Von Ilse Simmermacher

Am 24. Mai fährt sich zum 100. Male der Todestag der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff.

Als Annette von Droste-Hülshoff in jenem Frühjahr 1844 Levin Schücking und seiner jungen Frau ein wehmütiges "Lebt wohl", zurief, fühlte sie, daß dieser Abschied zwei Welten endgültig voneinander schied. Die alternde Dichterin hatte in der Liebesfreundschaft mit Schücking ihre volle Reife gewonnen und selig empfunden, ein wie großes "Kleinod: einmal sein statt gelten" ist Aber sie war an die Grenzen dieser Freundschaft gestoßen. Levin, der siebzehn Jahre jüngere Sohn einer verstorbenen Jugendfreundin, verstand sie gewiß besser als sonst irgendein Mensch. Seine tiefe Verehrung, seine kluge und liebenswürdige Persönlichkeit bewegten ihr Herz und regten ihre Schaffenskraft mächtig an. Doch vermochte selbst er ihr nicht ganz zu folgen. Während sie im Herzen noch immer an ihrem warmen fraulich-mütterlichen Gefühl für ihn festhielt, wurde er ihr mehr und mehr zum "Repräsentanten einer großen achtbaren Gegenpartei". Sie mußte jetzt einsehen, daß sie nur in der Dichtung sich würde verwirklichen dürfen. So alsö war es: Die starke Liebeskraft der Droste erlosch nicht, sondern ging in die große Liebe des Alls und des Seins auf. Ihre Lebenskraft, aus der die Dichtung wächst, wurde stärker, je mehr sie sich in sich selbst zurückzog.

Verlassen, aber einsam nicht,

Erschüttert, aber nicht zerdrückt,

Solange noch das heiige Licht

Auf mich mit Liebesaugen bildet.