In der heutigen Zeit der unüberbrückbar erscheinenden Gegensätze zwischen Ost und West war die Tagung des Vorstandes des Weltgewerkschaftsbundes (WGB) in Rom ein Lichtblick. Der Vorstand, der zum ersten Male seit elf Monaten tagte, besann sich auf die im Programm niedergelegten, aber bisher wenig beachteten Grundsätze der politischen Neutralität. Toleranz und Entgegenkommen bestimmten die Verhandlungen. So ist es denkbar, daß der WGB weiterhin Gewerkschaften kommunistischer, sozialistischer, syndikalistischer und christlicher Tendenzen umfassen wird. Er wird allerdings diesen universalen Charakter nur behalten können, wenn er die Autonomie der Gewerkschafts verbände unangetastet läßt, wenn er in strittigen Fragen neutral bleibt und sich auf die Wahrung der allgemeinpolitischen und der beruflichen Belange der Arbeiterschaft beschränkt.

Die Basis dieses WGB ist umfassender als die seines Vorgängers, des IGB, der fast ausnahmslos die europäischen Länder zu seinen Mitgliedern zählte, nicht dagegen die Sowjetunion und Amerika; auch in seiner Glanzzeit hatte er kaum mehr als 20 Millionen Mitglieder und selbst als er nach dem Ausscheiden des ADGB im Jahre 1933 allmählich zerfiel, lehnte er noch immer die Aufnahme der sowjetischen Gewerkschaften ab, weil diese keine freien, sondern staatlich gelenkte Gewerkschaften seien. Der WGB zählt dagegen heute in 56 Ländern mehr als 70 Millionen Mitglieder und hat zahlenmäßig seine Hauptstütze in der Sowjetunion. Die Gründungsversammlung fand am 6. Februar 1945, der erste – Kongreß im September 1946 in Paris statt, der zweite ist für Ende dieses Jahres in Brüssel geplant. Die Leitung des WGB liegt in den Händen eines 21 Mitglieder umfassenden Vorstandes, an dessen Spitze Saillant steht. Ihm sind jetzt Vertreter Großbritanniens, der Sowjetunion und der USA beigeordnet worden, denen ein Vetorecht gegen Saillant, den Generalsekretär des WGB, zusteht.

In Amerika hat der WGB bisher wenig Fuß fassen können. Die zur AFL-Zentrale gehörenden Gewerkschaften und die unabhängigen, sowie die Bruderschaften der Eisenbahner stehen dem WGB nicht nur ablehnend sondern feindlich gegenüber. Die AFL monierte nach Abschluß der Tagung in Rom, daß die dort versammelten westlichen Gewerkschafter nicht den Mut gehabt hätten, für ihre in Osteuropa und in Rußland ermordeten Kameraden, zu sprechen. Bei dieser Haltung der AFL-Gewerkschaften ist es für die CIO-Zentrale schwierig, an der Mitgliederschaft zum WGB festzuhalten. Keineswegs können die CIO-Gewerkschaften eine kommunistisch gefärbte Politik des WGB mitmachen. Sie wandten sich darum auf der Tagung in Rom energisch gegen derart Methoden. Carey, al Wortführer der CIO-Gewerkschaften drohte mehrfach mit dem Austritt und erreichte damit, was er wollte. Die CIO-Gewerkschaften haben somit heute wohl den stärksten Einfluß, ihr Vertreter im Vorstand, Elmer Cope, wird in Zukunft wahrscheinlich eine ebenso wichtige Rolle spielen wie Saillant. Die deutschen Gewerkschaften sind noch nicht zugelassen, nur zwei Beobachter aus der Ostzone waren in Rom anwesend. In einer Entschließung werden die deutschen Gewerkschaften aufgefordert, einen Zentralrat als repräsentative Körperschaft zu bilden und einen Nationalkongreß einzuberufen, um auf diese Weise Anschluß an den WGB zu finden.

Das Streben nach einem universalen Charakter hat die Schlagkraft des WGB zweifellos geschwächt. Selbst im Hinblick auf die Frage, ob für gleiche Arbeit der gleiche Lohn zu zahlen sei, kam es in Rom zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den angelsächsischen und den sowjetischen Vertretern. Andere wichtige Fragen blieben offen, wie zum Beispiel die Stellungnahme zu der Lage in Griechenland! Indien, Indonesien, Japan und Portugal. Die Entscheidung über den Beitritt der Jouhaux-Gewerkschaften wurde bis zur Augusttagung in Paris zurückgestellt. Bedeutsam ist vor allem der Verzicht auf eine Stellungnahme zum Marshall-Plan. Bisher lag der WGB mit in der vordersten Front im Kampf gegen den Marshall-Plan. Auf der Tagung in Rom hat der Vorstand nun aber resigniert auf jede Stellungnahme verzichtet und es den einzelnen Verbänden überlassen, sich nach eignem Ermessen zu entscheiden. Die Gegensätze waren zu groß, um eine gemeinsame Entschließung zu fassen.

Der WGB hat auf diese Weise eine schwere Krise gemeistert. Vor der Tagungen Rom schien, eine Spaltung unvermeidlich, weil der WGB weitgehend unter kommunistischen Einfluß gekommen war. Zeitweilig schien es so, als ob unter Führung der amerikanischen und britischen Gewerkschaften eine Gegenorganisation gebildet würde, aber der WGB ist schließlich als Klammer zwischen Ost und West geblieben. Die Angelsachsen, und vor allem die Russen, stellten viele Wünsche zurück, um die Einheit der Gewerkschaftsbewegung zu erhalten. W G