht so viele Dollar nach Europa bringen, daß die Dollarklausel einen Absatzreiz schüfe!

Das Ziel auch der alliierten Handelspolitik für Deutschland bleibt aber schließlich Exportsteigerung. Dieses Ziel läßt sich nicht dadurch erreichen, daß man Bezahlung der Exporte aus der Doppelzone im knappsten aller Zahlungsmittel, in Dollar, verlangt. Ein Land wie Dänemark – das hier nur als Beispiel steht – muß. sich bei seinen Einfuhren aus Deutschland überlegen, was ihm zur Bezahlung zur Verfügung steht. Am leichtesten fällt es ihm, mit eigenen Waren zu bezahlen. Es würde also gern etwa dänischen Speck gegen deutsche Textilien tauschen. Ein derartiger Tausch Zug um Zug ist sicherlich die primitirste Form des internationalen Handels. Sie läßt sich jedoch im Anfangsstadium des europäischen, Wiederaufbaus offensichtlich nicht umgehen. Die nächste Stufe wäre die Bezahlung von deutschen Waren aus den Überschüssen des dänischen Handels mit anderen europäischen Ländern. Wenn Dänemark etwa Überschüsse aus seinem Handel mit England oder mit Frankreich hätte, so würde es für manche deutsche Waren, die ihm wichtig genug sind, gern diese Sterling- oder Francs-Überschüsse an Deutschland abtreten, so daß die Doppelzone dann dafür Waren in England oder Frankreich kaufen könnte. Die dritte und schwierigste Stufe ist der dänische Einkauf gegen Dollar oder andere frei verwendbare Währungen (wie Schweizer, Franken), denn Dänemark hat stets nur wenig nach Dollarländern exportiert. Und eigentlich mehr Dollar, als es vereinnahmt, brauchte es zum Einkauf etwa von Futtermitteln aus Übersee, die nur gegen Dollar erhältlich und für den Fortbestand der dänischen Landwirtschaft Wesentlich dringlicher sind als z. B. deutsche Textilien.

Das scheinbar so verworrene Bild des internationalen Zahlungsverkehrs läßt sich auf die einfache Formel bringen, daß jedes Land heute zweierlei Arten von Zahlungen aus dem Ausland erhält, harte Währungen, die es überall für seine ausländischen Käufe wieder in Zahlung, geben kann – und die daher besonders begehrenswert sind – und weiche Währungen, die praktisch nur im Verkehr mit dem Lande verwendbar sind, aus dem sie kommen. Man braucht sich nur des Notgeldes zu erinnern, das nach dem ersten Weltkrieg von vielen großen und kleinen Gemeinden in Deutschland ausgegeben wurde, um dem akuten Mangel an Zahlungsmitteln abzuhelfen: Das Notgeld einer Stadt wie Lübeck oder Reutlingen wurde nicht in ganz Deutschland angenommen, sondern nur in einem begrenzten Umkreis dieser Städte, soweit nämlich, wie man damit rechnen konnte, es einigermaßen leicht an einen Lübecker oder Reutlinger zur Begleichung einer Zahlung weitergeben zu können. Wenn aber ein Lübecker etwas an einen Reutlinger zu zahlen hatte, so mußte er sich dafür weiterhin der Reichswährung bedienen,