Von Egon Vietta

Schriftsteller aller Länder vereinigt euch (gegen die Zivilisation)!

Der kontemplative Geist, der betrachtende Denker ist der Lebensordnung, in die wir hineingeboren sind, von Grund auf entgegengesetzt. Es ist der Denker, der sich am weitesten von der Zivilisation wegbewegt, die auf eine steigende Umlaufsgeschwindigkeit angewiesen ist. Die modernen italienischen Künstler, die von dem wirbelnden Umtrieb der Galleria Vittorio Emanuele in Mailand angeregt sind, die den Dynamo als schöpferischen Antrieb brauchen, haben die Zeit am folgerichtigsten bejaht. Vön der Zivilisation aus gesehen, läuft der betrachtende Denker "leer". Er tut nichts. Noch in der älteren Generation hat es Menschen gegeben, die ihren Tag mit "nichts" verbrachten, aber in Wirklichkeit eine vollendete Bildung besaßen. Sie haben keine Bücher geschrieben, keine Verlage gegründet, keine Zeitschrift redigiert, keine deutsch-französisch-englisch-italienische Gesellschaft geleitet, keinen Sitz im Kulturrat eingenommen. Sie waren einfach "da". Aber sie waren geschätzte Gesellschafter, strenge Beobachter, gefürchtete Kritiker. Welche Zivilisation, die vom Glauben an die Arbeit und den Erfolg lebt, würde solche Müßiggänger ertragen? Sie sind, soweit sie noch existieren, Nutznießer einer gesellschaftlichen Götterdämmerung und verdienten darum vergessen zu werden, hätten sie eben nicht um ein Geheimnis, gewußt, das wiederum heute vergessen ist: das Geheimnis der wahren Kultur.

– Sie wird nämlich nicht "gemacht". Sie wächst. Sie ist das Ergebnis jahrzehntelanger, widersprüchlichster, sorgfältigster Beobachtungen; sie dringt mit den Jahren in den Menschen ein, sie verlangt höchste Wachsamkeit und echten Fleiß. Denn Kultur heißt Pflege, Förderung, und hat mit Organisation nichts zu tun. Sie wird nicht mit uns geboren. Sie will erdient, gehütet sein. Von dieser Warte aus gesehen ist der eben geschilderte Müßiggänger der tätigste Mensch. Aber das, was er "produziert", läßt sich nicht in sichtbare, verwertbare Waren umsetzen.

Der Mensch nun, der Kultur "macht", ist ein weitläufiger Verwandter des ciceronischen Müßiggängers. In einem Augenblick, wo die Fabriken feiern, die Häuser verwittern, die Geschäfte ruhen oder nur leise dahinplätschern, wirft sich unsere Unruhe auf den Lebensbereich, der von kultivierten Müßiggängern angebaut wurde, und wir erleben den Einbruch der Betriebsamkeit in den stillen Hain, in dem einmal Vergil, Petrarca und Goethe geträumt und die blaue Blume gezüchtet haben, die man außerhalb dieses Paradieses nicht kennt. Da stoßen nicht, wie im Kampf von Kapitalismus und Kommunismus, zwei hochfrequenzierte Energien aufeinander, sondern eine gigantische Schaltanlage entlädt sich in einem stillen, weltabgelegenen Garten, Und plötzlich rauschen die Fords, die Lastwagen, die – Motorräder auf den Kieswegen, die bislang von einsamen Denkern innegehabt wurden. Das heißt man: Kulturpolitik. Der Gartenist verwüstet. Nichts, das Zeit zum Wachsen hätte. Die Blumen, lassen die Köpfe hängen, und der Garten wird in riesigen Schlauch- und Röhrenanlagen für die Menschheit ausgeschlachtet.

Der Garten muß verkümmern, wenn er von Licht, Luft und Wasser abgeschnitten wird. Er braucht verständnisvolle Förderer und Wärter, die in der Stille wirken und denen geben, die bedürftig sind, die leise fördern, lautlos geschehen und gedeihen lassen, was, einmal ausgebrütet und durchlitten, die Welt da draußen außerhalb des Gartens im Kern treffen muß. Jede europäische Epoche, ob reich oder arm, ist mit dem Fluch belastet, den Garten zu ignorieren. Die kurzen Perioden, in denen das nicht der Fall gewesen ist die Epoche Michelangelos oder das Weimar Goethes – leuchten in der Erinnerung. Die Nachfahren plündern aber den Garten, als sei er allein für ihre Bedürfnisse gezüchtet.

Können wir es uns in einem Augenblick, wo die Vernichtung von Millionen zur jederzeit realisierbarenMöglichkeit, geworden ist, leisten, das geistige Gewissen der Menschheit, den geheimnisvollen Garten, verkommen zu lassen? Die andern haben intakte Städte, in der sie ihre-Gärten vergessenmögen. Wir, wir haben überhaupt nichts mehr außer dem Garten.