Von Erik Blumenfeld

Sommerlich blauer Himmel über dem tulpengeschmückten Den Haag. Strahlende Sonne. Und die Holländer taten ein übriges, dem Tage Glanz zu verleihen. Sie säumten die Straßen und den Hof des Parlamentes, schwenkten Fahnen und grüßten die Staatsmänner und Politiker wie Ramadier, Eden, Daladier, Brugmans, Reynaud, Kersten, Shawcross und viele mehr. Drinnen, im teppichbehängenen Ridderzaal, erhoben sich die Delegierten, rund 800 an der Zahl, als Churchill den Saal betrat.

Der gute Wille hatte sie zusammengeführt. Sozialisten wie Konservative, Liberale wie Syndikalisten, Unabhängige, Professoren, Schriftsteller, Gewerkschaftler, Industrielle und Studenten – Menschen, die überzeugt sind, daß es ein Mittel gibt, die allen Europäern gemeinsame, alles lähmende Furcht zu bannen: ein vereintes Europa. Churchill, der nach einleitenden Reden des Haager Bürgermeisters und des Senators Kersten seine große Eröffnungsrede hielt, sprach fast feierlich von unserem alten zerrissenen, aus vielen Wunden blutenden Kontinent, und als er warme Worte des Willkommens für die deutsche Delegation fand und als er betonte, daß er den ehrwürdigen Ruhm des deutschen Volkes wieder erstehen zu sehen wünsche, hatte er den Beifall der ganzen Versammlung. Das war für uns Deutsche ein Augenblick der Freude und Dankbarkeit. Wie ernst er es mit seinen Worten meinte, hat Churchill dann am Schlußtage des Kongresses dadurch bestätigt, daß er eine Abordnung der Deutschen empfing und noch einmal seine Genugtuung unterstrich, zum erstenmal nach dem Krieg eine deutsche Delegation gleichberechtigt an einem internationalen Kongreß teilnehmen zu sehen.

Bei seiner Eröffnungsrede sprach Churchill von den Sorgen und Wünschen der arbeitenden, sorgenschwer schaffenden – Menschen. Wonach gehen ihre Wünsche? Ein eigenes Heim haben, die Früchte der täglichen Arbeit ernten, mit der Familie in Ruhe und Sicherheit versorgt zu leben, frei von Furcht, Ausbeutung und unerträglichen Lasten – mehr wollen sie nicht. Churchill, den nicht nur seine Freunde den größten Staatsmann Europas nennen, sagte: so müßten wir denn unser Ziel vor uns sehen und so soll? der Kongreß den Anfang bilden, die Idee des Vereinten Europas zu verstehen und weiterzugeben, damit die demokratischen Regierungen Europas handeln könnten. Jedoch die Stimme des Vereinten Europas allein genüge nicht; ein europäisches Parlament müsse entstehen, dessen Stimme ständig neu erschallt.

Bei einem Empfang der holländischen Regierung im Schloß Wassenaar, inmitten der schönsten Parks und Seen Den Haags, -konnten die deutschen – Teilnehmer des Europa-Kongresses eine betont freundliche, ja, oft sogar herzliche Atmosphäre finden und schließlich, im weiteren Verlauf der Tagung, ein ständig wachsendes Verständnis für unsere Situation und Sorgen. Als der letzte Abend die Parlamentsmitglieder aller Länder Europas, auf holländische Einladung noch einmal zusammenführte, war eine freundschaftliche, über alle Ideologien und Nationalitätsgrenzen sich manifestierende Verbundenheit schon spürbar. Zumal die Ansprache der französischen Abgeordneten Madame Gilberte legte hierfür Zeugnis ab. Der Labourabgeordnete Mackay, britischer Delegationsführer, schlug sogar ein wechselseitiges Besuchsprogramm aller Abgeordneten vor, dem lebhaft zugestimmt wurde. Ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg des zukünftigen Europa aber mag der an diesem Abend verkündete Beschluß sein, im September in Interlaken einen Kongreß aller europäischen Parlamentarier, einschließlich der Deutschen, abzuhalten.

Man hat dem offiziellen Wiener Kongreß einst nachgerühmt, daß viel getanzt wurde. Diesem inoffiziellen Haager Kongreß, dem nichtsdestoweniger viele Persönlichkeiten internationaler Bedeutung beiwohnten, wird man nachrühmen dürfen, daß ernsthaft gearbeitet wurde. Die Kommissionen – die politische unter Vorsitz des ehemaligen französischen Ministerpräsidenten Ramadier, die wirtschaftliche unter Belgiens Ex-Premier van Zeeland und die kulturelle unter Vorsitz des italienischen Abgeordneten und Schriftstellers Silone – tagten nicht nur täglich acht Stunden, sondern hielten auch Nachtsitzungen ab; die am Sonntag gar bis Sonnenaufgang dauerten. Das hatte seinen Grund. Die Vorarbeiten zu den einzelnen Tagungen hatten, nur sehr kurzfristig, oft mangelhaft getroffen werden können, woran die allgemeine Lage dieser Monate die Schuld trägt. Natürlich gab es zuweilen heftige, zuweilen langatmige Kontroversen. Im Endergebnis aber setzte sich die Mehrheit der Delegierten durch, die das große Ziel im Auge behielten. Tiefen Eindruck hinterließen die Vorsitzenden Ramadier und van Zeeland – Ramadier mit der unübertrefflichen Klarheit, Bestimmtheit, ja, den beinahe robusten Manieren des alten Parlament. tariers und Staatsmannes, von allen respektiert, viele drohende Klippen souverän umsteuernd; van Zeeland: elegant, biegsam, mit schier unerschöpflicher Erfahrung in der Kunst des Ausgleichens, die oft besonders hart sich stoßenden Auffassungen schließlich noch zu fast einstimmigen Beschlüssen vereinigend. Viele Auffassungen rangen miteinander, sozialistische, liberale, konservative, und das war gut so. Über allem jedoch klang der Geist christlicher Humanität, Toleranz, der Wille zusammenzukommen über alle Parteigrenzen, Klassen und nationalen Souveränitätsschranken hinweg. Der Wunsch war allen gemeinsam, aus Europa eine der großen Völkergruppen entstehen zu lassen, die, wirtschaftlich und moralisch erholt, politisch vereinigt, neben und mit den Völkern des amerikanischen Kontinents und Asiens den Wohlstand und Frieden der Menschheit Wirklichkeit werden läßt. Uns ließen vor allem auch die von virtuoser gallischer Dialektik ausgezeichneten Reden der Francois-Poncet, Reynaud, Bonnefous, kurz, der zur alten Schule französischer Politik gehörenden Persönlichkeiten aufhorchen. Ebenso die temperamentvolle, scharfe, energiegeladene Rethorik der großenteils jungen französischen Sozialisten, Gewerkschafter und Syndikalisten. Brillante Ansprachen der belgischen Abgeordneten wurden ergänzt durch die klugen, fundierten Ansprachen der Holländer, des überlegenen Sozialisten Brugmans und Senator Kersten, der Schweizer von Schenk, Ritzel und Prof. Rappard. Und dann die britische Delegation! Ob die erfahrenen Staatsmänner und Politiker wie Eden, Macmil-Jan, Shawcross, Duncan Sandys, Maxwell Fyfe, Mackay, Lord Layton, Lady Grant oder hervorragende Persönlichkeiten wie Bertrand Rüssel, Gilbert Murray, Sir Anderson, Miß Josephy das Rednerpult betraten – bei allem Unterschied der Temperamente die gleiche Haltung: Nüchtern, realistisch, ausgleichend in Wort und Ton, dabei nie ohne Wärme und Ritterlichkeit dem gegnerischen Standpunkt gegenüber, entwickelte sich die britische Delegation zu einer der beherrschenden des Kongresses.

Die hervorragenden Punkte der Resolutionen waren die Fragen der schnellstmöglichen Einberufung eines europäischen Parlamentes, der Mitverantwortung der Arbeiter, der Eingliederung Deutschlands in ein: föderatives Europa sowie das wirtschaftlich-politische Problem der Ruhr. Die klare Stellungnahme der deutschen Delegation zu alledem, großartig unterstützt von Holländern (hier hielt Jef Last eine prachtvolle Rede!), Schweizern, Belgiern und Engländern, erbrachte die Herausnahme jeder Diskriminierung in bezug auf die Ruhr und die Bestätigung der Eingliederung Deutschlands, des ganzen Deutschlands, als gleichberechtigtes Mitglied in die europäische Familie. Hier sei vermerkt, daß ein blutjunger englischer Student, Henry Maas, die Aufmerksamkeit des Kongresses auf unsere Deutschen in der Ostzone lenkte, die Unteilbarkeit Deutschlands unterstrich und die Forderung erhob, daß jede diesbezügliche Resolution nur ein geeintes Deutschland umfassen könne! –