Die Ächtung der Musen – Seite 1

In Frankfurt am Main findet gegenwärtig ein Schriftsteller-Kongreß statt, bei dem es nicht nur um eng begrenzte Berufsfragen geht: Ernst Kreuder, bekannt durch seinen Roman "Die Gesellschaft vom Dachboden" und seine in dem Band "Der schwebende Weg" zusammengefaßten .Erzählungen, spricht in folgendem Aufsatz von einer – nach seiner Ansicht bei der jungen Schriftstellergeneration zu kurz gekommenen – Aufgabe, Es geht ihm um die "Innerlichkeit", aus der heraus alle Poesie entspringt, und die er, frei von dem Verdacht der Flucht in eine falsche Romantik, wieder zum Mittelpunkt einer Freude spendenden Dichtung machen möchte. – Kreuder steht nicht allein da. In Paris gibt es eine Gruppe junger Literaten, Epiphanisten genannt, die in wütendem Protest gegen den Existentialismus Sartres kampfen und an Stette der extsten tiellen Begriffe von Angst und Sorge Freude und Schönheit setzen wollen. Sehr bezeichnend übrigens, daß unter den jungen Komponisten Frankreichs, und zwar um die Person von Messaen, neuerdingsähnliche Tendenzen verfochten werden.

In einem Aufsatz über den literarischen Nachwuchslas man kürzlich, die junge Generation in Deutschland habe eines gelernt, nämlich die "Wahrheit" zu sagen ohne "romantisches Ausweichen". In dieser Feststellung verbirgt sich eine Tendenz.

Noch immer kann sich unter der "Wahrheit" jedermann Beliebiges vorstellen; Es leuchtet ein, daß zum Beispiel ein dem Marxismus zugewandter Schriftsteller einen völlig anderen Wahrheitsbegriff in Anspruch nehmen wird als ein Autor, der sich zum Katholizismus bekennt. Und ein theosophisch oder buddhistisch orientierter Schriftsteller wird sich mit einem "Existenzialisten" kaum über die Methoden der Wahrheitserforschung einigen können. Zur Verdeutlichung dieser These seien hier nur einmal die Namen von Ilja Ehrenburg, George Bernanos, Aldous Huxley und J. P. Sartre genannt. Wenn wir voraussetzen, daß diese Autoren in ihren Büchern versucht haben, die "Wahrheit" zu sagen: welche verschiedenartigen Wahrheiten, sind dabei herausgekommen!

Rückt damit das Bekenntnis unserer Jüngsten, die "Wahrheit" sagen zu wollen, nicht bedenklich in die Nähe der Phrase? Dabei soll nicht einmal untersucht werden, ob und inwieweit die junge Generation in den zurückliegenden sechs oder zwölf Jahren es überhaupt gelernt hat, die Wahrheit zu sagen. Man könnte es ebenso gut bezweifeln. Sie hat den blindwütigen Drill, die Dressur zur "Zackigkeit", die ungeheuerlichsten Phrasen, den Knechtsdienst, das blutigste Schützenhandwerk, Grauen, Entsetzen, Todesangst, ohnmächtigen inneren und äußeren Widerstand kennen gelernt. Aber das "Sagen der Wahrheit"? Eine Zeitlang geisterte der Vergleich mit dem Seismographen durch das Bewußtsein zeitbewußter junger Autoren. Es galt als höchste Aufgabe, die inneren und äußeren Erschütterungen der Zeit einem Seismographen gleich unbestechlich aufzuzeichnen. Damit nähern wir uns wieder der Grundfrage nach den eigentlichen Aufgaben des Schriftstellers. Sie darf auch heute nicht mit Phrasen beantwortet werden!

Wem hat der Schriftsteller nun mit seinem Wert zu dienen, falls er einen solchen Dienst Ideologie, anerkennt? Einer parteipolitischen religiösen die er für die Wahrheit hält? Einem religiösen Dogma? Einem schrankenlosen Subjekentwertet der nihilistisch gestimmt alles und jedes entwertet und sich in Verzweiflungen berauscht? Einem lakonisch reportagehaften, Gefühlsroheit und Unflätigkeiten bevorzugenden "brutalen" Realismus in Schwarzweißmanier? Einem verschwommenen, verstiegenen, kinohaft-feuilletonistischen Romantizismus?

Wenn er diese Fragen beantworten will, für sich allein, vorurteilsfrei, muß er einmal sämtliche Wahrheitslehren seiner Zeit vergessen, muß er den Vatikan wie den Kreml, das Weiße Haus wie das letzte literarische Manifest aus Paris vergessen. Er hat dann nur noch eine Instanz, an die er wenden kann, und die ist keine Phrase, sondern sein – Gewissen. Wenn er kein Dogma, sondern sein Gewissen befragt, wofür er schreiben soll, dann kann die Antwort heute nur lauten: zur Hilfe. Niemand verpflichtet ihn zu dieser Hilfe, am allerwenigsten die praktische Not, in der er sich heute selbst befindet.

Damit wurde bewußt ein Notstand vorausgesetzte Die Menschen, für die er schreiben will, die seine Bücher lesen werden, befinden sich in Not. Nicht nur in Wohnungsnot, Ernährungsnot, sondern in einer außerordentlichen geistigen, und: mehr noch die Seelen erstickenden und verfinsternden Not des Fühlens, des Herzens. Diese Not reicht von der Ratlosigkeit bis zur äußersten Verzweiflung, die oft nur noch den Ausweg in den Selbstmord findet. Wer heute zu einem Buche greift, ist auf der Suche nach verlorenen Dingen. Was hofft er zu finden? Ich möchte bezweifeln, ob er die Wahrheit zu finden hofft. Eine bilderreiche und redselige Bestätigung seines praktischen und geistigen Elends? Die an den Mann, das heißt an den Leser gebrachte innere Ausweglosigkeit blutig drastischer jüngster literarischer Dilettanten, die mit der Hand in der Hosentasche jegliche Bildung verachten, die nicht "zusammengekamprt wurde, wie man es kürzlich lesen konnte?

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Nun scheinen aber unsere Jüngsten entschlossen, ihren Lesern unter allen Umständen eines nicht geben zu wollen, wonach sich noch immer jedes fühlende Wesen, das nicht in Haß, Verachtung, Hohn, Kaltschnäuzigkeit und jargonkräftiger Überheblichkeit erstarrt ist, wirklich sehnt: Freude. Im Gegenteil, sie sind höchst ungeduldig, mit ihren Manuskripten die grauenhafte Freudlosigkeit unserer Gegenwart nach Kräften zu vermehren. Weitgehend werden sie hierin von Verlagen unterstützt, wie der Durchschnitt der Veröffentlichungen seit der Kapitulation beweist.

Ich kenne die Entgegnung: man hat uns jede Freude am Leben genommen, nun ist es nicht nur unsere Aufgabe, dies schwarz auf weiß jedem Leser in die Stube und ins Bewußtsein zu bringen, sondern uns dafür zu rächen!

Dies die Situation. Wer keine Freude zu geben vernag, kann von niemandem dafür angeklagt wenden. wer um alles in der Welt heißt ihn. denn, anderen, die sich in der Mühsal des Tages nach einem Schimmer Freude sehnen, Verzweiflungsschreie in die Ohren zu gellen? Eine verhexte Umkehrung: soll denn der Leser heute dem Autor zu Hilfe eilen?

Das hat mit "Optimismus" und "Romantik" überhaupt nichts zu tun. Es ist an der Zeit, endlich einmal mit dieser phrasenhaften Verdächtigung und Verächtlichmachung des "Romantischen" Schluß zu machen! Zynismus ist Zynismus, Zoten sind Zoten und wüste Unflätigkeiten sind hoch lange nicht die Wahrheit. Kennt man denn über-Raupt unsere "Romantiker"? Kennt man zum Beispiel den Ausspruch eines Novalis: "Nichts ist romantischer, als was man gewöhnlich Welt und Schicksal nennt. Wir leben in einem kolossalen Roman."?

Die Wahrheit ist, daß unsere Jüngsten einem Denkfehler zu erliegen drohen. Das Musische, die Verzauberung, die Beseligung des Herzens • und des Geistes, die ein Gedicht ebenso bewirken kann wie eine Vorfrühlingsstunde im Ried, diese poetischen Elemente der Welt werden als "romantisch" verächtlich gemachtund abgelehnt. Damit ist der heutige "Realismus" in der Literatur nichts anderes als die Haltung einer beabsichtigten progressiven Entseelung des Lebens. Denn Beseeltheit und "Poesie" sind identisch. Zumindest ist dieser Realismus der Entschluß, die Sinnlosigkeit des entseelten, zivilisatorischen. Daseins unermüdlich zu dokumentieren. Was sollen wir damit? –

Vielleicht legt sich einer unserer jüngsten Autoren einmal eine Weltkarte, nötigenfalls leihweise, zu Hause auf den Tisch. Er kann darauf die Weltmeere betrachten, die Kontinente. Auf einem dieser Festländer möglicherweise einen rosa Fleck, das Land seiner Sprache. Einen schwarzen Punkt: die Stadt, in der er wohnt. Nun gibt es nicht nur diese Weltkarte, sondern auch eine literarische: die Weltliteratur. Wer schreibtbeziehungsweiseveröffentlicht, begibt sich auch vordieses Forum. Es gehört schon ein verheerender

Mängel an Phantasie dazu, die Literatur seines Landes vor der Weltliteratur dereinst damit ausweisen zu wollen, daß man die Poesie der Natur, der Erde und des Himmels, leugnet, als "romantisch" verwirft, nur weil unser Land und seine Menschen ins Elend geraten sind.

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Sollten wir nicht gerade heute vom zeitgenössischen Autor erwarten, daß er uns alle daran erinnert, was unsdieser Zusammenbruch im Grunde lehrt? Nämlich die Einsicht, daß der wirkliche Reichtum des Menschen noch immer ein innerer gewesen ist? Denn dies und nichts anderes ist das Wesen alles Romantischen; die Innerlichkeit!

Die beliebte Modephrase vom "Ausweichen in die Romantik" besagt nur eines: die ungeheure Scham vor der eigenen Innerlichkeit. Denn dort sieht es meist erschreckend schablonenhaft, schemenhaft leer aus. Diese innere Leere, diese innere Verrohung, diese Fühllosigkeit, dieser Mangel an tiefer Empfindung, mithin an Erlebnissen, die eine zweite, nichtrealistische, poetische Schicht der Welt betreffen, kann niemals einer zeitlich bedingten Misere in die Schuhe geschoben werden, (Der schlagwortsichere Ignorant nennt das heute "Blaublümchenromantik".) Diesen Mangel aber gibt es heute überall, in allen. Metropolen dieser Erde. Nicht nur die Chroniken der Verbrechen beweisen das täglich. Doch ist hier nicht der Ort, über die fortschreitende Entseelung, "Phantomisierung" des Zivilisationsmenschen zu schreiben. Über diesen Verlust eines dem Leben innewohnenden Sinns. Die Sinnlosigkeit des modernen Daseins kann längst in Schichten allerhöchsten Wohlstandes nicht mehr verdeckt werden: die Literatur der "reichen" Länder haben es hinreichend verkündet.

Statt von einer "Flucht in die Romantik" muß daher heute leider von einer Flucht aus der Innerlichkeit in die krasseste und drastischste Äußerlichkeit gesprochen werden. Weil diese Innerlichkeit, dieses Element jeder schöpferischen Phantasie, der Verödung, dem Verdorren zu erliegen droht. Dies zu erkennen, hiervor zu warnen, gehört auch zu den Aufgaben des Schriftstellers unserer Zeit!