Die Abwanderung namhafter Gelehrter von den deutschen Universitäten, die herabgesetzte Arbeitsfähigkeit der verbleibenden und der Mangel an ausreichender zuverlässiger Fachliteratur bilden in ihrer Gleichzeitigkeit ein brennendes Problem. Es ist gerade der beste, lerneifrigste und belehrungsfähigste Teil des Nachwuchses, der unter diesem Zustand zu leiden hat und durch ihn vor eine hoffnungslose Perspektive gestellt wird. Wir erteilen hier einem Vertreter dieses Nachwuchses das Wort zu einem Warnruf aus eigenem Erleben.

Ein Ereignis, wie; die kürzlich erfolgte Berufung Karl Jaspers an die Universität Basel, muß in Deutschland zwiespältige Empfindungen und Gedanken auslösen. Zu der Freude über die Auszeichnung eines deutschen Gelehrten durch eine, akademische Lehrstätte, der Männer wie Jacob Burckhardt, Overbeck und nicht zuletzt Nietzsche internationalen Ruhm verliehen, gesellt sich das schmerzliche Bewußtsein, wieder einen unserer geistigen Führer zu verlieren und ihn sich lösen zu sehen aus der Unmittelbarkeit des Miterlebens und Miterleidens der deutschen Schicksalsgemeinschaft. "Meine Frau und ich, beide alt und körperlich leidend, werden es in Basel materiell leichter haben und vielleicht Ruhe zur Arbeit finden", schreibt/ Jaspers selbst in der Begründung seines Lehrstuhlwechsels. Damit legt er den Finger auf eine Wunde, des deutschehen wissenschaftlichen Lebens, die für dies Leben tödlich werden kann: die große leibliche Not unserer Gelehrten! Nur durch die energische Selbsthilfe universitätseigener Organisationen in Verbindung mit ausländischen Liebesgaben erhalten sie sich wenigstens einen Bruchteil ihrer ursprünglichen Arbeitskraft, der in vielen Fällen gerade noch zum mühsamen Repetieren schon aufgearbeiteten Materials ausreicht und kaum noch Atem genug läßt, Neuland zu bestellen. Man muß einmal mit eigenen Augen gesehen; haben, mit welch mühsam beherrschter Gier ein bekannter Gelehrter, dessen Arbeit in den in- und ausländischen Handbüchern seiner Disziplin einen bevorzugten Platz einnimmt und der der Weltöffentlichkeit vor ndch nicht allzulanger Zeit an hervorragender Stelle wesentliche Dienste leisten konnte, – wie dieser schmale, zusammengesunkene Greis von dem Spendentisch des Roten Kreuzes in der Mensa seiner norddeutschen Universität den Tonnapf entgegennahm und, noch halb stehend, die dampfheiße Suppe löffelte, ohne die Zeit zu einem Gespräch nach links oder rechts zu finden. Man muß dieses erschütternde, dieses so bezeichnende Bild nicht nur einmal, sondern täglich, nicht nur bea diesem, einen, sondern bei vielen Gelehrten gesehen haben, um verstehen zu können, warum Jaspers seinen Wunsch nach Ruhe und materieller Erleichterung aussprechen mußte.

Wie schmerzlich und tiefgreifend gerade unsere heutige junge Generation von jedem Ausscheiden eines Wissenschaftlers und Pädagogen führenden Ranges betroffen werden muß, wird jeder begreifen, der aus eigener Erfahrung um die Fruchtbarkeit eines dauernden engen Verkehrs zwischen Lehrer und Schüler weiß. Und hierin liegt, die Tragik dieses Vorgangs: Um seines Werkes und der Erhaltung seiner Arbeitsfähigkeit willen muß ein Lehrer seine Schüler verlassen!

Zu dem Aderlaß, den unsere akademische Jugend mit jedem Abgang eines Lehrers erleidet, kommt noch ein weiteres Erschwernis hinzu. Die durch einen solchen Verlust oder, auch durch die Überlastung des physisch völlig ausgehöhlten Lehrkörpers entstehende Lücke in der geistigen Ausbildung der Studenten und jungen Dozenten kann nicht einmal notdürftig durch entsprechende Auswahl auch nur des nötigsten Arbeitsmaterials geschlossen werden. Die Leere unserer öffentlichen und privaten Bibliotheken istbekannt. Über die Neudrucke – vor allem auch ausländischer – wissenschaftlicher Literatur aber muß in diesem Zusammenhang noch einiges gesagt werden.

Man hat nur zu sehr den Eindruck, als ob mancher deutscher Verleger bei der Planung seiner Produktion die Frage nach Bedeutung, Notwendigkeit und Zweckdienlichkeit wissenschaftlicher Veröffentlichungen ganz außer acht läßt. Oder gehen die Verleger nur aus sachlicher Unwissenheit an Wesentlichem vorüber und greifen nach Unwesentlichem oder gar gänzlich Verfehltem? Oder liegt es nur an mangelnder Aus-Wahlmöglichkeit? Kann es zum Beispiel förderlich sein, wenn den Historikern zeitgeschichtliches Material über die letzten Tage Hitlers vorgelegt wird, das auf einer Quellengrundlage "erarbeitet" wurde, dessen Gültigkeit und Wahrhaftigkeit von anderer Seite, wo man vieles sicherlich besser weiß, bestritten wurde (man erinnere sich nur an den Fall Trevor–Hanna Reitsch, der vor einigen Monaten auch durch die Presse ging), ohne daß dieser Einspruch bisher entkräftet worden wäre? Ein solcher Fall – der durchaus nicht einzig dasteht,– kann verheerende Folgen haben. Er muß skeptisch machen gegen derartige aktuelle Publikationen und kann, zumal bei den deutschen Studenten, den Eindruck erwecken, als ob diese Art, scheinend unbeeinflußbar, von schwer beschreibbaren, lokomotivartig ziehenden Kräften auf fest montierten Schienen uns alle, unser Leben, unsere Häuser und Städte, unsere Länder, mit sich zogen bis der große Zusammenstoß kam, bis alles zertrümmert war.

Alles zertrümmert! Und es ist ein merkwürdiges Gefühl, auf dem Trümmerhaufen sitzend, nun in diese Romane der Vergangenheit hineinzuschauen, um noch einmal an jenem Leben teilzunehmen, das versunken ist wie Vineta, nur daß eben die Glocken der versunkenen Jahre mit verbrannt sind und auch bei klarstem Sonnenschein nicht mehr aus der Tiefe läuten können.

Was geht uns noch an von den Kämpfen, Problemen, Tragödien, was noch von den Schwierigkeiten, Hoffnungen. und Versuchungen jener Jahre, da wir zunächst dachten, alles verloren zu haben, was in jener vorweltlich sagenhaften Friedenszeit galt, und vieles gewinnen zu können, was später gelten sollte? Da wir noch können, daß es gar nicht so schwer sein könnte, auf den alten Fundamenten neue, lichtoffenere Häuser zu bauen, da wir glaubten, es schadete auch nichts, wenn man hie und da oder auch überall die noch stehengebliebenen Fundamente und Fassaden ganz wegsprengte und von vorn begönne, am ersten Schöpfungstage also, an dem noch das Lamm neben dem Löwen graste.