Der Kurs der finnischen Innenpolitik ist unabhängiger geworden, als man nach dem sowjetisch-finnischen Vertrag allgemein erwartet hatte. Die finnische Justiz führt Prozesse wegen, versuchten Terrors gegen Kommunisten, von denen zehn in Helsinki und andere in Tammerfors sich zu verantworten hatten. Der kommunistische Innenminister Leino sieht sich einer wichtigen Machtposition, nämlich des vollen Verfügungsrechtes über die staatliche Polizei – die kommunale untersteht ihm nicht – beraubt durch einen Sicherheitsausschuß, den Präsident – Paasikivi im Kabinett geschaffen hat und dem ein liberaler und ein sozialdemokratischer Minister, angehören. Innenminister Leino wird außerdem vom Verfassungsausschuß des Reichstages beschuldigt, die Verfassung verletzt zu haben, weil er 1945, ohne Untersuchung und Verfahren, 21 Personen der Sowjetunion ausgeliefert; habe, obgleich sie die finnische Staatsbürgerschaft schon vor dem Waffenstillstand von 1944 erworben hatten. Lediglich der Wunsch Paasikivis, die gegenwärtige Koalition noch bis zu den Reichstagswahlen im Juli aufrechtzuerhalten, hat offenbar bisher die offizielle Anklageerhebung gegen Leino verhindert. Die Behauptung der Sozialdemokraten, die Kommunisten hätten einen Staatsstreich geplant, wird von den Kommunisten nicht dementiert, sondern lediglich mit dem Gegenvorwurf beantwortet, die Reaktion sei im Begriff, in Finnland eine neue "Lappo-Bewegung" aufzuziehen. Die Sozialdemokratische Partei hat ihr Bündnis mit den Kommunisten gekündigt, die sich nun im Kampf um die Juli-Wahlen auf sich allein gestellt sehen; zur Zeit verfügen sie über 27 000 eingeschriebene Mitglieder und rund 200 000 Sympathisierende bei. einer Bevölkerung von vier Millionen Menschen. Die Waffenlager, die noch den Russen auszuliefern sind und auf deren Verwaltung durch seine Polizei Leino Anspruch erhob, hat Präsident Paasikivi sicherstellen und der finnischen Armee übergeben lassen.

So zeigt eine Kette, von Ereignissen, daß Leino und seine Kommunisten in die Defensive gedrängt sind. In seinen Augen bedeutet dies, wie er in einer Rundfunkansprache erklärte, daß "das ganze finnische Volk mit Ausnahme der Kommunisten den Pakt mit der Sowjetunion sabotiere". Hinsichtlich der Polizei meinte er, die "beweglichen Verbände" beständen aus gänzlich unpolitischen Leuten. Er unterschlug, dabei, daß er noch vor wenigen Monaten 200 Beamte der Staatspolizei durch Leute des kommunistischen Vertrauens hat ablösen lassen. Dagegen gab er zu, daß die von ihm bewaffnete "Hilfspolizei" aus Zivilisten der Linken bestehe.

Der Einsatz der polizeilichen Exekutive unterlegt jetzt dem Sicherheitsausschuß, und damit entfällt ihre Verwendung für kommunistische Zwecke beim Wahlkampf am 1. Juli. Überdies ist die Verstärkung der Armee, die nichtkommunistisch gesonnen ist, trotz der Proteste der Kommunisten nicht rückgängig gemacht worden. Die verstärkte Bewachung der Waffenlager ist eine weitere Sicherheitsmaßnahme.

Ob allerdings dieser freiheitliche Kurs, der... von Präsident Paasikivi mit Zustimmung der überwiegenden Mehrheit aller Finnen klar und mutig geführt wird, sich gegenüber dem russischen Druck, halten kann, ist eine politische Frage, die von allein Mächten westlich des Eisernen Vorhangs sehr ernst beachtet werden sollte. H. A. v. Dewitz