Wenige Minuten nachdem am 15. Mai nachts um 12 Uhr das britische Mandat über Palästina erlosch, verkündete Präsident Truman die de facto-Anerkennung des soeben proklamierten jüdischen -Staates Israel. Die Vertreter der UNO waren ebenso überrascht wie die Juden und Araber von diesem völlig unvorhergesehenen Schritt, dessen Folgen sich einstweilen noch gar nicht übersehen lassen, und der, wie man annimmt, die Aufhebung des Waffenausfuhr Verbotes nach dem Mittleren Osten zur Folge haben wird.

Als bei einer der letzten großen Palästinadebatten im englischen Unterhaus Sir Henry Shawcross ziemlich unverblümt feststellte, wenn es keinen de jure-Nachfolger für die Mandatsmacht in Palästina gäbe, müsse man die Regierungsgewalt eben an die de facto vorhandene Macht übergeben, das heißt also an denjenigen, der sich bis dahin in Palästina durchsetze, erregte diese machiavellistische Bemerkung eine gewisse Entrüstung, Wenn Amerika heute dem Staat Israel, dessen Grenzen nicht wie im Teilungsplan vorgesehen, den tatsächlichen Siedlungsverhältnissen entsprechend, gezogen werden, sondern auf Grund gewalttätiger Übergriffe beider Seiten und eines ungemein grausamen Krieges, so erscheint diese Entscheidung mindestens ebenso anfechtbar, vor allem dann, wenn Amerika um der Gerechtigkeit willen bereit sein sollte, beide Seiten mit Waffen zu beliefern. Inzwischen hat auch Rußland den jüdischen Staat anerkannt; es ist aber anzunehmen, daß die Freude der provisorischen jüdischen Regierung, über das Wohlwollen der Großmächte sehr bald einer gewissen Ernüchterung Platz machen wird.

Einstweilen geht der Vormarsch der alliierten arabischen Streitkräfte offenbar ziemlich rasch vonstatten, was aber zweifellos damit zusammenhängt, daß die ägyptische Armee im Süden Palästinas und auch die Streitkräfte, die vom Norden her einmarschierten, noch nicht auf die eigentlichen Verteidigungszentren der Juden gestoßen sind. Lediglich die von Osten kommende arabische Legion Transjordaniens meldet größere Erfolge. Sie werden insofern von der Gegenseite bestätigt, als auch die Haganah die Räumung der jüdischen Siedlung Ataroth nördlich Jerusalems gemeldet hat. Im übrigen haben beide Seiten eine strenge Nachrichtenzensur verhängt, und schon die widersprechenden Meldungen über das Schicksal Jerusalems, von dem beide Seiten sagen, daß es fest in ihrer Hand sei, zeigen, daß einstweilen hoch kein klares Bild von dem Verlauf der Kampfhandlungen zu gewinnen ist. Dff.