Nichts ist so dumm, daß es bei. uns nicht möglich wäre. Ernst Bertram, Dichter und Literarhistoriker, viele Jahre lang Lehrer an der Universität Köln, ist in die Kategorie 3 des Entnazifizierungsverfahrens eingereiht worden. Schon im Herbst 1946 wurde er aus seinem Hochschulamt entlassen. Er darf weder lehren noch schreiben, auch seine früheren Schriften dürfen nicht neu aufgelegt werden. Seine Guthaben sind blockiert. Es droht ihm die Dienstverpflichtung. Kurzum, er gehört zu jenen Parias unseres Volkes, denen alles verboten ist, wozu sie nach echten Prioritäten berufen sind, und die statt dessen nach jenen "Prioritäten", die eine allmächtige Bürokratie beschließt, zu irgendwelcher Zwangsarbeit "eingesetzt" werden können.

Ist Ernst Bertram etwa ein Pg. von 1933 oder wenigstens von 1937? keineswegs. Er hat niemals der Partei angehört, er war nicht einmal Mitglied der Reichsschrifttumskammer. Er lebte in einer Welt, fernab von nazistischen Funktionen und Organisationen, in der Welt des Geistes nämlich. Und an diese Welt des Geistes wagt sich das Schema heran. Als Ernst Bertram unter Mitwirkung britischer Dienststellen entlassen wurde, führte man folgende "Gründe" gegen ihn ins Feld: er habe ein Buch über Nietzsche geschrieben, er sei Mitglied des George-Kreises gewesen, sein Streben habe der Bildung einer Elite gegolten. Und jetzt ist er ein "Minderbelasteter nach Kategorie 3"; er hat die schlechteste Zensur erhalten, die deutsche Instanzen zu vergeben haben.

Belastet ist hier nicht Ernst Bertram. Belastet sind jene, die das Urteil fällten. An ihnen hängen die toten Gewichte des Unverstandes, der Anmaßung, der trostlosen Mittelmäßigkeit. Und belastet ist Deutschland, in dem dergleichen geschehen kann; in dem das wenige, was uns an Qualität geblieben ist, wehrlos dem politischen Justizmord aus der Froschperspektive preisgegeben wird. Man mag zu Ernst Bertram stehen, wie man will, man mag – innerhalb der geistigen Sphäre – sein nordisch-romantisches Weltbild scharf ablehnen. Aber von solcher Gegnerschaft führt kein Weg zu Kontensperre, Dienstverpflichtung und Schreibverbot. Ernst Jüngerdarf in deutschen Büchern nicht einmal zitiert werden, Ernst Bertram darf sein Vortreffliches Nietzschebuch nicht neu herausgeben. Und das alles geschieht im Namen der Demokratie, deren erstes Gebot die Geistesfreiheit ist. Warum entnazifizieren und kategorisieren wir nicht noch Nietzsche oder Walthervon der Vogelweide? Warum

machen wir bei den Lebenden halt? Auf den Index mit dem Zarathustra! Sein Verfasser ist gewiß ein. "Hauptschuldiger", hat er sich doch von Hitler mißverstehen lassen! Nieder mit dem Nibelungenlied, denn ohne Frage wurde das "Niemals kapitulieren" schon in der Etzelhalle vorweggenommen! Auf den Scheiterhaufen mit Kants "Kritik der praktischen Vernunft", die dem Pflichtbegriff und folglich natürlich dem preußischen Militarismus ein Denkmal gesetzt hat! Man nehme nur ein politisches Schema, und dann gehe man zum Angriff vor gegen die deut-

sche Geistesgeschichte. Ein reiches Feld der Tätigkeit für Intolerante und Pharisäer. Vielleicht gehört dann allenfalls Theodor Storm, obwohl verdächtig "nordisch", zu den "Entlasteten", Schopenhauer zu den "Nichtbetroffenen", Heinrich Heine zu den "Wiedergutmachungsfällen". Dem Unfug sind keine Grenzen gesetzt.

Zum Fall Bertram liegen immerhin einige Äußerungen vor, die sich von üblichen Persilbriefen durch den gleichen Niveauunterschied abheben, der Ernst Bertram selbst von einemdurchschnittlichen Blockleiter trennt. Klassisch war die Formulierung von Max Planck: "Wenn seine (Ernst Bertrams) Einstellung heute in Gefahr steht, mit den Zielen des nationalsozialistischen Regimes identifiziert zu werden, so kann nur eine Verhängnisvolle Verwechslung zweier völlig getrennter geistiger Welten vorliegen." Und Hermann Hesse schreibt: "Das über E. Bertram gefällte Urteil scheint mir, der ich ähnliche Urteile kennengelernt habe, im Prinzip falsch und der Revision bedürftig. Es würde in der geistigen Welt einen guten Eindruck machen, wenn dies Fehlurteil korrigiert würde."

Ja, man muß das, Fehlurteil korrigieren. Und wenn die Entnazifizierungsausschüsse hier versagen, so gibt es ja eine Landesregierung von Nordrhein-Westfalen, die die Pflicht hätte, einzugreifen, die Mindestpflicht zu einer ehrenvollen Pensionierung dieses vierundsechzigjährigen Hochschullehrers, ganz außerhalb des Schemas, ganz innerhalb von Recht und Menschlichkeit. Es ist kaum anzunehmen, daß der oberste Berater für das Erziehungswesen in der britischen – Zone, Mr. Birley, hiergegen ein Veto einlegen würde. Jedenfalls aber muß die deutsche Öffentlichkeit erfahren, ob die Düsseldorfer Regierung alles unternimmt, um ein Unrecht zu beseitigen, das, weit über den Einzelfall hinaus, für die deutsche Kultur und für die deutsche Politik von erheblicher Bedeutung ist. Fr.