Im Prozeß gegen das OKW, bei dem die Marschalle v. Leeb, v. Küchler, Sperrle, die Generalobersten Hoth, Reinhardt, v. Salmuth, Hollidt, die Generale v. Roques, Reinicke, Warlimont, Woehler, der Generaladmiral Schniewind und der Generalstabsoberrichter Lehmann der Vorbereitung und Beteiligung an Angriffskriegen, der Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt sind, kommt nunmehr die Verteidigung zu Wort. Sie geht davon aus, daß das Bild, das die Anklage entworfen hat, seinen Grundton erhält durch Behauptungen von der Kriegslüsternheit des deutschen Offizierskorps und seiner grundsätzlichen Verachtung des Völkerrechts, Behauptungen, die einer Jahrzehntelangen Propaganda entnommen sind. Nach einer genauen Analyse der Kriegsgründe in den letzten 150 Jahren weist die Verteidigung darauf hin, daß das preußisch-deutsche Offizierskorps gerade zu der Zeit, als sein Einfluß am größten war, nämlich nach 1871, 43 Jahre lang nicht zum Kriege drängte. Schlieffens Wort, daß auch ein siegreicher Krieg ein nationales Unglück sei, wird zitiert, und es wird auch dargelegt, daß die deutsche Militärwissenschaft im Gegensatz etwa zur französischen oder italienischen in erster Linie sich mit dem Abwehr- und nicht mit dem Angriffskrieg beschäftigte. So ist auch Clausewitz’ Werk "Vom Kriege"-als Nr. 1 in die Reihe amerikanischer Militärklassiker aufgenommen worden, während ein Buch des angeklagten Feldmarschalls v. Leeb "Die Abwehr" in der gleichen Reihe als Nr. 2 figuriert. Was die Entwicklung des Kriegsrechts anbetreffe, so habe nach dem Zeugnis des russischen Militärrechtlers de Martens selbst der preußische General v. Hartmann, der sich gegen eine Modifizierung des Kriegsrechts aussprach, doch mit Eifer sich dafür eingesetzt, daß die Beachtung gewisser Kriegsbräuche für eine zivilisierte Armee eine Angelegenheit der Ehre und des Gewissens sei. Andererseits habe der amerikanische Völkerrechtler W. Beach Lawrence den Grundsatz aufgestellt: Um kurz zu sein, muß. der Krieg schrecklich sein, und der USA-General Shermans habe im Bürgerkrieg den Ausspruch getan: "Den Leuten darf nichts gelassen werden als ihre Augen, um über den Krieg zu weinen.

Die Tragik des deutschen Offizierskorps sieht die Verteidigung darin, daß es seiner Erziehung und seiner ethischen Auffassung gemäß zunächst die Mittel nicht durchschaut hätte, mit denen Hitler zu kämpfen pflegte, daß es der dämonischen Natur dieses Mannes, unterlag, dem es nach dem Tode Hindenburgs nicht ganz freiwillig den Treueid leistete. Über diese Feststellung wird man streiten können, ebenso über die von der Verteidigung angeführte Behauptung, daß vor dem Rußlandkrieg, den Hitler den Heerführern als einen unerläßlich notwendigen Präventivkrieg darstellte, die Generale keinen Anlaß gehabt hätten, anzunehmen, daß das Staatsoberhaupt und ihr Oberbefehlshaber sie anlogen und daß sie keine Möglichkeit hatten, die Angaben Hitlers nachzuprüfen. Damals war Hitler immerhin sieben Jahre an der Macht, und die Armee hatte die Blomberg-Krise und Fritsch-Krise sowie die Ermordung Schleichers hinten sich. Andererseits wird niemand, der die deutsche Generalität des Mangels an Zivilcourage zeiht, an der Tatsache vorbeisehen dürfen, daß viele Heerführer im Rahmen des Möglichen Widerstand leisteten. Das wird an dem Beispiel des Feldmarschalls v. Leeb besonders deutlich.

Aus den gleichen Motiven heraus, aus denen Generaloberst Beck im Sommer 1938 in einer Denkschrift Einspruch gegen jede Politik erhob, die Deutschland in Kriege verwickeln könnte, reichte Leeb nach dem Polenfeldzug dem Oberbefehlshaber des Heeres ein Memorandum ein, in dem er darauf hinwies, daß jeder Angriff gegen die Westmächte mit größter Wahrscheinlichkeit den Kriegseintritt, der USA nach sich ziehen müsse. Er schlug daher vor, alle im Westen stehenden, für die Defensive nicht notwendigen Divisionen sofort zu demobilisieren. Am 10. November 1939 berief Leeb in Koblenz eine Geheimkonferenz der Kommandeure der Heeresgruppen A, B und C ein, mit dem Ziel, einen Westfeldzug zu verhindern. Seine Kameraden lehnten jedoch seine Vorschläge als Meuterei ab. In Berlin schrie Hitler 14 Tage später die Heerführer an: "Was sind das für Generäle. die ich zum Krieg treiben muß, anstatt daß es umgekehrt wäre." Den Befehl zur Erschießung russischer Kommissare, der vom OKW direkt an die Armeen unter Übergebung der Heeresgruppen ging; bekämpfte der Feldmarschall mit allen Mitteln. Er wurde fünfmal beim OKH und beim OKW in dieser Sache vorstellig. Die übrigen Heeresgruppenführer und das OKH schlossen, sich diesem Vorgehen an. Praktisch wurde der Befehl kaum durchgeführt, in der Heeresgruppe Leeb wurden von 3000 gefangenen Kommissaren nur 96 als erschossen gemeldet, und zwar nur, um der Meldepflicht zu genügen, denn bei diesen 96 handelte es sich offensichtlich nicht um Exekutionen, sondern um eine Zählung der im Kampf Getöteten. Ebenso legte der Feldmarschall Verwahrung ein gegen Hitlers Befehl vom 14. Mai 1941, der für Vergehen deutscher Soldaten gegen die feindliche Zivilbevölkerung die Kriegsgerichtsbarkeit aufhob und den Verfolgungszwang für Straftaten einstellte. Brauchitsch, dem die Aufhebung des Befehls bei Hitler mißlang? machte ihn dann durch einen Zusatzbefehl unwirksam. Der OKW-Befehl vom 16. September 1941, der für jeden ermordeten deutschen Soldaten die Hinrichtung von 50 bis 100 Partisanen abordnete, wurde durch Feldmarschall v. Leeb nicht weitergegeben.

Die Verteidigung weist endlich darauf hin, daß es unbillig sei, die Führer des Heeres für Vorgänge im rückwärtigen Heeresgebiet, wie sie durch die Tätigkeit der Einsatzgruppen und anderer Polizeiorgane entstanden, verantwortlich zu machen, nur weil diese Einheiten hinsichtlich ihrer Versorgung den Armeen unterstellt waren; hieß es doch in den Richtlinien zum "Barbarossabefehl", daß "im rückwärtigen Armeegebiet und im rückwärtigen Heeresgebiet der Reichsführer SS mit eigenen Organen selbständig und in eigener Verantwortung Sonderaufgaben" durchführe,